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  18.06.2009   23:04   +Feedback

My Lord – Zum Tod von Lord Ralf Dahrendorf

Ralf Dahrendorf, der große deutsch-britische Intellektuelle, Akademiker und Politiker, ist tot. Nun werden viele Nachrufe auf sein ungewöhnliches, Grenzen überschreitendes Leben geschrieben werden, und andere können dies mit Sicherheit besser als ich. Aber ich möchte ein paar eigene Erinnerungen an Lord Dahrendorf festhalten, dem ich persönlich sehr, sehr viel zu verdanken habe.

Anfang 2004, ich hatte gerade meine Promotion abgeschlossen, suchte ich eine erste Anstellung nach der Uni. Aus verschiedenen Gründen zog es mich nach London, aber die Jobsuche gestaltete sich zunächst alles andere als leicht. Meine frühere Englischlehrerin, der ich davon erzählte, fragte mich, warum ich nicht einfach einmal bei Lord Dahrendorf nachfragte. Natürlich kannte ich den großen Dahrendorf, aber warum sollte der sich gerade für mich interessieren?

Nachdem aber auch viele weitere Bewerbungsversuche im Sande verliefen, hatte ich dann doch einen Brief an Lord Dahrendorf geschickt. Ich hatte ja nichts zu verlieren. Zu meiner großen Überraschung dauerte es keine Woche, bis ich von seiner Sekretärin eine Antwort-Email erhielt (er selbst pflegte die größtmögliche Distanz zu moderner Technik). Lord Dahrendorf habe meinen Brief mit Interesse gelesen und würde sich freuen, mich bald in London zu treffen.

Wahrscheinlich weil ich mein Glück nicht fassen konnte (vielleicht war ich aber auch einfach nur optimistisch und naiv), hatte ich daraufhin den Umzugsdienst bestellt und bin tatsächlich nach London gezogen. Die bloße Aussicht auf ein Treffen mit Lord Dahrendorf schien dies vollkommen zu rechtfertigen.

Einmal in London angekommen, tat sich in den ersten Wochen dann allerdings rein gar nichts. Der Lord sei sehr beschäftigt, vertröstete mich seine Sekretärin ein ums andere Mal. Da war ich nun in London in meiner kleinen, teuren Wohnung und Dahrendorf hatte keine Zeit für mich. Wofür war ich eigentlich umgezogen?

Als mir Dahrendorfs Sekretärin wieder einmal keinen Termin bei ihm geben konnte, hatte ich genug von der Warterei. Ich nahm ein Exemplar meiner Doktorarbeit, legte einen Zettel dazu, dass ich mich über einen baldigen Gesprächstermin doch sehr freuen würde, und gab beides direkt am House of Lords für ihn ab.

Es dauerte nur ein paar Tage, bis ich einen Anruf von Dahrendorfs Büro erhielt. Er wollte mich nun dringend sprechen. Wann ich denn in nächsten Tagen Zeit für ihn hätte, fragte mich seine Mitarbeiterin allen Ernstes – als ob ich etwas Besseres vorgehabt hätte!

So kam es jedenfalls, dass ich an einem Morgen im Mai 2004 zum ersten Mal Lord Dahrendorf im House of Lords begegnete. Er begrüßte mich freundlich und fragte „Nun, Herr Dr. Hartwich, in welcher Sprache sollen wir uns denn unterhalten?“ „Das überlasse ich ganz Ihnen“, antwortete ich, und Dahrendorf stellte fest, dass es ja für ein Bewerbungsgespräch in England ganz angemessen sei, wenn wir es in englischer Sprache führten. Also sprachen wir fortan kein weiteres Wort Deutsch.

Lord Dahrendorf führte mich durch das britische Oberhaus. Mit seinen Holzvertäfelungen, den uralten Bänden in seiner Bibliothek und dem Geruch von Jahrhunderten britischer Geschichte wäre es auch für sich genommen schon eine eindrucksvolle Besichtigung gewesen. Neben Ralf Dahrendorf verblasste aber sogar das House of Lords.

Er erzählte mir, dass er meine Dissertation gelesen habe und davon beeindruckt gewesen sei. Wenn er mir irgendwie helfen könnte, dann würde er dies gerne tun. Wir gingen in eine der für die Lords reservierten Bars und bestellten Tee. Zu meiner Überraschung stellte sich das House of Lords als der wohl einzige Ort in Großbritannien heraus, an dem es keinen Earl Grey Tea gab, aber diese Ironie nur am Rande.

Jedenfalls unterhielten wir beiden Deutschen uns auf Englisch bei English Breakfast Tea eine gute Stunde über Gott und die Welt, über Dahrendorfs Begegnungen mit Milton Friedman (den er mochte) und Friedrich Hayek (den er offenbar nicht ausstehen konnte). Ich erinnere mich gut, wie Dahrendorf von einer Geburtstagsfeier für Hayek an der London School of Economics erzählte, bei der der Jubilar den Gästen am späten Abend statt einer Ansprache einen langen Vortrag über die Vorzüge des Freihandels hielt. Dahrendorf hielt dies für etwas zu viel des ideologischen Eifers. Zu Dahrendorf selbst hätte dies sicherlich nicht gepasst.

Nachdem wir so über alles Mögliche gesprochen hatten, nur nicht über meinen Job, den ich so dringend brauchte, verabschiedete sich Lord Dahrendorf von mir und versprach, sich für mich umzuhören. Ich dürfe ihn aber auch gerne als Referenz in meinen Bewerbungen verwenden. Einen Tag später hatte ich eine befristete Stelle bei einem seiner Fraktionskollegen bei den Liberal Democrats.

Es gibt wohl kein besseres Sprungbrett für eine politische Karriere in Großbritannien, als eine Weile im House of Lords zu arbeiten. Die Erfahrungen und Kontakte, die sich daraus fast zwangsläufig ergeben, sind unbezahlbar. Ohne diesen ersten Job hätte ich weder meine späteren Arbeitgeber kennengelernt und übrigens auch nicht die Herausgeber der Achse des Guten. Für mich fängt alles immer mit Dahrendorf an.

Auch später hatte Dahrendorf mir noch geholfen. Als ich einmal einen Artikel für die Neue Zürcher Zeitung geschrieben hatte, erhielt ich noch am selben Tag eine Email vom damaligen Chefredakteur von Capital. Lord Dahrendorf hätte ihn auf meinen Artikel aufmerksam gemacht für den Fall, dass er noch einen neuen Kolumnisten für sein Magazin suchte. Und plötzlich war ich Capital-Kolumnist.

Bedankt habe ich mich bei Lord Dahrendorf für all dies mehrfach, aber ich glaube, er wollte dies gar nicht hören. Wenn wir uns in Westminster begegneten, dann grüßte er stets freundlich. Man sprach ein paar Worte miteinander, aber viel mehr Kontakt hatten wir in letzter Zeit leider nicht, zumal er auch wieder mehr Zeit in Deutschland verbrachte. Warum er mir so sehr und so oft geholfen hat, das weiß ich immer noch nicht.

Als wir damals bei unserem Tee im House of Lords saßen, da fragte mich Lord Dahrendorf, wo ich mich denn in fünf Jahren sähe – eine Frage, auf die ich keine Antwort für ihn hatte. Ich wäre damals schon froh gewesen, wenn ich gewusst hätte, wo ich in fünf Wochen bin. Heute, ziemlich genau fünf Jahre danach, bin ich in Sydney und Lord Dahrendorf ist tot.

In vielen Nachrufen auf Ralf Dahrendorf steht, er sei ein Glücksfall für die Bundesrepublik gewesen. Das ist sicher richtig. Aber er war auch mein eigener, ganz persönlicher Glücksfall. Farewell, my Lord. Danke für alles.

(Dr. Oliver Marc Hartwich)


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