Richard Wagner 20.11.2009 10:35 +Feedback
Münchhausen von der Securitate
„Ex-Securitate-Mann greift Herta Müller an“, lautet die Schlagzeile. Sie wird gerne genommen. Worum aber geht es wirklich?
Wenn ein Geheimdienstler redet, kann man davon ausgehen, dass er damit eine Absicht verbindet, und dass der Wahrheitsgehalt seiner Aussage dem entsprechend gering zu veranschlagen ist. Mithilfe von Geheimdiensterfahrungen nach der historischen Wahrheit zu fragen, hieße, das Labyrinth betreten, in der Annahme, so das offene Meer zu erreichen. Wie soll ein Hirn, das auf Manipulation eingestimmt wurde, die verbindliche Wahrheit rekonstruieren können? Wer über einen längeren Zeitraum für einen Geheimdienst tätig war, war es um den Preis der Paranoia. Er wird dir zwar alles erklären können, aber nur mit seiner Verschwörungstheorie.
Der Ex-Securitate-Mann, der jetzt in einer rumänischen Tageszeitung Herta Müller angreift, heißt Radu Tinu. Er war am Ende der achtziger Jahre stellvertretender Leiter der Temeswarer Regionalniederlassung des Dienstes. In dieser Funktion war er zuletzt auch an den Unterdrückungsaktivitäten gegen den Dezemberaufstand von 1989 in der Stadt maßgeblich beteiligt. Zeitweise auch an den äußerst brutal geführten Vernehmungen Rebellierender im Temeswarer Untersuchungsgefängnis. Nein, Tinu war kein Folterer, er war ein primitiver Schläger, ein staatlich organisierter Skinhead.
Radu Tinu gehört zu den wenigen Securitate-Offizieren, die nach der Revolutionswende inhaftiert wurden. Er blieb knapp zwei Jahre in Untersuchungshaft, und wurde anschließend, wie er es gerne formuliert, freigesprochen. In Wirklichkeit wurde er mangels Beweisen auf freien Fuß gesetzt.
Nach seiner Gefängnis-Zwischenparkung versuchte er in der Wirtschaft Fuß zu fassen, gründete mindestens zwei Firmen mit arabischen Geschäftspartnern, die in Temeswar studiert hatten, und mit deren Observation er seinerzeit bei der Securitate zu tun bekam. Er behauptet gelegentlich, einige von ihnen damals erfolgreich angeworben zu haben. Das große Geschäft hat er aber mit diesen seinen Angeworbenen nicht gemacht, weder nachrichtendienstlich noch ökonomisch. Vielmehr geriet er in eine bis heute nicht ganz aufgeklärte Affäre der 90er Jahre um den Zigarettenimport.
So war Radu Tinu unter den Erfolgreichen mit Geheimdienstvergangenheit eher der Loser, den man nicht fallen lässt. Sein Retter war ein ehemaliger Kollege aus dem rumänischen Süden, Ioan Niculae, der es in den Neunzigern mit Agrargeschäften zu einem Mischkonzern beachtlicher Größenordnung gebracht hat. Dazu gehört auch das Versicherungsunternehmen Asirom.
Niculae ernannte seinen Kumpel aus den frühen gemeinsamen Berufsjahren im Donauhafen Alexandria zum Regionaldirektor des Versicherers in Temeswar. Aber auch hier kam Tinu bald wegen eines Skandals und der Androhung von Handgreiflichkeiten ins Gerede. Sein Streit mit dem Bauunternehmer Seracin, führte beinahe zur Zwangsauktion des Bürohauses von Asirom. Seine Gegner hatten schon die Versteigerung des Direktorensessels vor Augen.
Radu Tinu ist also einer, der mitschwimmt, seine gute Laune aber sucht er sich durch die Statements zur jüngsten Vergangenheit zu verschaffen. Er erklärt sich gerne zum Zeitzeugen. Ihm sind nicht wenige der haarsträubenden Szenarien um den Machtwechsel in Rumänien zuzuordnen. Für ihn ist der Sturz des Diktators Ceausescu das Ergebnis eines Komplotts von CIA, KGB und ungarischer AVO. Selbst der Pastor Tökes gilt ihm als Agent, der von den Geheimdiensten positioniert wurde, um diesen die Möglichkeit zu geben, den Aufstand zu provozieren. Ihm konnte natürlich auch die diesjährige Literatur-Nobelpreisträgerin nicht entgehen, zumal sie zu den radikalsten Kritikern der Securitate gehört.
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Da uns die Securitate-Akten zur Verfügung stehen, sind wir diesmal in der komfortablen Lage, seine Behauptungen überprüfen zu können. Als Teaser sozusagen erzählt Tinu, er habe die Abhör-Wanze in Herta Müllers Wohnung eingebaut. Bei der Frage des Journalisten, wo er sie platziert habe, musste er allerdings passen. Wir können ihm in der Frage aushelfen: Sie war im Parkett, und war dort von der Wohnung unterhalb unserer aus in den Fußboden eingesetzt worden. In den Akten befindet sich auch das Durchführungsprotokoll der Securitate. An dem Vorgang waren vier Offiziere beteiligt. Tinu ist nicht darunter.
Auch ist er niemals Herta Müller persönlich begegnet. Er war für unsere Autorengruppe erst ab 1987, nach unserem Weggang aus Rumänien zuständig, und seine Spuren in unseren Akten haben vor allem mit Maßnahmen der Diskreditierung, Kompromittierung und Isolierung in Deutschland zu tun. Er war an diversen Intrigen und Manipulationen beteiligt, die uns in ein schlechtes Licht rücken sollten.
In etwa das Gleiche, wie jetzt im Interview, in dem er Herta Müllers Glaubwürdigkeit in Frage stellt: Sie „fabuliere“ viel, und der Gipfel, sie habe eine „Psychose“. Gleichzeitig behauptet er, Herta Müller sei wegen ihrer spionageverdächtigen Kontakte zu einem Kulturattaché der deutschen Botschaft in Bukarest beobachtet worden. Auch hier lässt sich leicht ein Veto einlegen. Im Eröffnungsbericht der Akte von Herta Müller wird als Grund ihre schriftstellerische Arbeit angegeben.
Fazit: Radu Tinu lügt wie eh und je. Dazu der Temeswarer Schriftsteller Viorel Marineasa auf eine Journalistenfrage: „Ihnen, den Securitateleuten, fehlt das Rückgrat. Sie haben das Land ins Unglück gestürzt.“
Die rumänischen Originaldokumente der Securitate zur Installation des Mikrophons finden Sie hier:
http://www.halbjahresschrift.blogspot.com/
und hier:
http://www.rfi.ro/corespondentii_rfi/Un-fost-securist-banuit-ca-dezinformeaza.html


