Marko Martin 25.10.2010 23:48 +Feedback
Miriam lebt!
Vor einer Woche war an dieser Stelle ein melancholischer Nachruf auf die in Tel Aviv lebende israelische Foto-Pionierin Miriam Weissenstein zu lesen gewesen. Nun stellt sich glücklicherweise heraus, dass die alte Dame, 1913 geboren und 1921 aus der damaligen Tschechoslowakei ins damalige Palästina gekommen, noch überaus lebendig ist. Huschigkeit des Chronisten oder gar ein Beleg dafür, dass in der traditionellen Fabelwelt des Nahen Ostens inzwischen ein magischer Realismus lateinamerikanischer Provenienz Einzug gehalten hat? Viva Miriam…
Tatsache jedenfalls ist, dass die schwarzgerahmten Bilder in der Ladenvitrine, die Frau Weissenstein in beinahe allen Lebensaltern präsentieren – die eindrucksvollsten zeigen sie als junge Schönheit singend und springend am Meer oder zusammen mit einem David Ben Gurion in weit offenem Hemdkragen und weißem Wuschelhaar – keineswegs ihr Ableben signalisieren sollten, sondern eine Art Geburtstagswürdigung darstellen. Zugegeben, wie hätte man derlei ahnen sollen, umso mehr „Photo Prior“, gelegen am pittorsk heruntergekommenen Strandende von Tel Avivs einstmaliger Prunkmeile Allenby Street, just jedes Mal geschlossen hatte, als der Autor dieser Zeilen daran vorbei flanierte, sich wehmütig an seine zahlreichen Besuche bei der anekdotenfreudigen Greisin erinnernd.
In den neonhellen Kiosken und Zigarettenläden der Nachbarschaft schaute man derweilen ungläubig und entsetzt auf die im Fernsehen als zutiefst beunruhigende Endlosschleife gezeigten Hassreden des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, während draußen im orange-violetten Abendlicht die Ruine des ehemaligen Hotels „Galim“ (zu Zeiten der britischen Mandatszeit das Hauptquartier der Polizei) weiter vor sich hinrottete. Das im Camp-David-Hoffnungsjahr 2000 als zukünftige Botschaft eines demokratisch-friedlichen Palästinenserstaates vorgesehene Haus an der Ecke HaYakon stand weiterhin leer, sein Parterre-Café mit den knusprigen Croissants und den sanften Joe-Dassin-Songs hatte pleite gemacht, und auch der Buchladen Landsberger, in dem Kafkas getreuer Freund Max Brod noch Stammkunde gewesen war, war inzwischen abgewandert.
Schien da nicht der Trauerflor im Photo-Haus Weissenstein nur ein weiteres Indiz für eine gewisse Resignation, eine post-zionistische Müdigkeit?
Wehe aber den Kleingläubigen! Denn tauchte nicht weiterhin jeden Abend auf dem Vorplatz des nahe gelegenen Carmel-Marktes ein in verschlissene rote Seide gehüllter Messias auf, der sich Bagel und Mineralwasser bringen ließ und dennoch die angeblich so verderbten Tel Aviver beschimpfte? Und wurde ihm nicht gekontert – am liebsten zweistimmig von einem Jeans tragenden Rastafari und einem Ultra-Orthodoxen, die jedes Mal im Chor riefen: „Du bist nicht der Messias, bist du nicht!“ Während dessen verabredeten sich weiter schöne Frauen mit schönen Männern – sofern es diese nicht vorzogen, in die Towel off-Parties im Club „Paradise“ abzutauchen, wo sich Hedonismus berückend auf Patriotismus reimt und alle Rekruten freien Eintritt haben.
Und oben am Alten Hafen würde auch in dieser oder einer kommenden Nacht der Kult-DJ Offer Nissim bei „TLV forever“ auflegen, während Miriam, die sich so gern von den verrückten Neuigkeiten in ihrer Stadt erzählen ließ – Miriam nun auferstanden ist und zwar gänzlich ohne die Hilfe des Messias. Sage nur einer, zaubrische Real-Phantasien gäbe es allein in den Wälzern von Garcia Marquez und Mario Vargas Llosa! Reisender, kommst du also in Tel Avivs Allenby Street, be prepared…
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Kategorie(n): Ausland


