Walter Schmidt 19.11.2008 17:09 +Feedback
Migranten raus - aus der Statistik!
Seit dem Regierungswechsel im Frühjahr 2008 unternimmt die Hamburger Schulbehörde so allerhand, um dafür zu sorgen, daß die Hansestadt nicht weiterhin eines der Schlußlichter im innerdeutschen PISA-Vergleich bleibt. So verspricht sich die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch z.B. von der Einführung einer sechsjährigen Primarschule und dem damit verbundenen längeren gemeinsamen Lernen bessere Lernerfolge durch das Vermeiden einer allzu frühen sozialen Auslese der Schülerinnen und Schüler ausgehend von ihrem bildungsbürgerlichen oder eben nicht bildungsbürgerlichen Hintergrund. Darüberhinaus sollen sog. “Kompetenzraster” an die Stelle traditioneller Wissensvermittlung treten, da sie besser geeignet seien, das individuelle Lernen der Kinder zu unterstützen.
Doch wie die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie zeigen verbleibt Hamburg trotz aller bildungspolitischen Anstrengungen des schwarz-grünen Senats weiterhin gemeinsam mit Bremen die rote Laterne der innerdeutschen PISA-Tabelle und ist damit nicht nur im eigenen Lande stark abstiegsfährdet sondern liegt auch in sämtlichen untersuchten Bereichen, sprich Mathematik, Naturwissenschaften sowie bei der Lesekompetenz, eindeutig weit unter dem sog. OECD-Durchschnitt.
Anstatt nun jedoch selbstkritisch einzugestehen, daß man ganz offensichtlich irgendetwas falsch gemacht haben muß, hat sich die Hamburger Schulbehörde auf die Suche nach den Schuldigen begeben und ist dabei, man höre und staune, auf die ansonsten gerade von der GAL eher verhätschelte soziale Risikogruppe der MigrantInnen gestoßen.
Neben eher bemühten und wenig überzeugenden Erklärungen der grünen Schulsenatorin Christa Goetsch zur Hamburger Bildungsmisere hat die Schulbehörde jetzt auf ihrer eigenen Website (http://www.hamburg.de/nofl/862118/2008-11-18-bsb-pisa-2006.html?print=true) tatsächlich damit begonnen, die inzwischen offensichtlich gar nicht mehr so gern gesehenen MigrantInnen aus der für Hamburg eher peinlichen PISA-Statistik herauszurechnen, und siehe da: “Alles wird gut!”
Auf einmal finden wir die Freie und Hansestadt bei der Mathematischen Kompetenz nicht mehr auf Platz 15 sondern auf Platz 4 bzw. 8, bei der Lesekompetenz auf Platz 5 bzw. 8 und bei der naturwissenschaftlichen kompetenz auf Platz 3 bzw. 9 statt auf dem ungeliebten vorletzten Rang.
“Wie schön wäre doch das Leben an den Hamburger Schulen ohne die Migrantinnen und Migranten, die der Bildungspowerstadt Hamburg in die Suppe spucken und die Preise verderben!” So oder ähnlich ließen sich die tiefschürfenden Konsequenzen der Hamburger Schulbehörde in puncto PISA-Katastrophe, Teil III zusammenfassen.
Oder um mit den Aussagen von Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL) zu sprechen:
“Das Ziel ist klar: Die Zahl der risikoschüler muß drastisch gesenkt und die Zahl der Spitzenleistungen deutlich erhöht werden. Gleichzeitig werden wir die Sprachförderung und die Integration gerade von jugen Migrantinnen und migranten der zweiten Generation auf allen Ebenen weiter in den Mittelpunkt unserer Anstrengung rücken.”
Bis dieses anspruchsvolle Ziel erreicht ist, blickt Christa Goetsch schon mal vorsorglich über den Zaun, indem sie in polnischen Grundschulen hospitiert, die ihr als Vorbild für die von ihr propagierte Bildungsoffensive im Hinblick auf die Einführung der Primarschule dienen sollen.
Vielleicht hätte sie sich die Fahrt in unser östliches Nachbarland sparen können, denn in Berlin gibt es die sechsjährige Grundschule bereits seit 1945, ohne daß der Lernerfolg Berliner Schülerinnen und Schüler bei PISA in irgendeiner Form signifikant gestiegen wäre.
Natürlich hätte Christa Goetsch auch nach Sachsen reisen können, um sich dort zu informieren, wie man trotz geringerer sozialer Unterschiede im Hinblick auf den bildungsbürgerlichen Hintergrund der Eltern gute Schule machen kann, die auch die gewünschten positiven Ergebnisse ausgehend von einem schulischen Zweisäulenmodell aus Gymnasium und Mittelschule zeitigt.
“Der Ossi ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum!” sagt ein ostdeutsches, leicht abgewandeltes Nachwendesprichwort.
Doch mit einem sog. “Flächenland” wie Sachsen kann und möchte sich der Stadtstaat Hamburg natürlich auf gar keinen Fall vergleichen. Stattdessen betreibt man lieber weiter die vielgeliebte ideologische Bildungsoffensive, und wenn auch beim nächsten PISA-Test Hamburg wieder meilenweit hintwer Sachsen zurückbleiben wird, kennt man, glaubt man den Rechenbeispielen der Hamburger Schulbehörde, schon jetzt die wahren Schuldigen an der Misere: die Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation!
In diesem Sinne: “Ausländer, pardon, Migrantinnen und Migranten raus aus der PISA-Statistik!”
Und alles wird gut!
Permanenter Link | Druckversion
Kategorie(n): Inland


