10.10.2008 07:11 +Feedback
Michael Kastner: Die Krise und der Herzfrequenzmesser
Die landläufige Vorstellung von Wirtschaftskrisen geht davon aus, daß die
meisten Marktakteure, insbesondere jene an der Börse, in mehr oder minder
regelmäßigen Intervallen von einem Virus namens Gier befallen werden. Dieser
Virus springt dann von den Börsianern auf die Banken über und von diesen auf
irgendwelche anfälligen Branchen wie weiland die Dot-Coms oder aktuell die
Immobilienindustrie und letztendlich werden alle davon befallen.
Dieses Bild von Boom und Bust, dem typischen Konjunkturzyklus, grassiert auch
als vulgärmarxistische Todesspirale, dernach sich die Marktwirtschaft immer
schlimmer und immer schneller infizieren wird, bis sie am Ende engültig das
zeitliche segnet und dann Weg in den Orkus des historischen Materialismus findet.
Aber ganz so fatalistisch ist die ganze Geschichte denn doch nicht.
Entwicklungsgeschichtlich hat die Menschheit überlebt, weil jeder Einzelne seine
Verhaltensweise an jenen Ideen und Vorstellungen ausgerichtet hat, die in der
Vergangenheit erfolgreich und deshalb für die absehbare Zukunft
erfolgversprechend waren.
Kapitalbildung oder sparen sind solche Ideen. Man verfrühstückt oder versäuft
nicht sofort das gesamte Einkommen, sondern legt etwas davon zurück um sich
später etwas zu kaufen. Irgend ein Gut von dem man erwartet, daß der zukünftige
Genuß oder Ertrag größer ist als der Konsum auf den man verzichtet hat.
Wenn ein Bauer dieses Jahr eine bestimmte Menge an Saatgut aus der Ernte
zurücklegt, um daraus im folgenden Jahr entsprechend mehr zu erwirtschaften,
dann verzichtet er dieses Jahr auf Konsum und baut Kapital für das nächste Jahr auf.
Genauso macht es der Fabrikant, der die Erträge aus einer Maschine nicht sofort
in einer flotten Sause auf einer Yacht in der Karibik verbrät, sondern a. seine
Abschreibung damit ausgleicht, also erstmal versucht bestehendes Kapital zu
erhalten und b. weiterspart, bis er sich ein zweite oder eine bessere Maschine
leisten kann.
Und wenn dann noch etwas übrig bleibt, dann hat der Fabrikant eine Rendite
erwirtschaftet. Dafür gibt es allerlei Formeln, die je nach Zeithorizont und
Zielsetzung variieren, aber das Prinzip ist immer das gleiche.
Man verzichtet auf Konsum, verwendet diesen verzichteten Konsum, um etwas
herzustellen oder zu kaufen, das am Ende eine höheren Konsum verspricht. Dieses
Verhältnis zwischen Konsumverzicht(Kapitalbildung) und der Zeit, die man bereit
ist, verstreichen zu lassen, trägt den Namen Zeitpräferenzrate.
Je höher die zukünftig erwartete Rendite ist, desto lönger ist jemand bereit,
auf aktuellen Konsum zu verzichten.
In der Regel liegt die Rendite für ein für die Dauer eines Jahres eingesetztes
Kapital irgendwo zwischen drei Prozent. Oder andersrum: Jemand ist bereit, ein
Gut nicht sofort zu verkonsumieren und es dafür liegen zu lassen, wenn der davon
ausgehen kann, daß er bei Einsatz des Gutes als Kapital am Ende des Jahres von
dieser oder einer vergleichbaren Sache drei Prozent mehr hat.
Die Vermutung, daß die Rendite zwischen drei und fünf Prozent liegt, ist nicht
aus der Luft gegriffen, sondern läßt sich sehr schön an einem Indikator, nämlich
dem durchschnittlichen Zinssatz ablesen, der sich infolge der bereits erwähnten
Zeitpräferenzrate ergibt.
Wenn ein Bauer oder ein Fabrikant gerade nicht das notwendige Kapital, sprich
Saatgut oder Maschine, zur Hand hat, aber davon ausgeht, daß er bei
Vorhandensein dieser Güter einen entsprechende Rendite erzielen könnte, dann
kann er versuchen von jemandem, diese Güter besitzt oder über das Geld für diese
Güter verügt, einen Kredit aufzunehmen. Der Verleiher wird in der Regel einen
Zins verlangen der etwas unter der Rendite liegt. Sonst würden weder Bauer noch
Fabrikant einen Kredit aufnehmen.
In einer Wettbewerbswirtschaft wird der Zins immer etwas unter der erzielbaren
Durschnittsrendite des Gesamtmarktes liegen.
Die Bereitstellung von Krediten und die Tilgung erfolgt in funktionierenden
Märkten in der Regel mit einem Gut, daß sich einfach tauschen läßt. Dieses Gut
ist das Geld. Der Verleiher muß dem Bauern keine Körner bereitstellen und dem
Fabrikanten keine Maschine. Er muß den beiden lediglich ein Gut zur Verfügung
stellen, das wiederumg der Hersteller von Saatgut oder der Hersteller von
Maschinen auch akzeptieren.
Diese Geldfunktion haben, in vielen Teilen der Welt über Jahrtausende hinweg,
bestimmte Edelmetalle wie Gold oder Silber, übernommen. Sie waren einfach zu
lagern, konnten beinahe beliebig gestückelt werden, waren transportierbar und
sie wurden von vielen Menschen als wertvoll betrachtet.
Ich versuche jetzt mal die heilige Kurve zu kriegen. Das ist der Punkt, an dem
der Pfarrer in der Kirche endlich von seinem Alltagserlebnis an der
Konstablerwache die Verbindung zu Paulus Römer 13 herstellt.
Also, jetzt wird es interessanter und ich versuche mal zu erklären, was die
Zeitpräferenzrate, der Zins und das Geld mit der Finanzkrise zu tun hat.
Wer die Berichterstattung auf den diversen Medien mehr oder minder aufmerksam
verfolgt, wird wohl mitbekommen haben, daß der Zins schon längst nicht mehr
durch Preisbildung am Markt entsteht, sondern daß die Zinsfestsetzung durch die
Zentralbanken erfolgt. Indem die Zentralbanken den Zins festsetzen, können sie
den Märkten Signale über das Verhältnis Konsum und Konsumverzicht, sprich
Kapitalbildung geben.
Wir erinnern uns: ursprünglich war ja der Zins die Anzeige, bzw. der Preis wie
sich Konsum und Kapitalbildung zueinander verhalten. Der Zins bildet die
Verzichtsbereitschaft der Marktteilnehmer ab.
Der Zins war ursprünglich eine Art Herzfrequenzmesser der Wirtschaft. Das Geld,
d.h. das durch Realwerte gesicherte Tauschmittel, war die Maßeinheit in der
Kapitalwert und Zins ausgedrückt wurden.
Indem nun die Zentralbanken den Zins und Geldmenge festlegen, versuchen sie den
Herzschlage des Körpers mit Hilfe der Einstellungen am Herzfrequenzmesser zu
steuern. So absurd es klingt, so absurd ist es auch.
Die Geschichte der letzten einhundert Jahre ist auch eine Geschichte der
eskalierenden Wirtschaftskrisen. Es ist die Geschichte von Patienten, deren
Herzfrequenz nicht mehr gemessen, sondern nur noch vorgegeben wird.
In den USA wurde diese Entwicklung mit der Schaffung der Federal Reserve Bank
und dem damit verbundenen langen Abschied vom Goldstandard im Jahre 1913
eingeleitet. In Deutschland wurde die Goldeinlösepflicht für die Reichsmark im
Jahr 1914 abgeschafft.
Am Anfang eines Konjunkturzyklus senken die Zentralbanken die Zinsen und
verbilligen Kredite, die die Geschäftsbanken erhalten. Für die Marktakteure sind
billige Zinsen ein Signal, daß sich etwas an der Zeitpräferenz geändert hat. Sie
gehen davon aus, daß sich Investitionen schneller amortisieren. Das Zinssignal
sagt dem Unternehmer, daß eine Maschine, für die er unter normalem Zins etwa
drei Jahre zur Rückzahlung gebraucht hätte, jetzt vielleicht schon innerhalb von
zwei Jahren bezahlt werden kann. Also kann er schneller eine neue produktivere
oder eine zusätzliche Maschine kaufen.
Am Markt, an den Menschen und an deren Einstellung hat sich überhaupt nichts
verändert. Das einzige, was sich verändert hat, ist das Zinssignal, sprich die
Kurve des Herzfrequenzmessers, und damit das Signal, das den Marktteilnehmern
über das Verhältnis von Konsum und Kapital mitgeteilt wird. Dem Patienten wird
mitgeteilt, er müsse sein Verhalten ändern, weil die Anzeige am Meßgerät
geändert wurde. Der Patient ist davon überzeugt, daß der Gerät die tatsächliche
Frequenz anzeigt.
Dabei wurde sie vom Arzt herabgesetzt, um dem Patienten zu signalisieren, daß er
sich gefälligst mehr bewegen soll.
Es werden mehr Güter, zunächst auf der Investitionsgüterebene, dann auf der
Konsumebene, hergestellt, als dies bei freier Zinsbildung möglich gewesen wäre.
Gleichzeitig erhöht sich aber auch die im Markt befindliche Geldmenge. Sie
“sickert” zunächst von der Zentralbank zu den Geschäftsbanken, von den
Geschäftsbanken zu den Produzenten und von den Produzenten zu den Konsumenten.
An der Gütermenge, an den Zeitpräferenzen hat sich weiterhin nichts geändert.
Geändert hat sich die Vorstellung, daß Kapitalerwerb günstiger geworden ist und
daß mehr Kapital, in Form von Geld an den Märkten vorhanden ist.
Dem Patienten wird mitgeteilt, die Herzfrequenz sei zu niedrig. Deshalb müsse er
sich mehr bewegen. Man verabreicht ihm vielleicht noch ein paar blutverdünnende
Mittel und es wird ihm empfohlen, fünf Kannen Kaffee am Tag zu trinken und noch
etwas Adrenalin und Testosteron einzunehmen. Wohlgemerkt, dies geschieht
aufgrund des Wertes, den der Arzt auf dem Frequenzmesser eingestellt hat.
Die Produzenten stellen also mehr her, aber die Konsumenten, zu denen das
inflationierte Geld letztendlich auch gelangt kaufen auch mehr, da das Kapital
ja verbilligt wurde. Da der Fabrikant von seiner Bank schneller einen Kredit für
die neue, bzw. zweite Maschine bekommt, kann er günstiger und mehr produzieren.
Und die Konsumenten können letztendlich billigere Produkte kaufen, als sie es an
einem Markt gekonnt hätten, an dem die Zentralbank nicht interventioniert hätte.
Die Vorstellung billigen Kapitals führt dazu, daß sich das Verhältnis von
Kapital und Konsum zugunsten des Konsums und zu Lasten des Kapitals verschiebt.
An der Einstellung der Menschen hat sich weiterhin nichts geändert. Was sich
geändert hat, ist die Vorstellung, daß man weniger lange sparen, d.h. auf
gegenwärtigen Konsum verzichten muß, um erstens an Kapital zu kommen und b. um
ein Konsumgut zu kaufen.
Aber dies ist eben nur eine Illusion, die durch billige Zentralbankkredite
geschaffen wurde.
Der Patient zittert am ganzen Körper und wird hyperaktiv. Der Arzt den Ausschlag
für die Herzfrequenz noch weiter.
Nun hat sich aber nicht nur der Zins geändert, sondern die gesamte Geldmenge
wurde erhöht. Wo früher etwa 1.000,- Euro oder Dollar im Umlauf waren, sind es
nun 1.100 Euro oder Dollar. Dies schlägt sich am Ende wiederum in einer Erhöhung
der Preise nieder.
Sobald die Zentralbank die zusätzliche Kreditvergabe wieder einstellen würde,
könnte sich das ursprüngliche Verhältnis zwischen Kapitalbildung und Konsum
wieder einstellen.
Es gäbe eine kurze Umschichtung oder Rezession, eine zeitweilige Deflation und
dann würde sich wieder ein natürliches Verhältnis zwischen
Kapitalbildung(Konsumverzicht/Sparen) und Konsum einstellen.
Aber solche ein Verhalten ist in der Regel politisch nicht erwünscht, weil die
Konsumenten sich ja an die - zunächst - günstigeren Güter gewöhnt haben und die
Geschäftsbanken und Produzenten es mittlerweile gewöhnt sind, billige Kredite zu
erhalten.
Für unseren Patienten, der sich an die fünf Kannen Kaffee gewöhnt hat, bedeutet
dies, daß man ihm nun das Koffein intravenös verabreicht und der verabreichte
Homroncocktail vervielfacht wird.
Die Vorstellung aller Marktteilnehmer schneller an Konsumgüter heranzukommen und
immer schneller seine Produktionsanlagen erweitern bzw. erneuern zu können, wird
politisch mit immer günstigeren Zinsen und einer immer schneller steigenden
Geldmenge bedient. Und selbstverständlich leben auch die Banken, bei denen die
Zentralbankkredite als erste ankommen, in der Vorstellung immer mehr und immer
günstigere Kredite vergeben zu können.
Das sind immer noch genau die gleichen Menschen, wie sie seit Jahrtausenden auf
diesem Planeten leben. Sie sind nicht gieriger geworden. Es wurde lediglich
durch billige Kredite die Vorstellung erzeugt, daß sie weniger sparen und dafür
mehr konsumieren sollen.
Sie reagieren vollkommen vernünftig, aber auf vollkommen unvernünftige Signale
eines Gerätes, das nichts mehr mißt, sondern nur noch Vorgaben macht.
Doch anstatt die Krise durch eine Rückkehr zu einer realgedeckten Währung auf
Basis allgemein handelbarer Güter wie Gold, Siber oder anderen marktgängigen
Werten zu beenden, was sicherlich ein sehr schmerzhafter, aber heilsamer Weg
wäre, präsentiert die Politik ein “Weiter so!”
Statt bei dem zuvor gesunden und jetzt kollabierten Patienten die Koffein- und
Hormonzufuhr einzustellen, wird die Blutdruckanzeige auf fast 0 gesetzt. Das
Herz rast, die Augen quellen hervor, die Schlagadern am Hals sind kurz vor dem
Platzen aber der Arzt schiebt noch eine paar Kanülen Blutverdünnungsmittel
hinterher.
Die Zentralbanken diesseits, jenseits und auch in der Mitte des Atlantiks kaufen
Schuldtitel auf, senken die Zinsen und pumpen immer mehr billiges Kreditgeld in
den Markt. Allerdings ist bereits so viel billiges Kreditgeld im Markt, daß die
zusätzlichen Beträge von den Teilnehmern kaum noch wahrgenommen werden.
Es wird versucht das Problem der Währungskrise mit genau jenen Mitteln zu lösen,
die sie überhaupt erst geschaffen haben.
Dies ist definitiv keine Krise des Kapitalismus, es ist keine Krise, die durch
die Gier von Bankern oder hochbezahlten Managern verursacht wurde.
Diese Krise wurde durch staatlichen Interventionismus und zentralplanerische
Geldpolitik ausgelöst.
Der Patient ist ja auch selbst schuld, wenn er stirbt. Er war ja so blöd und hat
auf den Arzt gehört.
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Kategorie(n): Wirtschaft

