Gastautor 03.01.2010 13:33 +Feedback
Menschlichkeit zum halben Preis
Von Bernhard Lassahn
Aha: Andrea Nahles ist - wie ihr neues Buch mit dem Titel ‚Frau, gläubig, links: Was mir wichtig ist’ selbstbewusst verkündet - erstens „Frau“, zweitens ist sie „gläubig“ und folgt daher, wie sie schreibt, der Weisung: „Mach’s wie Gott: werde Mensch“! Sie ist also Frau, Mensch, und ist außerdem dermaßen links, dass sie (wie wir vielleicht schon mitgekriegt haben) in der SPD aktiv ist. Schön für sie. Doch wie hält es die SPD eigentlich mit Menschen, die so eine religiöse Orientierung nicht haben und keine Frauen sind? „Wer die menschliche Gesellschaft will ...“, heißt es ihrem Parteiprogramm – nun, das will jeder! Ich kenne jedenfalls keinen, der etwas dagegen hätte, doch - Halt! - es geht noch weiter: „ ... muss die männliche überwinden.“
Wie bitte? Ist Menschlichkeit nicht mehr etwas, das für Männer und Frauen gleichermaßen gilt, sondern nur noch für Frauen? Sehen sich die Frauen jetzt schon als Alleinerbinnen des Menschlichen und verlangen obendrein die Überwindung von allem Männlichen? Demnach wären Männer nicht bloß Menschen zweiter Klasse, woran sich so mancher, der Frauen bereitwillig als die besseren Menschen ansieht, womöglich schon gewöhnt hat; nein, Männer wären demnach gar keine Menschen mehr, wären grundsätzlich unerwünscht, und in der Utopie der SPD nicht mehr vorgesehen. Sie können jedoch wieder zu Menschen werden; dazu müssen sie allerdings Bedingungen erfüllen, die ... nun ja, das weiß keiner so genau, die AGB/MG (allgemeine Geschäftbedingungen für die menschliche Gesellschaft) sind noch in Arbeit, doch das Häkchen ist gesetzt, die Bedingungen sind damit anerkannt, und man hat hastig auf WEITER geklickt. Nun ist es zu spät. Die Zeiten, als die SPD noch eine Volkspartei war und Peter Alexander - als Mann, wohlgemerkt! - fröhlich singen konnte „Hier ist ein Mensch, der will zu dir ...“, sind vorbei. Heute kann man nicht mehr selbstverständlich „davon ausgehen“ (wie Politiker gerne sagen), dass ein Mann auch automatisch ein Mensch ist. Dieses Glück haben nur Frauen. Es ist wahrlich ein übles Zitat. Und wer hat’s erfunden? Ein Mann. Erhard Eppler. Vielleicht hat er sich dabei von Friedrich Hölderlin inspirieren lassen und seinem berühmten Satz: „Handwerker sehe ich und keine Menschen.“
Nein, eher nicht. Bei Hölderlin müssen die Handwerker schließlich nicht überwunden werden - und außerdem: Bei der Sprachverwirrung, von der die SPD zur Zeit befallen ist, müsste es unter Genossinnen und Genossen sowieso korrekterweise heißen: „Handwerkerinnen und Handwerker sehe ich ...“, und dann wäre der Witz weg. Denn der Witz – es ist allerdings ein schlechter – liegt gerade darin, dass man das Weibliche gegen das Männliche ausspielt und dabei den Männern generell die Menschlichkeit abspricht.
Der Satz stellt grundsätzliche Fragen: Seit wann haben wir überhaupt eine männliche Gesellschaft? Seit 1949? Seit 1989? Woran erkennt man sie? An den Ampelmännchen? Und wie kann man sie - wenn es sie überhaupt gibt (was ich mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen kann) - überwinden? Reichen da friedliche Mittel? Würde es irgendetwas nützen, wenn ich als Mann nur noch Frauenfußball gucke? Ist es für einen Mann überhaupt möglich, am Aufbau einer menschlichen Gesellschaft mitzuwirken, ohne sich vorher einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen? Ist eine menschliche Gesellschaft à la SPD womöglich halbseitig gelähmt und völlig männerfrei? Der Eindruck entsteht gelegentlich: Als das Ministerium für Familie noch in SPD-Hand war, haben sie eine Broschüre herausgegeben mit Bildern, auf denen ausschließlich Frauen abgebildet waren; denn auch eine allein erziehende Mutter galt ihnen als Familie, besonders dann, wenn außerdem noch die Oma gepflegt wurde. Da haben Männer oft im Geiste ein Schild aufleuchten gese-hen: ‚Wir müssen leider draußen bleiben’.
Dennoch: Wir sind ja bereit, ein Auge zuzudrücken und großzügig so zu tun, als müsste man das alles nicht ernst nehmen. Wir ahnen ja schon, wie es zu so einem Satz gekommen ist. Inspiriert ist er nicht etwa durch hohe Literatur, sondern durch niederen Opportunismus. Die SPD möchte Wählerinnen gewinnen, möchte die ASF (Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen) stärken, möchte mit Frauenthemen punkten und dabei auf einen Zug aufspringen, der längst abgefahren ist. Erhard Eppler hatte sich den Satz schon 1989 ausgedacht – doch da war der Zug auch schon weg und der Schlager ‚Es fährt ein Zug nach nirgendwo’ war verklungen. Inzwischen ist dieser Zug schon weit über das Ziel hinaus gefahren und hat nirgendwo angehalten.
Und nun steht es geschrieben. Es ist nicht etwa eine lässige Bemerkung, die einer nebenbei gemacht hat. Der Satz wurde diskutiert und abgewogen und in Marmor gemeißelt. Es handelt sich also nicht um den einmaligen Ausrutscher von einem Mann namens Erhard Eppler, den ich übrigens schätze und nicht persönlich angreifen möchte. Er hat tapfer versucht, die Stimmungslage in der Partei zusammen zu fassen, und das ist ihm auch gelungen - doch in der Zuspitzung zeigt sich leider auch das unmenschliche Gesicht. Man muss eben vorsichtig sein, wenn von Menschheit die Rede ist – von ihrer Bedrohung oder ihrer möglichen Rettung. An dem bekannten Diktum von Proudon, der gesagt hat: „Wer Menschheit sagt, will betrügen“, ist offenbar etwas dran. Ich bin da immer skeptisch und höre es nicht gerne, wenn jemand mit einem Oh-Mensch-Pathos daher kommt. Das gilt auch für Herbert Grönemeyer.
Denn der Satz erinnert weniger an Friedrich Hölderlin als vielmehr an Otto Weiniger, einem der ideologischen Wegbereiter des Nationalsozialismus, der einst meinte, dass Jesus erst in dem Augenblick „Mensch“ wurde, als er das Jüdische „überwunden“ hatte. Da sprach der Erzengel, der für sich in Anspruch nahm, das Paradies des Menschlichen zu verwalten, und den Zugang dazu regulieren zu dürfen. Die SPD wird mir vermutlich nicht erklären kön-nen, was eine männliche Gesellschaft ist, ich kann ihr aber sagen, was eine schlechte Gesellschaft ist, in die man leicht hinein gerät.
Wie ist es zu diesem Unglück gekommen? Nach und nach. Die Männer sind außerdem selber schuld. Männer sind ja auch „Schweine“, wie die Ärzte schon in den 90er Jahren sangen. Und was haben sie diesmal wieder ausgefressen? Sie haben den Frauen nutzlose Vorteile eingeräumt und Türen aufgehalten, die sich auch selbsttätig geöffnet hätten; sie haben die hilflosen Frauen heftig beflirtet und angebaggert – und was das Schweinische daran ist: Sie machen es mit jeder. So sind sie, die Männer, wie es eben bei den Ärzten heißt: „sie wollen alles begatten, das nicht bei Drei auf den Bäu-men ist.“
Doch die Frauen sind auch nicht ganz unschuldig. Sie haben mit der Frauenbewegung die Verallgemeinerung auf die Spitze getrieben, denn bei all ihren Frauenthemen ging es unterschiedslos um alle Frauen, ganz egal ob sie bei Drei auf den Bäumen waren oder nicht. Da konnte man als Mann schon den Eindruck haben, als würde zumindest so mache von ihnen auf pauschale Schmeicheleien gesteigerten Wert legen, und als würde sie sich freuen, wenn man sie lobt – egal wie verlogen. Manche der bewegten Frauen haben sich sogar lautstark Vorteile ertrotzt, und dann bedauernd festgestellt, dass sie nun für alle Frauen gleichermaßen galten - auch für ihre ehemals beste Freundin und für diese Schlampe, die ihnen gerade den Frauenparkplatz vor der Nase weg geschnappt hat. Und je mehr sie merkten, dass sie mit den Gra-tis-Komplimenten nicht persönlich gemeint waren und gar nichts davon hatten, je mehr hat sich ein Suchtverhalten eingestellt - sie wollten mehr! - die scheinbare Befriedigung setzte die Nachfrage fort und vergrößerte sie noch.
Es erging ihnen - was ich als Mann nur vermuten kann - wie dem armen Jugendlichen, der in den 80er Jahren einen Psychiater aufsuchen musste, weil er sich betrogen fühlte. Das Lob, das er in seiner glücklichen Kindheit stets auf sich bezogen hatte, war überhaupt nicht für ihn gedacht gewesen; es hatte nichts mit ihm zu tun. Es wurden früher einfach alle Kinder über den grünen Klee gelobt - sogar täglich -, auch wenn sie das im Unterschied zu ihm nicht verdient hatten. Das hatte er rausgekriegt. Auf dem Schrottplatz hatte er zufällig das Auto seiner Nachbarn entdeckt, das immer noch den Aufkleber auf dem Kofferraumdeckel hatte, der sich nicht mehr abpulen ließ: ‚Haben Sie heute schon ihr Kind gelobt?’
Lob aus der Gießkanne wirkt nicht. Man kann Tugenden nicht allen gleichermaßen zusprechen, ohne dass sie dadurch an Wert verlieren. Wenn ich einer Frau sage, dass sie ein wunderbarer Mensch ist, verpufft die Wirkung, wenn ich der Vollständigkeit halber hinzufügen muss, dass alle anderen das genauso sind. All die schönen Blumen, die sich die Frauen schenken ließen und sofort an den neuen Hut gesteckt haben, waren nicht einfach so übrig, sie mussten erstmal von irgendwoher besorgt werden. Also: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Männer machen das skrupellos, die klauen Blumen aus fremden Gärten. Ich habe das auch gemacht, als ich fünfzehn war.
Natürlich sind nicht alle Männer schuld. Doch die Süßholzraspler kann man nur schwer entschuldigen. Ich muss mich da schuldbewusst an die eigene Nase fassen; ich kann ein echtes Trampeltier sein, wenn es darum geht, Frauen Komplimente zu machen. Ich kenne mich auch nicht gut mit Blumen aus, doch ich habe den Eindruck, als würden die Blumen mit dem erwähnten Spruch von der menschlichen Gesellschaft, die für die weiblichen Nachwuchskräften der SPD gemeint war, (aus deren Reihen man schon Stimmen hört, die Jusos seien sowieso eine feministische Organisation) nicht so gut riechen wie sie auf den ersten Blick aussehen.
Nun ist es passiert. Alle Passagiere an Bord der MS Deutschland-SPD sind auf eine Seite gelaufen – dahin, wo sich die guten Menschen treffen, wo sich inzwischen auch die Blumen angesammelt haben. Alle sind nach Backbord gelaufen, und nun hat das Schiff Schlagseite. Alice Schwarzer nennt ihr Buch ‚Die Antwort’ im vollen Titel: ‚Gegen die Spaltung der Menschen in Männer und Frauen’. Aber im Jahre 2000. Da war es zu spät. Es kommt mir sowieso scheinheilig vor; denn die Spaltung der Menschen in Männer und Frauen ist gerade von Seiten der Frauen aktiv vorangetrieben worden. Nicht von allen. Aber zum Beispiel von den Handwerkerinnen – genau gesagt von Frauen, die stellvertretend für sie darauf bestanden haben, dass man ständig ihre Geschlechtszugehörigkeit erwähnt, ob sie wollen oder nicht.
So haben wir uns mehr und mehr an diese leidige Doppelnennung gewöhnt mit all diesen „Soldatinnen und Soldaten“ und den „Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten“. Als ich neulich einem Schüler aus der achten Klasse englische Vokabeln abgefragt habe, musste ich lernen, dass „bank robber“ neuerdings auf Deutsch heißt: „der Bankräuber, die Bankräuberin“. Kleiner Unterschied – große Folgen.
Als Schriftsteller und Journalist glaubt man an die Wirkung von Worten, Erhard Eppler vermutlich auch. Nicht nur bei großen, auch bei kleinen - bei ganz kleinen. Da gerade! Wir sind ja auch empfindlich geworden. Wir machen Feinstaubmessungen und fürchten uns vor Giftstoffen in winziger Dosis. Auch wenn man selber nicht so redet und versucht, sich vor den Nachteilen und Fallstricken der „weiblichen Form“ zu schützen, so kriegt man sie doch immer wieder zu hören. Sie lauert überall und hat sich stärker ausgebreitet als die Schweinegrippe und Vogelgrippe zusammen. So wie ein Nichtraucher dem Passiv-Rauchen ausgesetzt ist, so sind wir dem Passiv-Denken der Bankräuberinnen ausgesetzt und leiden nun unter den riesigen Nebenwirkungen. Es wäre auch geradezu verwunderlich, wenn so eine Dauermedikation keine Auswirkung hätte.
Und wie wirkt sie? Sie schadet dem sozialen Klima. Nachhaltig. Wir fühlen uns nicht mehr wohl in unserer Sprache – und es ist irgendwie ungemütlich geworden in einer Gesellschaft, in der die Menschlichkeit nur noch die Hälfte Wert ist. Wir haben nämlich damit nach und nach unsere Vorstellung geändert von dem, was wir unter Menschlichkeit verstehen. Da ist etwas Wichtiges aus dem Gleichgewicht gekommen. Und wer hat’s herausgefunden? Ein Schweizer. Kein Wunder; denn im Land der Schweizerinnen und Schweizer gedeiht die weibliche Form noch prächtiger als unter den Deutschländerinnen und Deutschländern. Arthur Brühlmeier heißt der freundliche Sprachwis-senschaftler, der einen Artikel verfasst hat über den ‚Sprachfeminismus in der Sackgasse’, der früher den Titel hatte: ‚Wider die Abschaffung des allgemeinen Menschen in der deutschen Sprache’. (http://www.bruehlmeier.info/sprachfeminismus.htm). Darin erklärt er, was passiert ist: Durch die ständige Betonung des biologischen Geschlechtes verlieren wir das Gefühl dafür, dass unsere Sprache das gar nicht so vorgesehen hat, dass sie vielmehr androgyne, also „übergeschlechtliche“ Formen aufweist, und dass die schleichende Umdeutung des Übergeschlechtlichen in biologisch Geschlechtliches „zum Verlust des wichtigsten Oberbegriffs der deutschen Sprache, nämlich des allgemeinen, nicht unter geschlechtlichem Aspekt ins Auge gefassten Menschen“ führt. Der Mensch steht nicht mehr an erster Stelle.
So denken wir inzwischen auch: Eine Frau sieht sich heute nicht mehr in erster Linie als Mensch, sondern zuallererst als Frau; einen Erfolg hat sie „als Frau“, was damit zugleich als besonders toller Erfolg erscheint, bei einem Misserfolg wiederum ist sie als Frau schon halbwegs entschuldigt. Männer dagegen stehen „als Mann“ ständig unter Generalverdacht und müssen pauschale Schuldzuweisungen entgegennehmen wie Profiboxer mit Nehmerqualitäten. Das können sie auch. Locker. So dachten sie jedenfalls, diese blöden Schmeichler und Süßholzraspler. Und so haben sie auch noch selbst - zusammen mit den frechen Bankräuberinnen und einigen Scharfmacherinnen - dazu beigetragen, sich und ihrem ganzen Geschlecht die Tugend der Menschlichkeit abzusprechen.
So ist es gekommen, dass sich heute so mancher Mann „als Mensch“ nicht mehr wohl fühlt in der SPD. Doch vielleicht sehnt er sich immer noch still und heimlich danach, mit Erhard Eppler, Andrea Nahles und auch zusammen mit dem alten Faust von Goethe am Tisch einer Volkspartei zu sitzen und sagen zu können: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“


