David Harnasch 22.09.2008 16:02 +Feedback
Mehrere Leben hinter sich
Beim Buchhändler meines Vertrauens fragten vorhin zwei Jungs in Baggies und mit riesigen Truckermützen stammelnd nach dem Bestsellerregal und standen keine Minute später an der Kasse, in Händen jeweils ein Exemplar der Autobiographie eines neunundzwanzigjährigen Lackierers aus Berlin, die heute auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste steht. Immerhin werden die beiden vermutlich erstmalig ein Buch freiwillig komplett lesen, das ist schon mal schön. Überflüssiger als die “Feuchtgebiete” werden auch die Erinnerungen an dieses bislang noch recht kurze Leben kaum sein. Ein Einunddreißigjähriger, der hingegen wirklich viel Berichtenswertes erleben musste, wird im Schweizer “Magazin” interviewt.
Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie zum Galgen geführt wurden?
Sie sagten, ich soll meine Kleider ausziehen, dann wurde ich weiss eingekleidet. Ich zitterte und verlor die Kontrolle über meinen Körper. Beim ersten Mal wurden mir die Augen verbunden, beim zweiten Mal sah ich die leblosen Körper der Mitgefangenen, die mit mir gewartet hatten und jetzt neben mir am Galgen hingen. Als sie den Strick um meinen Hals legten, hörte ich plötzlich Klänge, es war wie eine seltsame Melodie, die in meinem Kopf widerhallte. Im Gefängnis habe ich später eine Gitarre gefunden und versucht, die Töne aufzuschreiben. Ich habe sogar ein Stück komponiert.
Gab es Momente, in denen Sie aufgeben wollten?
Ich stand oft kurz davor, aber kleine Ereignisse haben mir Kraft gegeben. In der Nähe des Evin-Gefängnisses gibt es einen Vergnügungspark. In der Einzelzelle konnte ich nachts oft hören, wie sich die Leute amüsierten. «Schau mal, wie die Menschen draussen ihr Leben geniessen», sagte einer der Wärter, der mich durchs Guckloch beobachtete. «Niemand interessiert sich für dich. Dein Widerstand ist zwecklos. Du hast den Kampf verloren.» «Wir kommst du darauf?», sagte ich. Er konnte nicht wissen, wie mir die Freude der Menschen im Luna-Park gut tat. Denn dafür hatte ich ja gekämpft, dass die Menschen glücklich sein und lachen können.
Das komplette Interview mit Ahmad Batebi finden Sie hier.

