19.01.2013   18:52   Leserkommentare (0)*

Mehr Lebensqualität für Schweine

Ein neues Lebensmittel-Label »Für mehr Tierschutz« kennzeichnet Fleisch von Hühnern und Schweinen, das unter Berücksichtigung besonderer Tierschutz­aspekte produziert wurde. Für Jungle World sprach ich mit der Sprecherin des Deutschen Tierschutzbundes, Marion Dudla.

Schon seit über einem Jahr wird die Einführung eines neuen Tierschutzlabels angekündigt, warum kommt es erst jetzt?

Die Vorbereitungszeit war relativ lang, was dem wissenschaftlichen Anspruch geschuldet war. Das Konzept sollte auf stabile Füße gestellt werden, damit einem nicht später auffällt, dieses oder jenes Kriterium tut den Tieren gar nicht gut.

Und muss ich, um entsprechende Produkte zu finden, jetzt in den Bioladen gehen?

Nein. Das Ziel war ja gerade, nicht nur eine kleine Nische zu bedienen, sondern einen Einstieg in der Breite hinzubekommen. Entsprechende Produkte wird es daher bei etlichen Handelsketten geben. Wir haben die Einstiegsstufe und die Premiumstufe. Schon bei der Einstiegsstufe müssen Kriterien erfüllt werden, die deutlich über den gesetzlichen Vorgaben liegen.

Warum gibt es die beiden Stufen?

Um die Menschen für das Thema zu sensibilisieren und dann langfristig alle in Richtung Premiumstufe zu führen, Konsumenten wie Landwirte. Bisher hat es ja nicht funktioniert, die Verbraucher zu überzeugen, die ganz teuren Produkte zu kaufen. Und auch Landwirte, die zunächst überfordert sind, den Tieren zum Beispiel Auslauf zu bieten, werden so motiviert, zumindest mit ein paar Punkten schon mal anzufangen, sich umzustellen. Das ist ein Zwischenschritt.

Was sind die wichtigsten Kriterien des Labels?

Schweine dürfen nicht ohne Betäubung kastriert, Schwänze nicht kupiert werden. Bei der Einstiegsstufe bekommen die Tiere ein Drittel mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben, also statt 0,75 Quadratmeter einen Quadratmeter pro Tier. In der Premiumstufe müssen es 1,5 Quadratmeter sein. Die Tiere müssen Beschäftigungsmaterial haben, zum Beispiel Automaten, die Stroh-Pellets auswerfen. Und was besonders schwierig zu lösen war: Die alten Ställe sind oft so gebaut, dass man sie hätte abreißen müssen. Da wollten wir eine Lösung finden, die es dem Landwirt trotzdem ermöglicht, Verbesserungen einzuführen. Da geht es darum, dass die Schweine, die ja reinliche Tiere sind, nicht da schlafen müssen, wo sie fressen und koten. Sie müssen also einen befestigten Bereich ohne Spaltenboden haben.

Und bei den Hühnern?

Da ist es ähnlich: Mehr Platz in der Einstiegs-, noch mehr Platz in der Premiumstufe. Die Hühner müssen einen Kaltscharrraum haben, wo Temperaturen und Lichtverhältnisse wie draußen herrschen. In der Premiumstufe ist es dann der Auslauf ins Freie. Die Schnäbel dürfen nicht kupiert werden. Und es dürfen nur langsam wachsende Rassen verwendet werden.

Es gibt ja schon ein Tierschutzlabel, ebenfalls von Ihrer Organisation getragen. Warum hat man nicht einfach das »Neuland«-Label verbessert, anstatt ein weiteres einzuführen?

Neuland erfüllt die Kriterien der Premiumstufe. Trotzdem sind Neuland und auch die Bioverbände nicht in die Breite de Sortiments gekommen. Um diese Breite zu schaffen, gibt es die Zwischenstufe. Wir müssen auch die Landwirte da abholen, wo sie sind.

Und der Unterschied zu Biofleisch besteht unter anderem darin, dass die Futtermittel auch mit Hilfe von Pestiziden und Mineraldüngern angebaut werden dürfen?

Bei vielen Bioverbänden wird nicht bei der kompletten Produktionskette, von der Zucht bis zur Schlachtung, auf das Tierwohl geachtet. Das aber wollen wir mit dem Tierschutzlabel tun. Natürlich hoffen wir, dass auch die Bioverbände sich entscheiden, parallel noch das Tierschutzlabel einzusetzen. Dass das Futter unter einwandfrei ökologischen Bedingungen hergestellt werden muss, macht Bio ja auch so teuer. Trotzdem ist das natürlich sinnvoll. Wir kümmern uns in erster Linie um den Tierschutz und für das Wohlbefinden des Tieres ist das nicht so wichtig. Wir haben aber auch schon bei der Einstiegsstufe des Tierschutz-Labels das Kriterium, dass nach einer Übergangsfrist von drei Jahren das Futter gentechnikfrei sein muss.

Aber für das Schwein ist es doch ebenso irrelevant, ob sein Soja gentechnisch verändert ist.

Schon, aber ich glaube, da sind Natur- und Tierschutz sich einig, dass die Zukunft gentechnikfrei sein sollte. Wir haben auch eine Verantwortung gegenüber der Umwelt.

Aber ist das nicht kontraproduktiv? Betriebe, die kein gentechnikfreies Soja verwenden wollen oder es sich nicht leisten können, werden so vielleicht von sinnvollen Tierschutzmaßnahmen abgehalten.

Für sie gibt es die Übergangsfrist.

Es gibt ja unzählige Biosiegel. Das ergibt nur Sinn, wenn man sie unterscheiden kann. Wird dem Verbraucher der Sinn Ihres Labels noch klar, wenn es eben doch nicht nur Tierschutz­aspekten folgt? Ich könnte ja als Verbraucher sagen, für mehr Tierschutz wäre ich bereit, mehr Geld auszugeben, aber nicht für eine teure gentechnikfreie Landwirtschaft.

Das Thema Gentechnik steht bei uns nicht an erster Stelle. Aber es wäre nicht akzeptabel, es zu ignorieren.

Zu den Vermarktern des Labels und Ihren engen Kooperationspartnern gehören Vion und Wiesenhof, also zwei der ganz großen Fleischproduzenten. Ist das nicht ein Widerspruch, als Tierschutzorganisation den Fleischkonsum und die Intensivtierhaltung zu unterstützen?

Das Tierschutzlabel steht allen Unternehmen offen, solange die Kriterien erfüllt werden. Bei Wiesenhof ist es das Projekt »Privathof«, das sind bislang 27 Höfe, wo die Hühner nur nach den Standards der Einstiegsstufe aufgezogen werden. Der Tierschutzbund begrüßt bei jedem, wenn er einen Schritt in die Richtung tut. Das wird uns nicht davon abhalten, egal bei wem, weiterhin hinzuschauen, wie die Zustände in den konventionellen Ställen sind, und wenn etwas zu kritisieren ist, auch den Mund aufzumachen.

Das neue Label begrenzt sich zunächst auf Schweine und Hühner. Warum?

Für eine Organisation wie unsere ist das ein großer Kraftakt. Es sollen alle Tiere folgen, sobald diese beiden Bereiche stabil laufen.

Gibt es eigentlich auch eine Tierschutz-Zertifizierung von Wild? Schließlich geht es keinem Rind, und sei es noch so streng gelabelt, so gut wie einem frei lebenden oder auch in Großgehegen gehaltenen Damhirsch.

Also, beim Thema Jagd haben wir andere Problematiken und entsprechend andere Kampagnen. Damhirsche, die in einem Gatter gehalten werden, muss man sich natürlich auch anschauen. Aber bei Schweinen, Hühnern und Rindern ist es unter Tierschutzaspekten dringlicher, aktiv zu werden, als bei Wild.

Aber umso mehr könnte man doch Verbraucher motivieren, eben solches Fleisch zu kaufen, wenn das von Ihnen gelabelt würde.

Unser Ziel ist es, gar kein Fleisch zu essen oder wenigstens weniger. Wir werden jetzt nicht vorschlagen, das eine Fleisch durch das andere zu ersetzen. Der gänzliche Verzicht muss das oberste Ziel sein.

Sind Sie Vegetarierin?

Ich bin nicht Vegetarierin. Ich habe mich entschlossen, nur noch sehr wenig Fleisch zu essen und dann eben zu schauen, wo es herkommt.

Also insgesamt ist es das Ziel der Kampagne, dass weniger Fleisch gegessen wird?

Ja.

Aber mit Sicherheit ist das nicht das Ziel Ihrer Kooperationspartner Vion und Wiesenhof.

Das ist klar, dass ein Vermarkter Fleisch verkaufen möchte. Immerhin haben sie erkannt, dass die Bevölkerung sich für das Thema interessiert.


UND DAS SAGT DER WISSENSCHAFTLER:

Michael Miersch sprach mit dem Zoologen Lars Schrader über die von ihm mitentwickelten Kriterien des neuen Tierschutzlabels. Schrader ist Leiter des bundeseigenen Instituts für Tierschutz und Tierhaltung.

Herr Schrader, warum noch ein weiteres Label für Fleisch? Es gibt doch schon so viele.

Unsere Absicht war, Tierschutzkriterien zu schaffen, die kostengünstig zu verwirklichen sind. Ohne dass der Landwirt einen komplett neuen Stall bauen muss. Nur so kriegen wir möglichst viele Tierhalter dazu, mitzumachen.

Wer sich um Tiere sorgt, kann doch Bio kaufen.

Ja, aber Biofleisch kostet viel mehr. Weil Bio auch Regeln enthält, die mit Tierschutz nichts zu tun haben. Zum Beispiel muss das Futter bio sein. Das macht die Sache kompliziert und kostspielig. Bio-Schweinefleischprodukte haben deshalb nur einen winzigen Marktanteil erreicht, weitaus geringer als Bio insgesamt. Die Produkte mit dem neuen Tierschutzlabel werden vermutlich nur bis 30 Prozent teurer sein als herkömmliche. Das können sich viele Menschen in Deutschland leisten.

In den von Ihnen mitentwickelten Kriterien geht es hauptsächlich um die Ausgestaltung der Ställe. Muss ein Schwein nicht raus auf die Wiese, um glücklich zu sein?

Das ist bei 25 Millionen Mastschweinen in Deutschland kaum möglich. Um zu verhindern, dass der Boden zu stark durch Kot und Harn kontaminiert wird, wäre viel Fläche notwendig.

Was braucht denn ein Schwein, um sich im Stall wohlzufühlen?

Schweine brauchen getrennte Bereiche für das Fressen und andere Aktivitäten, dazu eine feste Liegefläche ohne die üblichen Bodenspalten. Ausreichende Kühlung ist notwendig, Schweine können nicht schwitzen. Deshalb steht in den Kriterien, dass kühle Luft zugeführt oder Wasser zur Kühlung vernebelt werden muss. Und schließlich wollen Schweine gern wühlen. Dafür muss organisches Beschäftigungsmaterial im Stall vorhanden sein.

Klingt alles ziemlich technisch und gar nicht nach Bauernhof-Romantik.

Aber für die Schweine macht das einen großen Unterschied in der Lebensqualität.

Zuerst erschienen in FOCUS Nr. 50/2012

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Kategorie(n): Wissen  Wirtschaft 

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