Gastautor 16.09.2012 22:14 +Feedback
Maulhelden unter sich
Filipp Piatov
Kurz nach 12 Uhr deutscher Zeit machte mein Herz heute einen gewaltigen Sprung. Aufgeregt wie noch nie sah ich schon die Schlagzeile vor mir, während ich vorm Fernseher saß und diese fantastischen Bilder genoss. Die Schlagzeile hatte ich im Kopf: Groß, in schwarzer Schrift, über mehrere Zeilen. Nur mit dem Text hatte ich so meine Probleme. Nun, ich versuche es mal. Wie wäre es mit „0,01% aller Moskauer treffen sich zum „Marsch der Millionen“ und fordern erneute Parlamentswahlen“.
Um es kurz zu erläutern: Sämtliche Oppositionsbewegungen hatten zum ersten Mal nach der Wieder“wahl“ Putins zu Massendemos aufgerufen. Diese Demos heißen seit etwa einem Jahr allesamt „Marsch der Millionen“, wobei die maximal erreichte Teilnehmerzahl nicht einmal am Fünftel der Million kratzte. Passender wäre wohl der Name „Märsche der Million“, so dass man nach 10-20, an schlechten Tagen 30, Märschen die Million wirklich vollbekommen könnte. So beginnt und endet jeder Marsch automatisch mit einer Enttäuschung. Aber genug über Kleinigkeiten; schließlich traf sich die gesamte geistige Elite der russischen Opposition zu einer fast historischen Kundgebung zusammen um das Ende und den Anfang von allem zu proklamieren.
Politiker, Journalisten, Schachweltmeister und Anwälte betraten die Bühne, beleidigten den Präsidenten rauf und runter, skandierten einige gute eingeübte Reime und erzählten von ihrer unermüdlichen Arbeit für das Volk.
Wieder demonstrierten alle gemeinsam, um irgendeine Einigkeit zu zeigen, um als eine Kraft dem Präsidenten gegenüber zu treten, um die Oppositionsbewegung zu stärken und den Volkswillen zu vereinen. Selbsternannte Liberale und alte Kommunisten, zusammen mit Ultranationalisten und Tierschützern. Wenn man Probleme hat, genügend Menschen zur Demo zu locken, ist das sicherlich vorteilhaft. Politisch jedoch völliger Schwachsinn. Eine Szene machte das besonders deutlich. Eine junge Kommunistin kündigte den Schachweltmeister, Buchautor und Unternehmensberater Gari Kasparow an, nachdem sie zuvor die Worte „Die Macht den Millionen, nicht den Millionären“ skandiert hatte. Gari Kasparow, ein Mann zweifelhafter Herkunft beschloss, die Menge mit einem ganz besonderen Spruch aufzuheizen. „Wem gehört Russland?“, rief er mehrmals aus.
Mich hätte die Antwort der Ultrarechten – kurzum Faschos – interessiert. „Nicht dir, du armenisches Judenschwein.“ wäre sie wohl gewesen. Wie kommt man überhaupt darauf, jüdische Intellektuelle neben fetten Nazis stehen zu lassen und „gemeinsam“ für irgendetwas zu streiten?
Schon die Forderung der 10.000-20.000 Demonstranten nach Neuwahlen ist alleine angesichts der Quantität erstaunlicher Unsinn, wenn man bedenkt, dass in der Kleinstadt Tel Aviv bis zu 300.000 Menschen bei einer Demonstration auf die Straße gehen. Für russische Verhältnisse mag so eine Demonstration groß sein, aber wenn ein Zehntausendstel der Bevölkerung etwas fordert, wird dem nicht mal in einer Demokratie nachgekommen. Putin dürfte sich köstlich vor dem Fernseher amüsiert haben.
Doch nicht die Menge machte Veranstaltung zu einem Desaster. Diese Oppositionellen sind nichts als Schöngeister mit spitzen Federn, den Kampf gegen die Obrigkeit genießend, doch von ebendieser nur geduldet, da zu nichts außer hübschen Artikel fähig. Sie sitzen in schönen Wohnungen, schreiben für Zeitungen und genießen den schmerzlosen Kampf sowie die arbeitslose Reformation.
Diese intellektuelle Klasse der russischen oppositionellen Bewegung lebt von ständiger Selbstbeweihräucherung. Alle kennen sich, wenige mögen sich und jeder ergötzt sich an den feinen Spötteleien, die er täglich gegen Putin und seine Helfer fabriziert. Jeder weiß sich geschickt in Szene zu setzen, wenn Putin mit freiem Oberkörper jagt und alle haben ein witzig ausgefeiltes Wort übrig, wenn junge Russinnen für 2 Jahre ins Arbeitslager müssen.
Aber treffen sie sich zu wöchentlichen Treffen, arbeiten sie politische, wirtschaftliche und soziale Programme aus, planen sie überhaupt irgendetwas außer ulkigen Beleidigungen gegen den Lieblingsfeind? Diese Opposition ist unproduktiv und nutzlos. Ihre Spezialität sind Worthülsen und unterhalterische Tätigkeiten aller Art. Ihr Ziele sind edel und ihre Reden fein, ihre Blicke leidenschaftliche und ihre Stimmen laut. Aber von Demokratie, von Wahlkampf und politischem Klein-Klein haben sie nicht die Spur einer Ahnung.
Sind das die Leute, die Russland aus der Apathie holen sollen? Die das System Putin stürzen und es demokratisch ersetzen werden?
Sollen sie nur weiter vor ihren Schreibtischen sitzen, vor Kühnheit zitternd und mit letzter Tinte ihren künstlichen Zynismus zu Papier bringen. Verändern werden sie nichts.
Zum Blog von Filipp Piatov: http://klarelichtung.wordpress.com/2012/09/15/maulhelden-unter-sich/
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Kategorie(n): Ausland

