Richard Wagner 30.10.2008 06:38 +Feedback
Marx ist wieder da. Aber wozu?
Die Verabredung der Intellektuellen mit dem Meisterdenker aus dem 19. Jahrhundert beruht auf dem Warum, und ist damit ein Missverständnis. Was Marx über den Fetischcharakter der Ware formuliert, sagt über die Ware alles, außer etwas über ihre sinnvolle Vermeidung. Der überraschende Gipfel der Fragestellung aber bleibt, dass der Furor, mit dem der Philosoph das Abheben von Ware und Geld moniert, auch als Paradebeispiel für eine konservative Modernekritik verstanden werden könnte.
Und damit wären wir beim Wozu. Gibt es etwa einen Gebrauchswert ohne Tauschwert? Und lässt sich der Gebrauchswert ohne Zeichensetzung vermitteln? Wie man es auch dreht und wendet, die Antwort wird immer nein lauten. Denn weder der Tauschwert noch das Geld sind Erfindungen der Kapitalwirtschaft, es sind vielmehr archaisch ausgebildete Verhaltensweisen und Usancen des Umgangs der Menschen miteinander. Es handelt sich um die Summe ihrer profan gewordenen Übereinkünfte. Die Idee der Währung lässt sich durch alle Kulturen zurückverfolgen.
Der uralte Traum vom Gold sollte Beweis genug sein. Gold, und die Wege und Irrwege zu ihm, bis hin zur Alchemie, sind letzten Endes hartnäckige Versuche das Absolute in den menschlichen Griff zu bekommen, die Hoheit über den Wert zu erhaschen. Der Wert aber bleibt der Wertvorstellung in gleichem Maße unterworfen, wie sich selbst. Dass daran kein Weg vorbeiführt, lässt sich auch nicht durch die Zuordnung zum Fetisch annullieren.
So gesehen, ist der Warencharakter nichts anderes als der Ausdruck der Modernisierung der gesellschaftlichen Beziehungen. Der langen Rede kurzer Sinn: Marx mag das Szenarium süffig beschrieben haben, die Action aber, die er suggeriert, führt zum falschen Ziel. Das hat das bolschewistische Experiment erschöpfend belegt. Was uns fehlt, ist ein Solschenizyn der Nationalökonomie.
Der sogenannte real existierende Sozialismus hat Marx in allen Punkten widerlegt. Die Abschaffung des Privateigentums hat nicht dazu geführt, dass das Gesellschaftsvermögen allen gehört, sondern niemandem. Mehr noch, sie hat das Privateigentum mit dem Privileg vertauscht. Das Geld war zwar nichts mehr wert, aber dafür lohnte sich das politische Wohlverhalten umso mehr. Die Abschaffung des Privateigentums ist nicht nur Folge der Diktatur sondern auch ihre Voraussetzung. Der Warenfetischismus wurde im Zeichen der Mangelwirtschaft zum Warentraumfetischismus. Sogar leere Cola-Dosen standen mitunter in den Vitrinen der Wohnzimmer in Osteuropa.
Die Entfremdung, die auch im Zeichen des glorreichen Sozialismus weiterwirkte, aber auf einem deutlich niedrigeren Niveau, erwies sich vielmehr als Ausdruck der Überforderung des Menschen durch die Moderne und nicht nur als Begleiterscheinung der Arbeitsteilung. Anders gesagt, die Botschaft, das Gott tot sei, war folgenreicher als der Fordismus.
Es geht also mehr um eine philosophische Frage, als um eine politische, und wer ständig nach politischen Antworten auf philosophische Fragen sucht, der soll sich nicht über die Schlichtheit des Ergebnisses wundern. Meistens hat er am Ende nicht einen Schlüssel in der Hand sondern bloß einen Dietrich.
So ist es auch Marx ergangen. Nicht die Kapitalwirtschaft ist das Problem, sondern der Umgang mit ihr, unsere fatale Neigung zur Selbstüberhebung, die dabei eine zentrale Rolle spielt, will durch Selbstbegrenzung gezähmt werden, und diese kann nur moralischer Natur sein. Wer das nicht einsieht, dem hilft auch keine Marxlektüre, es sei denn, er ist bereit, die Hinterlassenschaft von Marx in Betracht zu ziehen. Diese Hinterlassenschaft aber hat ihre Insolvenz bereits 1989 mit Erfolg angemeldet.
Marx kann man aus vielen Gründen lesen, aber eine Alternative zur Marktwirtschaft wird man dabei nicht finden. Es ist, nüchtern betrachtet, so, als würde man den Erfinder des Ottomotors herbeizitieren, um einen auf der Strecke gebliebenen Porsche 911 wieder flott zu machen.
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Kategorie(n): Inland Kultur Wirtschaft


