31.08.2007   11:30   +Feedback

Man sollte öfters Bienenforscherinnen zuhören

Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 31.08.2007

Es klappt einfach nicht. Seit Jahr und Tag versuchen deutsche Anti-Gentechnik-Aktivisten endlich ein Opfer der grünen Gentechnik ausfindig zu machen. Sie mühen sich redlich und schlagen beim geringsten Verdacht Alarm. Und sie blamieren sich immer wieder aufs Neue. Ihr Antichrist heißt BT-Mais – eine Maissorte, der ein Gen des im Öko-Landbau verwendeten Bacillus thuringiensis eingebaut wurde. Wilde Anschuldigungen wurden gegen die Schreckenspflanze vorgebracht, die Millionen deutsche Nordamerika-Touristen in Form von Gebäck und Cornflakes bereits gegessen haben. BT-Mais, wurde behauptet, hätte sich im Tierversuch als giftig erwiesen, rotte hübsche Schmetterlinge aus und killte die Kühe eines hessischen Bauern, der eine Zeit lang ernst genommen und gern auf Anti-Gentechnik Aktionen mitgeschleppt wurde. Alle Anschuldigungen konnten wissenschaftlich widerlegt werden. Das hielt die Aktivisten nicht davon ab, Maisfelder zu zerstören und dabei auch noch als Retter der Menschheit zu posieren.

Im Frühjahr 2007 witterten die rastlosen Ankläger mal wieder Morgenluft. Zeitungen berichteten vom mysteriösen Bienesterben in Amerika, das nun auch in Deutschland ausgebrochen sei. Im Mutmaßen geschulte Aktivisten und Journalisten raunten ruckzuck von der grünen Gentechnik, die angeblich unter Verdacht stehe. Wie praktisch, dass unter den geräuschvollsten Gentechnik-Gegnern einige Imker waren, die postwendend zu gern zitierten Experten avancierten. Wie meistens in solchen Fällen hielten sich die seriösen Wissenschaftler vornehm zurück.

Inzwischen sind ein paar Monate ins Land gegangen und es stand in einigen Zeitungen, dass es in Deutschland gar kein mysteriöses Bienesterben gab und gibt, sondern die Winterverluste der Bienenstöcke in der üblichen Größenordnung lagen. Diese Woche nun lasen wir in der taz ein höchst informatives Interview mit einer deutschen Bieneforscherin, die zur Weltelite ihres Fachs gehört und vor den Toren Berlins am Länderinstitut für Bienenkunde arbeitet. Was Elke Genersch der Reporterin erzählte, liest sich wie ein Freispruch erster Klasse für die grüne Gentechnik. Wieder hat sich ein reflexhaft erhobener Verdacht in Luft aufgelöst. „Es gibt,“ sagt die Wissenschaftlerin, „gerade jetzt zu genmanipulierten Pflanzen extrem gute Studien. Aber gerade weil sie gut sind und zeigen, dass es keine negativen Effekte gibt, die schlimmer sind als die Effekte der Pestizide, werden sie als Auftragsforschung diffamiert.“ Neben diesen wissenschaftlichen Studien spreche schon die Plausibilität gegen den Verdacht, denn nur auf 0,16 Prozent der Fläche in Deutschland werden gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut, die Winterverluste waren jedoch flächendeckend. Für die Imker-Aktivisten hat sie einen guten Rat: „Wenn ich aus ideologischen Gründen einen bestimmten Schuldigen anprangere, dann kann es mir passieren, dass ich den wahren Schuldigen laufen lasse.“ Und dann verrät sie noch eine für Laien überraschendes Verfahren aus der Imkerei: „Die Imker behandeln ihre Waben mit einem Pulver, das Bacillus thuringiensis enthält.“ Derselbe Wirkstoff wie im BT-Mais – nur eben nicht gentechnisch erzeugt. Danke taz für dieses Stück Aufklärung. Im Frühjahr, als der Verdacht gestreut wurde, lasen wir in diversen Artikeln dazu kein Zitat von Deutschlands führender Bienenforscherin. Seltsam.

Mal sehen, wofür der BT-Mais als nächstes verdächtigt wird. Wir sind gespannt. Die Zeit drängt, denn Im Südwesten der Republik könnte er sich bald höchster Beliebtheit erfreuen. In der Bodenseeregion ist der aus Mittelamerika stammende Maiswurzelbohrer aufgetaucht, ein gefürchteter Käfer, der Maispflanzen zerstört. Der Schädling tritt so massiv auf, dass die Behörden ihn mit großen Mengen Pestizid bekämpfen. Mal sehen, wann die ersten Bauern auf BT-Mais umstellen, der einen Befall durch Maiswurzelbohrer größtenteils überlebt. Falls die Anti-Gentechnik-Aktivisten nicht vorher die Felder zertrampeln.


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Kategorie(n): Inland  Wissen