10.05.2012   08:01   +Feedback

Männer ohne Geheimnisse

Dass er selbst eine historische Figur ersten Ranges war, dessen war sich François Mitterrand sehr sicher: «Ich war der letzte französische Präsident, nach mir werden nur noch von Europa dirigierte Administratoren und Financiers kommen», sagte der Sozialist 1995, am Ende seiner zweiten und letzten Amtszeit. Waren seine bürgerlichen Nachfolger Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy nur noch Präsidentendarsteller, bloße Schauspieler ohne reale Macht?

Ein französischer Präsident war immer mehr als nur ein Politiker. Er war stets auch ein Ersatzmonarch, um ein arg strapaziertes Wort noch einmal zu bemühen. Es lohnt sich also, auf Äußerlichkeiten zu achten. Der Herr im Elysée musste über das verfügen, was die Römer Gravitas nannten. Anders gesagt: Er musste würdig und ernsthaft wirken. So gesehen hat die Zeitenwende, die Mitterrand beklagte, mit einer Verzögerung von 12 Jahren stattgefunden: Mitterrands direkter Nachfolger Jacques Chirac sah nämlich durchaus noch aus wie ein richtiger Präsident: Ein stattlicher Mann der gemessenen Bewegungen und der pompösen Worte.

Ein eigentlicher Stilbruch kam erst mit Nicolas Sarkozy. Sarkozy trug protzige Armbanduhren, verzog das Gesicht oft wie ein Komiker und gestikulierte wild. Seine charakteristische Bewegung bestand in einem unwirschen Schulterzucken. Befand er sich unter ausländischen Amtskollegen, wirkte er damit häufig wie ein komplexbeladener Kleinbürger unter feinen Leuten, ein Aufsteiger, der drauf und dran ist, den Hochwohlgeborenen, also denen, die schon immer alles hatten, mal so richtig die Meinung zu sagen.

Auch im Umgang mit dem Volk agierte Sarkozy wenig präsidiabel. «Dann hau doch ab, du Idiot», pöbelte er auf einer Landwirtschaftsmesse einen Bürger an, der sich weigerte, ihm die Hand zu geben. Als er die Öffentlichkeit über seine neue Beziehung informierte, sagte er: «Das ist ernst, das mit Carla.» Zwinker, zwinker, hätte in einem Comic neben der Szene gestanden. Die Franzosen wunderten sich. Ein Präsident, der mit den Bürgern über seine zukünftige Ehefrau redet wie ein junger Mann mit seinen Kumpels über eine Discobekanntschaft? Offenbar hatte der Präsident nicht begriffen, dass zu einem Ersatzmonarchen auch die Unnahbarkeit eines Königs gehört. Ein Herrscher ist nun mal kein Mann aus dem Volk, er ist nicht «einer von uns», der auch einmal daherredet wie ein Halbstarker.

Mitterrand war das genaue Gegenteil. Erwies sich Sarkozy als omnipräsenter und hyperaktiver Medienstar, der spätestens durch seine Heirat mit Carla Bruni zu einem Repräsentanten der Celebrity­Kultur wurde, so trieb Mitterrand die Heimlichtuerei auf die Spitze: Von seinen zahlreichen Affären erfuhren die Franzosen kaum etwas. Eine uneheliche Tochter anerkannte er erst zehn Jahre nach deren Geburt. Wenn er sie besuchte, musste der Geheimdienst dafür sorgen, dass alles diskret ablief. Auch seine schwere Erkrankung hielt er geheim. Bereits während seiner ersten Amtszeit (1981–1988) prophezeiten die Ärzte Mitterrand, er werde deren Ende nicht erleben. Doch der Präsident überlebte. Und kandidierte für eine zweite siebenjährige Amtsperiode. Regelmäßig gab das Elysée Bulletins über den Gesundheitszustand des Staatschefs heraus. Nichts darin stimmte. 14 Jahre lang wurden die Franzosen von einem Todkranken regiert, ohne davon zu wissen. Schon zu Lebzeiten nannten die Medien Mitterrand respektvoll «die Sphinx», so geheimnisvoll und distanziert wirkte der Mann im Elysée.

Da ist François Hollande, nach Mitterrand erst der zweite sozialistische Präsident in der Geschichte der Fünften Republik, aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sein Spitzname lautet «Monsieur Normal». Ein Mann wie du und ich. Die Franzosen erfuhren, dass sich Hollande auf Diät befindet, dass seine Lebensgefährtin ihm eine neue, modische Brille und besser geschnittene Anzüge verpasst hat. Und auch das Kichern des neuen Präsidenten erinnert den Betrachter eher an einen Schulbuben als an Charles de Gaulle. Suchte Sarkozy die Nähe der Schönen und Reichen im 16. Pariser Arrondissement, so betont Hollande seine Herkunft aus der ländlichen Corrèze. Seht her, ich bin ein einfacher Mann, eben einer von euch, scheint er dem Volk zu sagen. Hollande ist auf den ersten Blick so ganz anders als sein Vorgänger Sarkozy. Und doch haben beide etwas gemeinsam: Die Unnahbarkeit eines Mitterrand fehlt ihnen. Beide sind Männer ohne Geheimnisse.

Die Präsidentschaft der Republik ist spätestens mit Sarkozy eine triviale Angelegenheit geworden. Das Amt ist damit demjenigen eines britischen Premierministers oder eines deutschen Bundeskanzlers ähnlicher geworden. Mitterrand war der letzte Präsident, der, ähnlich wie Charles de Gaulle, über der ordinären Tagespolitik schwebte. Sarkozy dagegen hat das Elysée endgültig auf die Erde heruntergeholt. Soll man das bedauern? Gewiss, mit der Magie des Amtes ist es nun nicht mehr weit her, doch einer Republik ist ein «irdischer» Staatschef angemessener.

Was nun Mitterrands arrogantes Diktum betrifft, er sei der letzte wirkliche Präsident gewesen, so könnte ausgerechnet der Biedermann Hollande den Gegenbeweis erbringen. Erwies sich Sarkozy als wenig reformwillig, so scheint Hollande fest entschlossen, die Politik aktiv zu gestalten, vermutlich zum Schaden der Eurozone: Um Frankreich aus der Krise zu führen, macht der Sozialist Vorschläge, wie sie ein deutscher, britischer oder niederländischer Sozialdemokrat vor 30 oder 40 Jahren hätte präsentieren können. «Die Reichen» mag er erklärtermaßen nicht und möchte ihnen drei Viertel ihres Einkommens wegnehmen. Seine Versprechungen, so schätzt der «Economist», würden allein während seiner ersten fünfjährigen Amtszeit zusätzliche Kosten von über 20 Milliarden Euro verursachen. Ein solch verschwenderischer Kurs wird Paris früher oder später in Konflikt mit Berlin und Brüssel bringen. Ein «von Europa dirigierter Administrator» scheint Hollande jedenfalls nicht werden zu wollen.

Erschienen in der „Basler Zeitung“ vom 9. Mai 2012

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Kategorie(n): Ausland 

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