Maxeiner und Miersch 02.06.2012 13:11 +Feedback
Mach uns den Horst!
In einer aktuellen Allensbach-Umfrage lasen wir, dass 56 Prozent der Deutschen der Ansicht sind, Politiker sollten auch gegen eine Mehrheitsmeinung sich selbst treu bleiben. Nur 28 Prozent finden, Volksvertreter sollten wider die eigenen Überzeugungen das sagen und tun, was sie meisten Leute von ihnen erwarten. Viele Politiker hätten vergessen, kommentiert der Meinungsforscher Thomas Petersen dieses Ergebnis, „dass sie für die Bürger eine Leitfunktion haben.“ Die Wähler wünschten sich mehr authentische Politiker.
Ob die Sache mit der Leitfunktion wirklich funktioniert? Es wäre spannend, wenn es mal einer ausprobieren würde. Oder fordert das tückische Volk Charakterköpfe, wählt dann aber Wendehälse.
Man stelle sich vor, einer wie Horst Seehofer würde etwas sagen, was wahr ist, aber dem Zeitgeist zuwiderläuft. Beispielsweise, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gerade bekannt gab, beim Atomunfall von Fukushima sei die Strahlenbelastung der Bevölkerung so gering gewesen, dass kaum gesundheitlichen Spätfolgen zu erwarten sind. Und dass der Schwenk der CDU/CSU zur Anti-Atom-Partei reine Stimmungspolitik war, ohne sachliche Grundlage. Die mit Fukushima begründete Energiewende die Bürger bis zum Jahr 2020 jedoch 170 Milliarden Euro kosten werde.
Was würde passieren? Würden ihn die 56 Prozent Rückgrad-Forderer aus der Allensbach-Umfrage dann lieben? Schwer zu sagen. Wahrscheinlich wäre man erstmal erstaunt, was denn nun wieder in den Horst gefahren sei. Schließlich hat er mit seinen Schnellbekehrungen zum Atomkraft-, Gentechnik- und Kapitalismusgegner Maßstäbe in politischer Geschmeidigkeit gesetzt.
Ob Politiker, die zu dem stehen was sie für richtig halten, Erfolg hätten, ist fraglich. Bisher konnten immer nur Ex-Politiker damit punkten. Ganz wie in einer Familie, wo der Opa lässiger sein kann als die Eltern. Thilo Sarrazin und Fritz Vahrenholt dürfen unangenehme Wahrheiten verkünden und Dinge beim Namen nennen, die ihre Kollegen in Amt und Würden nicht auszusprechen wagen. Dafür werden sie dann wüst beschimpft, doch ihre Bücher gehen weg wie warme Semmeln. Aber würden die grauhaarigen Anti-Opportunisten auch gewählt?
Es ist eine seltsame Rollenverteilung entstanden. Die aktiven Politiker bedienen Gefühle und Stimmungen. Und die Ex-Politiker erinnern und an die lästigen Fakten. Liebe Volksvertreter, versucht es doch mal umgekehrt. Das wäre auf jeden Fall viel billiger für alle.
Erschienen in DIE WELT am 01.06.2012

