Rainer Bonhorst 21.02.2012 11:00 +Feedback
Luther und der Präsident der Schmerzen
Nun haben wir (schon länger) eine Pfarrerstochter und (in Kürze) einen Pfarrer i. R. an der Spitze unseres Landes. Wie wurde das möglich? Ein wichtiger Aspekt dieses Geschehens ist die Tatsache, dass es sich bei beiden, bei der Tochter und dem Ruheständler, um Personen evangelischer Tradition handelt. Es wäre für die Tochter eines katholischen Pfarrers ungleich schwieriger gewesen, bis ins Kanzleramt aufsteigen. Jedenfalls in der CDU. Beide Unionsparteien hätten sich gegen einen solchen Aufstieg so vehement gewehrt wie sie sich lange Zeit gegen Joachim Gauck gewehrt haben.
Joachim Gauck hatte es leichter aber auch schwerer, weil er evangelisch ist. Mancher hätte gerne im Schloss Bellevue einen katholischen Kontrapunkt zur Kanzlerin gesetzt. Allerdings hätte man in diesem Fall wohl auf einen Pfarrer verzichten müssen. Warum? Weil ein katholischer Pfarrer keine First Lady mit ins Schloss gebracht hätte, was ein trauriger Präzedenzfall gewesen wäre. Eine Präsidentschaft ohne First Lady ist wie ein Opernball ohne Debütantinnen: weniger als eine halbe Sache. Brächte hingegen ein katholischer Pfarrer eine First Lady mit ins Schloss, so wäre das eine noch heiklere Angelegenheit. Dann könnte er auch gleich seine Tochter für das Kanzleramt empfehlen.
Mit anderen Worten: Die aktuelle Kanzlerinnen- und Präsidentensituation verdanken wir keinem anderen als Martin Luther. Hätte das Mönchlein damals dem Papst nicht gezeigt, wo der Bartel den Most holt, wir stünden heute womöglich ohne Kanzlerin und ohne Präsidenten da. Nicht nur John F. Kennedy, auch Martin Luther ist ein Berliner.
Aber wie stehen wir denn nun da mit Gauck und Merkel? Es mag ihre evangelische oder ihre ostdeutsche Herkunft sein (was im Grunde ja das Gleiche ist): Jedenfalls haben beide auf den ersten Blick ein ähnliches Politikverständnis. Joachim Gauck hat sich selbst als linken konservativen Liberalen bezeichnet und ist es auch. Angela Merkel würde sich nicht so nennen, ist es aber ebenfalls. Sie kann es nicht zugeben, weil sie einer Partei angehört, die vorgibt, eine strikte politische Linie zu haben. Joachim Gauck muss seine linkskonservativliberale Unabhängigkeit nicht verstecken, weil er keinem Parteietikett verpflichtet ist. Man könnte die beiden als politische Zwillinge betrachten, gäbe es nicht einen wichtigen Unterschied: Gauck ist gleichzeitig links, konservativ und liberal, während Frau Merkel hintereinander links, konservativ oder liberal ist. Er ist immer alles, sie ist immer das, was gerade passt.
Daraus ergeben sich variierende Schnittmengen, was bei der Kanzlerin mal helle Freude, mal eine Mordswut auslösen wird. So wird es aber nicht nur ihr gehen, sondern mehr noch den Sozialdemokraten und den Grünen. Gaucks Amerika- und Wirtschaftsfreundlichkeit wird sie auf die Palme treiben, seine gelegentliche Multikulti-Skepsis in den hellen Wahnsinn. Am wenigsten dürften die Liberalen zu fürchten haben, sieht man davon ab, dass sie sich dann und wann die Ohren zuhalten werden, wenn den Kirchenruheständler wieder mal eine postprofessionelle Lust am Predigen anspringt.
Joachim Gauck ist der Präsident der Herzen, obwohl oder weil er für die politischen Parteien ein Präsident der Schmerzen sein wird. Er ist der ideale Konsenskandidat, weil man Schmerzen gerne erträgt, wenn man sich darauf verlassen kann, dass der Gegner mindestens genauso leidet.
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Kategorie(n): Inland


