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  23.04.2010   12:21   +Feedback

Lohas, he! Was machen eigentlich die Utopisten?

Das Juste Milieu hat viele Gesichter. Nicht ganz unsympathisch guckte es einen früher von der Website der „Utopisten“ an. Die Münchener Internet-Plattform mit Ablegern in mehreren Städten verdankt ihre Gründung zwei Leuten aus der „fortschrittlichen Werberszene“, falls es eine solche denn gibt. Ursprünglich wollte man vor allem eins: Grün auf clevere Weise sexy machen. Das Wurzelzwergisch-Schrathafte der Ökoszene, die veganische Schwerstverbohrtheit, das hysterische Eiferertum und der missionarische Furor, der die Demeter-Apostel umweht, als würden sie permanent Bäuerlein machen, all dieser säuerliche Muff der grünen Jahre sollte verwehen…

Weltrettung 2.0 hieß die Parole. „Strategischer Konsum“ war das Zauberwort, mit dem der Globus kuriert werden würde. Indem man den Lesern „nachhaltige“ und energieeffiziente Produkte, die unter einigermaßen vertretbaren Bedingungen hergestellt worden waren, ans Herz legte, indem man pfiffige Produktideen vorstellte, die Verbraucher über dit und dat informierte (von Trinkwasservergeudung bis zum ökologisch korrekten Geschenkpapier), würde die schiere Macht der Konsumenten die Firmen zwingen, frische Lösungen zu entwickeln und unserem ächzenden Planeten Erholung zu verschaffen. Grüne Geldanlagen auch, na klar! Mit subventioniertem Öko-Strom fett abkassieren und dabei noch ein gutes Gewissen haben, Superidee!

Das Ganze käme leicht, locker, „beiläufig“ daher, wie es mir der Schauspieler Axel Milberg vor Jahren mal schilderte. Er ist mit den Initiatoren der Veranstaltung befreundet und sitzt im Kuratorium der „Utopia-Stiftung“, zusammen mit allerlei Profs und der Talkshow-Größe Sandra Maischberger. Die hat jetzt offenbar auch Telekom-Chef René Obermann mit an Bord geholt, der sich - so utopia.de - „als erster Vorstandsvorsitzender eines Dax-Unternehmens“ einem Live-Chat stellte und das „Changemaker-Manifest“ unterzeichnet hat, in dem sich Firmen zur „nachhaltigen Unternehmensführung“ verpflichten. Nachhaltig und Telekom – die Kombination muss man sich mal vorstellen! Wo Telekom-Mitarbeiter bekanntlich noch nicht mal kurzfristig eine korrekte Auskunft geben können!

Also, beiläufig und unverkniffen sollte die Welt durch die Utopisten verbessert werden, glaubte damals Axel Milberg, ein intelligenter, ironischer Mensch, dem jeder verbiesterte Angang zuwider ist. Man wolle den Leuten elegant beibringen, bei einer Einladung statt des ewigen zehnfach kalt gepressten Olivenöls aus der Toskana lieber eine schicke Energiesparleuchte zu überreichen - so ungefähr äußerte er sich. Würde er heute sicher nicht mehr vorschlagen, da ruchbar geworden ist, dass Energiesparleuchten hoch toxische Stoffe enthalten. Aber man kann ja was anderes Sinnvolles schenken. Ein faltbares Vogelhaus aus ökologisch abbaubarer Pappe etwa, im Utopisten-Shop für 4,90 Euro zu kaufen. Oder eine Schlüsselanhängerleuchte ohne Batterie, dafür mit Dynamo (7,90 Euro)? Oder die „Earth Icefree-Wackelkarte“ für 3,90 Euro? Ich habe das Teil nicht ausprobiert, vermute aber, es funktioniert als 3-D-Gimmick. Wenn man mit der Erdkarte wackelt, werden sämtliche Fehlprognosen des IPCC wahr und alle Gletscher verschwinden ruckartig.

Neulich habe ich mich an die Utopisten erinnert. Warum liest man sie über sie so wenig, trotz der prominenten Unterstützer und dieser frappierend schlüssigen Idee? Weltrettung ohne Komfortverlust, einfach nur durch Bionade trinken, wer möchte das nicht? Wenn man auf die Website geht, wird einem leider schnell klar, warum es die meisten dort nicht lange aushalten. Da ist nichts mehr beiläufig, elegant und lässig, da geht´s inzwischen zu wie in der ganz normalen, piefigen Church of global warming. Alles dreht sich zwanghaft ums Energiesparen, um hässliche Ökofummel, Schokolade, die ohne Kinderarbeit hergestellt wurde, und-der-Letzte-macht-das-Licht-aus. Ferner erfährt man etwas über das „grüne Handy“, welche übrigens zufällig von der Telekom angeboten wird.

Und erst die Liste der Mitarbeiter, welche für Utopia an der Weltverbesserung mitwirken - Himmel, die reinste grüne Hölle! Da ist die Angie, „Assistentin des Vorstandes, aufgewachsen im grünen Freiburg, hat als Kind gegen Robbenschlachten, Tiertransporte, Urwaldrodung“ usf. demonstriert. Zunächst war sie im Textilhandel, Sparte Eco-Fashion (was nichts mit Ökofaschismus zu tun hat). Dann ist da die Anne, „Redakteurin, Kommunikationswissenschaftlerin, selbsternannte Extrem-Mülltrennerin und Wertstoff-Fan.“ Der Daniel, Marketing und so was, „hat grüne Flecken auf der Seele. Er fing mit einem Online-Shop für Bio-Lebensmittel an, jetzt will er den globalen Turn-Around: ´Wir leben hier oft auf Kosten von anderswo und heute auf Kosten von morgen – Utopia ist der richtige Hebel, etwas Großes in Gang zu setzen.´“

Auf Kosten von anderswo hat wohl auch Claudia, die Gründerin von Utopia, lange unwissend gelebt, bis sie mit 40 Jahren ihr Erweckungserlebnis hatte. Claudia ist eine mutmaßlich auch bei über 30 Grad total waschechte Lohas-Person (Lifestyle of Health and Sustainability). Eine Frau wie aus diesen Hochglanzmagazinen, die auf den Glastischen besserer Hotels herumliegen. Sie sagt ohne mit der Wimper zu zucken furchtbare Sachen wie: „Wir haben die Pflicht und die Chance, die Dinge jetzt in die Hand zu nehmen.“ Die Pflicht, jawoll, Frau Kaleu! Vordere Rohre wässern! Aale los!

Ach, Adorno hatte ja so was von Recht. Es gibt keine richtige Plattform, auf der die falschen Leuten stehen.

http://www.utopia.de/

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Kategorie(n): Kultur 

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