Gastautor 18.07.2010 21:23 +Feedback
Lob des Kolonialismus
Von Hansjörg Müller
Der Westen scheint sich selbst zu hassen. Eine Mehrheit der Deutschen hält heute Israel, eine westliche Demokratie, für die größte Bedrohung des Weltfriedens und nicht etwa die Regime in Teheran und Pjöngjang. Und George W. Bush oder Benjamin Netanjahu sind in den Augen vieler Europäer allemal schlimmer als Tyrannen wie Achmadinedschad oder Kim Jong Il. Die Schuld für die Übel dieser Welt suchen viele Westeuropäer und Nordamerikaner zuerst einmal bei ihren eigenen Regierungen. Dass undemokratische Regime jeglicher politischer Couleur zumindest für einen Teil der Missstände verantwortlich sein könnten wird aus der Wahrnehmung ausgeblendet.
Dass der westliche Kolonialismus ein Übel war erscheint heute als eine ausgemachte Sache. Westliche Intellektuelle ließen sich von Kolonialismustheoretikern wie dem Palästinenser Edward Said, der in Harvard und Yale lehrte, nur zu gerne die Leviten lesen. Der Gegensatz zwischen einem aufgeklärten Westen und einem mysteriösen Orient, so Said, sei lediglich eine Konstruktion westlicher Wissenschaftler gewesen, die damit die Herrschaft der europäischen Kolonialmächte legitimieren wollten. Über die positiven Aspekte des Kolonialismus zu reden war spätestens seit den frühen 70er Jahren politisch unkorrekt. Dabei übersah man geflissentlich, dass die Politik der westlichen Kolonialmächte durchaus auch der Beginn von Erfolgsgeschichten sein konnte. Eine davon ist Indien.
Indien ist eine Erfindung des Westens. Einen einheitlichen indischen Staat hat es vor der Ankunft der Europäer nie gegeben und kein Inder wäre auf den Gedanken gekommen, sich selbst „Inder“ zu nennen. Es waren die Briten, die nach dem Prinzip divide et impera - „teile und herrsche“ - aus dem Subkontinent ein einheitliches Territorium formten, indem sie die lokalen Machthaber, die Maharadschas, gegeneinander ausspielten. Dass der indische Einheitsstaat bis heute besteht ist eigentlich ein Wunder. Und ein noch größeres Wunder ist es, dass die Inder bis heute relativ friedlich in diesem Staat zusammenleben und dabei seit eineinhalb Jahrzehnten auch noch großen wirtschaftlichen Erfolg haben. Der Schlüssel zu diesem Erfolg liegt nicht zuletzt im bleibenden Einfluss der Briten.
In Jules Vernes Roman „Reise um die Erde in 80 Tagen“ findet sich eine Episode, die viel über die britische Kolonialpolitik aussagt. Phileas Fogg, der Held der Geschichte, wird in Kalkutta vor einem britischen Gericht angeklagt. Er wird - zu Unrecht - beschuldigt, einen Hindu-Tempel geschändet zu haben. Bemerkenswert: der Londoner Gentleman Fogg muss sich vor einem englischen Richter in Indien verantworten - für eine vermeintliche Missetat gegenüber der einheimischen Bevölkerung. Gewiss, die Geschichte ist reine Fiktion, aber es fällt doch auf, dass der Franzose Verne, der ansonsten nicht vor anti-englischen Ausfällen zurückschreckt, an dieser Stelle ein Charakteristikum der englischen Kolonialherrschaft herausstreicht: the rule of law, die Herrschaft des Gesetzes, vor dem alle - Engländer wie Inder - gleich sind.
Indien profitiert bis heute von den demokratischen Institutionen, welche die Briten hinterlassen haben. Der wirtschaftliche Aufstieg des Landes wäre ohne diese Institutionen nicht möglich gewesen. Zwar ist China seinem Nachbarn Indien noch immer deutlich voraus. Man muss sich aber fragen, ob Indiens Aufschwung nicht „nachhaltiger“ ist, um einmal ein von deutschen Journalisten arg strapaziertes Modewort zu verwenden. China produziert vor allem billige Konsumgüter, während indische Unternehmen in der Hochtechnologiebranche reüssieren. Und es fällt auf, dass der chinesische Aufschwung zu einem weit größeren Teil auf Investitionen ausländischer Konzerne beruht. Indische Konzerne wie Tata oder Mahindra & Mahindra haben dagegen schon begonnen, ihrerseits im Ausland zu investieren: sie übernehmen luxemburgische Stahlwerke und englische Autofabriken.
Die Ursache für den Erfolg Indiens: die Rechtssicherheit, die im Land herrscht. Chinesische Ingenieure sind sicher nicht schlechter ausgebildet oder weniger innovativ als ihre indischen Konkurrenten. Sie sehen jedoch, dass der Schutz des Eigentums - und das gilt auch und gerade für das geistige Eigentum - in einer Diktatur weit weniger gewährleistet ist als in einem demokratischen Rechtsstaat. Der Anreiz, selbst unternehmerisch tätig zu werden und kreativ zu sein, ist deswegen in China geringer als in Indien. Was die weitere Entwicklung der beiden asiatischen Giganten angehe würde er sein Geld eher auf Indien setzen, schreibt der englische Historiker Paul Johnson.
Das Beispiel Indiens erinnert uns an eine Tatsache, die von vielen nicht gerne gehört wird: das westliche Gesellschaftsmodell - Demokratie, Rechtsstaat und freie Marktwirtschaft - ist konkurrierenden Modellen überlegen. Das bedeutet noch lange nicht, dass man in die Mentalität des 19. Jahrhunderts zurückfallen sollte, als man es für die Bürde des weißen Mannes hielt, die Wilden zu zivilisieren. Und es heißt auch nicht, dass man die allzu zahlreichen dunklen Kapitel in der Geschichte des Kolonialismus verschweigen müsste. Die Zeiten undifferenzierter westlicher Selbstkasteiung sollten jedoch ebenso der Vergangenheit angehören wie die unkritische Verherrlichung kolonialer Heldentaten.
Hansjörg Müller schreibt auch für „El Certamen“, eine kolumbianische Online-Zeitschrift (http://www.elcertamenenlinea.com). Eine vollständige Übersicht über seine Veröffentlichungen finden Sie unter: http://thukydidesblog.wordpress.com/
Permanenter Link | Druckversion
Kategorie(n): Wissen


