Dr. Wolfram Weimer 01.01.2012 19:48 +Feedback
Linksruck? Von wegen!
Die Schuldenkrise weckt bei Linken allerlei Fantasien. Nun könne der Kapitalismus doch noch zusammen brechen, hoffen sie. Doch sie irren auch diesmal. Das ausbleibende Comeback des Sozialismus hat gute Gründe.
Jakob Augstein, der letzte sozialistische Intellektuelle Deutschlands, ist von der Schuldenkrise ganz elektrisiert. Er schreibt dieser Tage mit dem Unterton der Vorfreude, die wir sonst nur bei Kindern vor dem Weihnachtsfest kennen: „Linkes Gedankengut greift wieder um sich. 20 Jahre nach der Niederlage des Sozialismus breitet sich eine überwunden geglaubte Philosophie erneut unter uns aus.“ Augsteins Diagnose ist mehr Hoffnung als Wirklichkeit, doch er teilt sie mit manchen Alt-Linken, die endlich rote Morgenluft wittern.
Wilde Börsen, wankende Banken, taumelndes Großkapital – der Stoff, aus dem sozialistische Märchen sind, wird täglich in der Tagesschau geliefert. Darum kommen sie wie Mumien aus ihren ideologischen Gräbern hervor und wittern noch einmal Klassenkampfstimmung.
Und doch irren sie wieder. Denn es passiert nichts, wovon die Linke immer träumt. Weder geht der Kapitalismus unter, noch braut sich eine Revolution zusammen, noch wenden sich die Menschen auch nur linken Parteien zu. Im Gegenteil: In den Ländern, die von der Schuldenkrise am härtesten erwischt worden sind, hat ein politischer Rechtsruck stattgefunden. In Portugal, Spanien, Irland und Griechenland sind sozialdemokratische durch konservative Regierungen abgelöst worden. Überall in Europa punkten sogar Rechtspopulisten. Die Gesellschaften entscheiden sich im Moment der Krise nicht für Revolution sondern für Sicherheit und Ordnung. Die europäische Linke freut sich daher nicht nur zu früh, sie könnte sogar der große Verlierer der Entwicklung werden.
In Deutschland zeichnet sich schon ab, dass die Linkspartei dramatisch an Zustimmung verliert. Seit Monaten sinkt sie in den Umfragen wie Wismut-Erz im Ostseewasser. Nach den jüngsten Zahlen von Infratest-Dimap liegt die Linke zum Jahresende nur noch bei 6 Prozent Wählerzustimmung. Sie muss inzwischen sogar fürchten, bei der kommenden Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern. Noch vor einem Jahr lagen die Umfragewerte bei 10 Prozent, vor anderthalb Jahren sogar bei 12 Prozent. Die Linke hat just in den Monaten der Schuldenkrise also die Hälfte ihrer Anhängerschaft verloren. Wir erleben keinen Linksrutsch sondern einen Rutsch der Linken.
Dafür gibt es vier Gründe: Zum einen ist der Grundreflex der Menschen in wilden Zeiten immer konservativ. Sie halten sich gerade bei Bedrohungen lieber an Bewährtes, vermeiden zusätzliche Veränderungen, suchen nach echten Werten – an der Börse wie in der Politik. Ideologien sind eben Früchte des Überschwangs, nicht der Entbehrung.
Zum zweiten gibt es kein linkes Comeback, weil die düstere Erinnerung an den Sozialismus des Ostblocks viel zu präsent ist. Die rote Gedankenwelt leidet entlang ihrer scharfen Kanten am totalitären Erbe. Die Hinrichtungskeller, Stasimethoden und Mauern haben den moralischen Hoffnungskredit der Utopie nachhaltig geraubt. Sozialistische Visionen klingen daher immer nach Bevormundung, Armeestiefeln und einer bleiernen Zeit.
Der dritte Grund für die linke Fehlzündung liegt im fehlenden Vorbild. Sie können keine Benchmark nennen, ohne sich die brutalen Regime in Venezuela, Kuba oder Nordkorea schönzureden. Denn neben den historischen sind auch alle aktuellen sozialistischen Herrschaftsformen blutig. Und die autoritären Regime nach chinesischem Vorbild, wo eine nominell kommunistische Partei einen modernen Staatskapitalismus beherrscht, sind ebenfalls anti-demokratisch und menschenrechtsfeindlich - kein akzeptables Modell für Europa.
Das vierte Argument bezieht sich auf das fehlende Modernisierungsversprechen linker Ideologien. Die Sozialisten sahen sich für etliche Jahrzehnte im 20. Jahrhundert zu Recht auf den Seite des Fortschritts stehen. Seit etwa 20 Jahren aber profilieren sich linke Parteien in westlichen Ländern vor allem als Verlangsamungsinstanzen. Sie wollen den Modernisierungsschub der Globalisierung bremsen, sind oft technologiekritisch, pflegen obendrein ein Vokabular aus dem frühen 20. Jahrhundert und haben so ihre avantgardistische Coolness verloren. Unter der Jugend der Welt taugt daher ein Großkapitalist wie Steve Jobs viel mehr zum Vorbild als Karl Marx. Kurzum: Linkssein klingt nach Gestern. Augstein, Gysi, Lafontaine & Co. werden auch diese Revolution ausfallen sehen.
Zuerst erschienen auf Handelsblatt online,30.12.2011


