Richard Wagner 12.07.2010 05:54 +Feedback
Links und Rechts der Partymeile
Die Geschichte lehrt uns: Zwischen Rechts und Links herrscht seit eh und je Arbeitsteilung. Diese beruht auf einem kleinsten gemeinsamen Nenner, der jeweils aufgrund der Prioritäten des Zeitalters bestimmt wurde. Im 19. Jahrhundert waren es die Burschenschaften, die in Deutschland den irritierenden Knotenpunkt bildeten, im 20. Jahrhundert wurde der Hitler-Stalin- Pakt zum falschen Siegel.
Seit nun, mit dem Ende des Kommunismus in Osteuropa, die Weichen neu gestellt und dabei vor allem die Paradigmen wortreich zum Wechseln gebracht werden, und wir in der Regel sprachlos vor dem Ganzen sitzen, wie vor einem einarmigen Banditen, der unentwegt vorschießt und einsackt, sortieren sich auch die rechten und linken Regale der Gesellschafts-Bar neu. Man entdeckt auf beiden Seiten immer mehr Gegner, die einem gemeinsamen Feindbild entsprechen, zieht sich damit auf den alten Konkurrenzkampf zurück. Das Motto: Unser Schützengraben soll schöner werden!
„Faschismus“ und „Antifaschismus“ sind zwar längst tot, ihr Gestus aber lebt munter weiter. Ihre Wortführer haben wohl auf der großen Partymeile der Gesellschaft kaum etwas zu bestellen, ihr Frust darüber allerdings hält sich in Grenzen. Man muss sich schließlich nicht mehr an die Spitze der Massen setzen, um Einfluss zu gewinnen. Muss auch nicht die Straße beherrschen, um die Gesellschaft zu dirigieren. Man kann das alles bequem von Zuhause aus machen. Von dort, vom stillen Kämmerlein aus, kann man sich mühelos in den Weiten der virtuellen Welt einrichten und einnisten und seine Ideen in Form von Informationen als Newsletter hinausschicken oder auch bloß versenden.
Ein Adressat findet sich im Netz immer, und sei es auch nur einer, der sich bestätigt fühlen will, und dem der Preis dafür egal ist. War dieses Kräftemessen im 19. Jahrhundert noch eine Frage des Campus, und bedurfte es im 20. Jahrhundert noch der Formalien der Diplomatie, so gilt es jetzt, wie das Meiste, formlos. Man muss nur ein einschlägiges Engagement ins Spiel bringen. Der Begegnungs-Ort für Links und Rechts im 21. Jahrhundert könnte die NGO werden, die Nichtregierungsorganisation. Sie bearbeitet die Schnittstelle zwischen Emotion und Erkenntnis, und verbindet damit in der Erlebnisgesellschaft erfolgreich Erfahrung und Trivialität.
Die NGO ist zum Set der Telenovela des politischen Lebens geworden. Hier kann Roger Willemsen mal kurz in die Burka schlüpfen, um das dabei unwillkürlich aufkommende Geborgenheitsgefühl erleben zu können, und hier kann ein Mankell sich, zwischen zwei Lesungen in der neutralen Schweiz, in Gaza, auf einen recherchetauglichen Piraten-Schnupperkurs begeben. Zu einer erfolgreichen Schriftstellerbiographie gehört in unseren Tagen auch das kurze Eintauchen in die politische Schwerelosigkeit, wenn’s der guten Sache dienlich ist.
Man geht dabei mit Vorliebe von der Unhaltbarkeit des Zustands aus. Man ist vor Ort, oder beinahe vor Ort, und die vorgefundene Realität wird unentwegt zum Beweis für die große Verschwörung, die hinter der Party im Club Mitte vermutet wird. „Gaza ist überall!“, hätten die Achtundsechziger getitelt. Man ist bescheidener geworden.
Man ist heute nicht mehr antisemitisch, man ist bloß im Komitee zur allgemeinen Israel-Belehrung, und auch dort nur einfaches Mitglied. Man ist nicht mehr Kommunist, man ist Verfechter der sozialen Gerechtigkeit und der kulturhistorischen Differenz. Der aufrechte linke Intellektuelle ist heute ein metaphysischer Gewerkschafter. Nicht mehr, nicht weniger. Oder, mit Lenin gesprochen: Bsirske plus Hegel. Damit kann auch der in seinem Inneren weiterhin stramme Rechte ganz gut leben.
Rechts und Links sind Markenzeichen, sie sind Teil der Stiftung- Warentest -Welt. Man kritisiert zwar fleißig den demokratischen Grundkonsens, aber mit wohl klingenden Worten. Im Ergebnis: Glatzen mit Carl-Schmitt-Tattoo und Rosa Luxemburg als Hilde Benjamin und umgekehrt. Das politisch Korrekte spült nicht nur die Mitte der Gesellschaft weich, es gibt darüber hinaus den Randerscheinungen den milden Glanz der Minderheit.
Nie hatte der Begriff Minderheit so eine Strahlkraft wie heute. Der gute alte Persilschein ist nichts dagegen. Inzwischen ist sogar der Begriff Minderheitsregierung attraktiv geworden. Als wäre damit gesagt: Man traut sich was, und das sogar politisch. Kurzum, da spielt die Musik, und selbst ein Siegmar Gabriel kann angesichts der politischen Panoramamalerei den Wunsch, sich auf die Schenkel zu klopfen, nicht mehr unterdrücken. Schließlich war für ein winziges Verlautbarungszeitfenster das Grundproblem der Demokratie, die Mehrheitsklausel, umgangen. Zur Erinnerung: Auch die politische Klasse ist zunächst einmal eine Minderheit. Eine Minderheit, die im Namen der Mehrheit spricht, ohne die Mehrheit zu sein.
Um die Litfasssäulen mit den Emblemen Rechts und Links sind Menschen wie du und ich gruppiert, und sie bemühen sich auch so zu erscheinen. Ihre Themen in Deutschland sind, wie es sich für eine saturierte Gesellschaft gehört, vor allem außenpolitischer Natur und Konfiguration. Guantanamo ist für beide wichtiger als die Kritik am Gulag. Gefährdetes Biotop und deutscher Wald verstehen sich prächtig. Man braucht keine Propagandageschütze mehr gegeneinander in Stellung zu bringen, Priorität hat wieder der gemeinsame Feind.
Er, der überall ist. In der Offenen Gesellschaft. In der Finanztransaktion. Am Kapitalmarkt. Im Dax. In der Ferienhaussiedlung an der Costa del Sol. Im Euro. In den Brüsseler Spitzen. In der Eurokratie. Im Yachthafen von Nizza. In Hollywood. An der Wallstreet. In Tel Aviv. Im Big Mac. In Hayek. Im Weißen Haus. Im Egotrip. Im Heiligen Geist. Im Papst. In Bilderberg.
Die einen nennen ihr Anliegen Nation, die anderen Utopie, beides wird behauptet, ohne über das Urheberrecht zu verfügen. Die Piraten unserer Zeit sind eben Produktpiraten. Aber auch das genügt ihnen nicht. Weder Links noch Rechts.
Rechts und Links wären gerne Schiedsrichter, sie sind aber nur Spieler, die den Ball weit über das Tor hinausgeschossen haben, und ihm nun nachblicken, als könnten sie ihn mit der Kraft ihres Gedankens zurückholen, als könnten sie mit einem Schlag das Tor versetzen, weit nach hinten, dort wo der Ball jetzt fliegt, dann aber säße das Publikum plötzlich mit dem Rücken zum Ball, denn dieser schießt nicht nur weit über das Tor hinaus, sondern auch über die Tribüne hinweg, und das in Ballrichtung verlegte Tor wäre, wenn der Ball es endlich finden könnte, längst außerhalb des Stadions und das Publikum schon lange nicht mehr dabei und längst mit anderem beschäftigt.


