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  30.05.2010   21:21   +Feedback

Lena und das Kopftuch

Paul Nellen

Lena hat verdient gesiegt - ich freue mich immer noch riesig!

Jetzt mal eine Frage: wäre das einer Kopftuchmuslima bei vergleichbarer
Leistung, Stimme und Ausstrahlung auch gelungen? Oder einer
Evangelikalen, die gerade an ihrer Zuhause-Schule (manchmal auch Home-
Schooling genannt) das Abi gemacht hat (Ende der religiösen
Ausgewogenheit)?

Haben sich Kopftuchmädchen in Lenas Alter über Lena gefreut? Haben sie am
Samstag Abend auf den vielen öffentlichen Übertragungsplätzen mitgefiebert
und mitgefeiert? Falls ja - was sagt eigentlich ihr Imam dazu, dass sie
sich über eine Ungläubige freuen, die Texte singt, in denen Allah gar
nicht vorkommt, nur ein Himmel voller Liebe und Satelliten? Was würde
der Imam sagen, wenn die Kopftuchmädchen vielleicht selber mal den
Wunsch hegten, beim ESC mitzumachen? Würde der sie dazu im Sinne
der Integration ermutigen, während Stefan Raab ihr wohl raten dürfte,
das Kopftuch zuerst einmal abzulegen? (Andererseits: 12 Punkte aus der
Türkei - soll man die einfach so verschenken?)

Wie müssen wir ein Kleidungsstück bewerten, das - mal ehrlich - seine
Trägerinnen überall in dieser Gesellschaft zu allerlei freiwilligen
Selbstexklusionen zwingt, weil die Religion, für die es steht - samt
ihrer männlichen Repräsentanten und aller Verwandten einer Kopftuch
tragenden Frau - deren freien Wunsch, an der glamourösen ESC-Show
teilzunehmen, nicht als Teil des ihr in Deutschland zustehenden Freiheitsraumes
akzeptieren und begrüßen würden, vielmehr als Sünde und Anpassung an die
“Ungläubigen”, kurz: als Bekenntnis, weniger eine Jüngerin Allahs denn
eine westliche Schlampe zu sein?

Während hingegen die Trägerin eines Kreuzkettchens um den Hals, das ja
wie üblich im Symbolgehalt mit dem Kopftuch gleichgesetzt wird, beim ESC
niemandem aufregt, nicht mal im Erzbischöflichen Palais zu Freiburg
oder zu Regensburg. Das symbolische Kreuz oder der Davidsstern um den Hals
lässt die es tragenden Lenas dieser Republik alles machen, wozu sie
Lust, Laune und Stimme haben. Das Kopftuch auch, aber bloß theoretisch
in den Dialoggesprächen von Böll bis Körber, in denen es als “doch nur
ein Kleidungsstück” bezeichnet wird. In Wahrheit ist es weder
“nur ein Stück Stoff” noch erst recht allein ein Symbol der Bekenntnisfreiheit oder
der Emanzipation, als das es gerne gehandelt wird. Es hat auch keine Gemeinsamkeit
mit der Tracht einer katholischen Ordensfrau. Denn die
Nonne will weder Richterin noch Polizistin oder Zahnarzthelferin
werden und Gebetsräume in Schulen, Gerichten oder auf Flughäfen eingerichtet
bekommen. Die Ordensfrau separiert sich mit ihrem Privatleben von der Welt, von
der sie daher auch keine Sozialhilfe oder Wohngeld erwartet. Sie heiratet
auch nicht und kann daher auch nicht an Männer geraten, denen die Religion
die Mehrung der katholischen “Ummah” zur Pflicht machen würde. Im kopftuchbewussten
Islam dagegen gewährleisten das nur solche Frauen, die nach außen demonstrativ per
Verhüllung ihre Abkehr von allem signalisieren (sollen), was den
kollektivistischen, bekenntnis-inzüchtigen und suprematistischen
Idealen ihrer Glaubensgemeinschaft widerspricht.

Eine Kopftuch-Ayscha beim European Song Contest mit seinen lasziven
Rhythmen, den verführerischen Auftritten und sexy Darbietungen kann es und wird
es nicht geben. Was “nur” ein Stück Stoff sein soll wie bei anderen eine Stola
oder eine Krawatte oder, auf symbolischer Ebene, wie ein Kreuzkettchen, ist -
gleichgültig ob freiwillig oder nicht - objektiv zu allererst ein
Bekenntnis zur Selbstabsonderung, vergleichbar der bizarren Haartracht
einer Punkerin oder eines tätowierten, gesichtsgepiercten Rockers.

Wenn uns die letztgenannten nicht am Bankschalter bedienen oder als Arzt im
Krankenhaus behandeln dürfen, wird niemand das Antidiskriminierungsgesetz
bemühen, nicht einmal sie selber. Sie tragen gelassen die Folgen ihrer
Entscheidung, zumal die Allgemeinheit, wenn die Geldsorgen drücken, ihren
Entschluss noch mit sozialstaatlichen Mitteln versilbert. Die mit dem
Stoff-Symbol demonstrativ auf dem Kopf gezeigte Selbstabsonderung
aus Glaubensgründen fordert dagegen, dass wir das Prinzip Selbstsegregation
der muslimischen Lehrerin, Krankenschwester, Sekretärin in unsere Gesellschaft
hineinintegrieren. Dies würde allerdings die Anerkennung der mit der
Selbstabsonderung logischerweise einhergehenden Diskriminierung der
Mehrheitsgesellschaft durch sich selbst und damit die devote Anerkennung
jener Zuschreibungen bedeuten, die der orthodoxe, auf dem Recht zum Kopftuch
bestehende Islam den “Ungläubigen” und ihrer Kultur gegenüber parat hält.

Die haben am vergangenen Samstag ihre Lena gefeiert, während die Kopftuchträgerinnen
weitgehend zuhause geblieben sind. Vielleicht haben sie ihr dennoch
heimlich die Daumen gedrückt - wenn Lena nicht singen und so wunderbar
selbstbewusst auftreten könnte, könnte sie
der orthodoxe Islam glatt für sich buchen, Kopftuch inklusive:

“Allah schützt durch deinen Hidschaab deine Ehre zu 100%. Männer schauen
dich nicht auf sinnliche Art und Weise an, sie nähern sich dir nicht auf
diese Weise… Ganz im Gegenteil, ein Mann hat eine hohe Meinung von dir
und das nur auf einen einzigen kurzen Blick hin! Du bist Widerspiegelung
einer Frau der Tat und nicht nutzlosen Strebens. Durch den Hidschaab zeigst
du Orientierungssinn und Zielbewusstsein. Du bist jemand, der von den
Menschen ernst genommen wird.”
http://way-to-allah.com/themen/Hidschab/Warum.html


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Kategorie(n): Kultur 

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