Rainer Bonhorst 20.02.2012 12:22 +Feedback
Leben ohne Wulff
Zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre ist Deutschland in eine abgrundtiefe Krise gestürzt. Zum zweiten Mal müssen wir wochenlang ohne einen Bundespräsidenten leben. Beim ersten Mal, als sich Horst Köhler so plötzlich von diesem Amt verabschiedete, haben wir die schreckliche, die präsidentenlose Zeit knapp durchgestanden. Die Menschen liefen verzweifelt und Hände ringend durch die Straßen, verlorene Schafe in einer verwirrenden Welt. Niemand gab uns Orientierung, niemand sagte uns, wo es lang geht, niemand schützte uns vor moralischen und anderen Sackgassen. Gerade noch rechtzeitig kam die Erlösung in Gestalt von Christian Wulff. Und nun haben wir auch ihn nicht mehr. Ob wir ein zweites Mal die Schrecknisse eines Lebens ohne einen Orientierung gebenden Präsidenten an der Spitze des Staates durchstehen werden?
Nun wird mancher sagen, die Orientierung, die er braucht, bietet ihm sein GPS-gesteuertes Navigationssystem ebenso gut, wenn nicht besser als ein Präsident. Das ist im Prinzip richtig. Aber auch das Navi hat, wie ein Bundespräsident, gewisse Macken. Schon mancher, der sich ganz seinem Navi anvertraut hat, fand sich auf lehmigen Acker, in Nachbars Garten oder gar im Fischteich wieder. Im Übrigen fehlt dem Navi jede moralische Dimension. Es führt uns gleichbleibend emotionslos zur Kirche oder ins Spielkasino. Hier könnte die beratende Stimme eines Präsidenten durchaus wertvoll sein. Er könnte, wozu kein Navigationsgerät in der Lage ist, im Zwiespalt zwischen Moral und Lebensgenuss attraktive Kompromisse finden und anbieten; etwa als Ausgleich für den Verzicht auf Damenbesuch eine Reise in einen Luxusdom verbunden mit einem preisgünstigen Upgrade. Schließlich ist praktische Moral nichts Absolutes sondern die Kunst, teilweise auf Unmoralisches zu verzichten, ohne sich ganz die Laune verderben zu lassen.
In solchen kniffligen Fragen versagt das Navi. Darum sind Vorschläge, den Orientierung gebenden Bundespräsidenten schleunigst durch ein erstklassiges, und verlockend preisgünstiges GPS-System zu ersetzen, mit Skepsis zu betrachten. So reizvoll die Sache erscheint, auch weil mechanische Navigationsgeräte nicht zu VIP-Partys eingeladen werden, sie hat einen entscheidenden Haken. GPS ist ein Amerikaner. Die Vorstellung, dass der deutsche Bundespräsident durch eine amerikanische Einrichtung ersetzt würde, ist für die Mehrheit der Bundesbürger wohl nicht akzeptabel. Anders läge der Fall, wenn wir bereits ein unter deutscher Führung entwickeltes europäisches Navigationssystem hätten. Dies wäre eher in der Lage, uns Deutschen die Orientierung zu geben, die wir wünschen, und damit den Bundespräsidenten in der Tat überflüssig zu machen. Aber noch haben wir dieses System nicht.
Für die nächsten Jahre werden wir also noch einen Orientierunggeber in Menschengestalt, im Zweifel also einen Bundespräsidenten brauchen.
Permanenter Link | Druckversion
Kategorie(n): Inland


