Richard Wagner 03.11.2008 12:42 +Feedback
Kundera und die Volkspolizei
Ein zufälliger Aktenfund soll es gewesen sein, einer, der, wie das Echo verrät, bestens in die Medienlandschaft passt, nähern wir uns doch mit Riesenschritten den großen Manövern des nächsten Jahres, das unter einem vieldeutigen Motto stehen wird: 20 Jahre später.
Woher die Skepsis kommt? Erfahrungsgemäß wird man nicht nur die revolutionären Veränderungen des göttlichen Herbstes 1989 zu würdigen wissen, sondern dem Kommunismus und der Erinnerung an ihn auch Etliches an intellektueller Verharmlosung und Nostalgie hinzufügen. Die Rückkehr der Utopie, wie wir sie gerade aus angeblich ökonomischen Gründen erleben, ist ohne das Comeback des nützlichen Idioten nicht zu haben.
Mit Kundera aber ist jemand an den Pranger geraten, der sich wie kaum ein anderer für eine gesamteuropäische Diskussion eignet. Man kennt den tschechischen Schriftsteller, der seit Jahrzehnten in Frankreich lebt, und auch die französische Staatsbürgerschaft angenommen hat, europaweit. Die Verfilmung seines Romans „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ hat den Prager Frühling wahrscheinlich bekannter gemacht als die Politik seiner Protagonisten aus dem Partei-und Staatsapparat der sechziger Jahre.
Die Diskussionen über die Vergangenheit sind auch in Tschechien wie im gesamten ehemaligen Ostblock vertrackt zu nennen. Zum einen spielen aktuelle politische Machtkämpfe eine nicht unwesentliche Rolle beim Umgang mit den Akten, zum anderen lebt eine intolerante Kultur des Nicht-gelten-lassens weiter. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Dissidenten kleine Gruppen bildeten, wie in Tschechien die Charta 77, während die große Mehrheit ihren Alltag durch Kollaboration und Opportunismus zu meistern versuchte, und sich damit mehr an Schwejk orientierte als an Jan Hus.
Im Nachhinein ergibt das kein gutes Gefühl, und so ist die heutige Öffentlichkeit dankbar für jedes kompromittierende Blatt Papier, das sich dazu eignet, den Helden in einem weniger vorteilhaften Licht erscheinen zu lassen.
Kundera war in den Fünfzigern, wie viele der Literaten des späteren Prager Frühlings, Parteimitglied und mit seinen Publikationen Teil der offiziellen Kultur. Nur: Der genauere Blick in seine Biographie zeigt, dass die Sache etwas komplizierter war. Der Partei beigetreten ist er 1948, mit 19 Jahren. Es war das Jahr des kommunistischen Putsches in Prag, das Jahr der stalinistischen Gleichschaltung. Ob er nun aus Überzeugung handelte, aus einem antibürgerlichen Affekt, der damals viele junge Menschen antrieb und von den Kommunisten entsprechend manipuliert wurde, oder aus Kalkül und Überlebensstrategie? 1950, im Jahr aus dem die jetzt aufgefundene Anzeige stammt, wurde Kundera im übrigen aus der Partei ausgeschlossen, 1956 wieder aufgenommen. Er hat in dieser Zeit stalinistische Propagandaliteratur verfasst, unter anderem eine poetische Hommage an Julius Fucik, den Helden des offiziellen antifaschistischen Diskurses. Er plädierte aber auch für eine neue Rezeption der verfemten tschechischen Avantgarde. In der Diktatur ist die Position des Intellektuellen wenig komfortabel, und dass dieses Unkomfortable im Nachhinein so einfach erscheint, macht es fast unmöglich der Sache im Einzelnen gerecht zu werden.
Kundera hat mit dem „Scherz“ einen der besten Romane über den Stalinismus geschrieben. In dem Buch geht es im Übrigen um die Umstände einer Denunziation und deren Folgen für die Beteiligten. Ausgangspunkt soll ein Vorkommnis von 1950 sein, das zu seinem Parteiausschluss geführt habe.
In den frühen Achtzigern hat Kundera mit einem genialen essayistischen Denkanstoß die Wiederbelebung der Mitteleuropa-Idee eingeleitet. Sie wurde bald zum wichtigsten Instrument der antisowjetischen Argumentation der Intellektuellen in den Metropolen Ostmitteleuropas.
Auf der anderen Seite wuchs aber eine bis heute virulente Entfremdung zwischen dem Schriftsteller und seiner Heimat. Schließlich hatte er, wegen seiner Rolle während des Prager Frühlings, bereits1970 ein Publikationsverbot erhalten, 1975 ließ man ihn zwar ausreisen, aber 1979 erfolgte ein völlig sinnloser Ausbürgerungsakt. In der Folge ließ der Mann sich auch nach der Wende in Prag nicht feiern. Er dachte sich sogar Strafaktionen aus, indem er die Veröffentlichung seiner Bücher in Tschechien hintertrieb.
Und dann ist plötzlich dieses Papier da. In einem angesehenen Magazin publiziert, von der zuständigen Aktenbehörde, die „Anstalt zum Studium totalitärer Regime“ in Prag, geprüft, wie es heißt. Diese Behörde hat zwar auch viele Gegner, die meisten unter ihnen stehen allerdings im Verdacht ganz persönliche Gründe für ihre Gegnerschaft zu haben.
Bei dem Papier, das nun vorliegt, handelt es sich um eine Anzeige bei der Polizei im Namen von Milan Kundera. Es ist kein Geheimdienstpapier und auch kein IM-Bericht. Die Anzeige betrifft einen jungen Mann, der einen Koffer im Studentenheim abgestellt hat. Bei diesem jungen Mann, Miroslav Dvoracek, handelte es sich um einen ausgebildeten Piloten, der im Jahr davor in den Westen geflohen war und auf der Fahndungsliste stand. Er war in Deutschland an den General Moravec geraten, der unter der Anleitung des amerikanischen CIC etwas großspurig einen exiltschechischen Nachrichtendienst aufbauen wollte. Moravec galt als eine schillernde Figur, während des zweiten Weltkriegs war er der Sicherheitschef der Exilregierung Benes in London und zumindest in Teilen verantwortlich für das Attentat auf Heydrich, das den Tschechen wenig genützt hat, aber der Benes-Regierung die Anerkennung der Alliierten garantierte.
Im Jahr 1950 schickte der General Moravec seine Rekrutierten mit Aufträgen zurück in die bereits stalinistisch kontrollierte Tschechoslowakei. Man muss sagen, die Männer waren chancenlos. Sie waren jung und unerfahren, und nur oberflächlich ausgebildet. Unter ihnen befand sich auch Miroslav Dvoracek, der, in dem Kundera zugeordneten Papier angezeigte.
Die Studentin Iva Militka, die Dvoracek von früher kannte, und bei der er seinen Koffer abstellte, soll im Studentenwohnheim Kolonka ein Einzelzimmer bewohnt haben. Dass es 1950 in einem Prager Studentenwohnheim Einzelzimmer gab, scheint mir allerdings eher unwahrscheinlich. Zumindest für den Normalfall. In diesem Zimmer jedenfalls soll Dvoracek am Abend des 14. März 1950 , beim Abholen seines Koffers, festgenommen worden sein.
Der Rest liest sich tatsächlich wie der rohe Plot eines Kundera-Romans. Alle haben alle verdächtigt, sie haben kaum miteinander darüber gesprochen, und jetzt sind die meisten tot, und selbst das Objekt der Anzeige, das Opfer, das immerhin 14 Jahre Haft abzusitzen hatte, und jetzt in Schweden lebt, schwer krank sein soll, und wohl nicht in der Lage, sich in der Sache zu äußern.
Nun ist es aber so, dass nach einem Vorkommnis, wie der Festnahme eines Westagenten in einem Studentenwohnheim, die Angelegenheit gewiss nicht bei der Volkspolizei endete. Dafür war der Sicherheitsapparat zuständig. E gab ein Verfahren, und ein Gerichtsurteil. Es ist kaum vorstellbar, dass die Beteiligten, die Mitwisser des Auftauchens von Dvoracek, nicht weiter vernommen wurden. Wo sind also die Akten der Staatsanwaltschaft und des Gerichtsverfahrens, die Geheimdienstakten?
In dem generellen Klima der Angst, das 1950 im Zeichen des stalinistischen Terrors herrschte, galt es als eine höchst gefährliche Situation, in die man als Mitwisser der Anwesenheit eines Miroslav Dvoracek geraten war. Möglich, dass die Freunde dachten, sie könnten sich nur durch eine Denunziation retten. Damit aber wären sie Kollaborateure, und vielleicht ist das auch der Grund, warum Kundera schweigt.
Besser wäre es, er würde reden. Man käme damit in der Aufklärung dieser tragischen Geschichte weiter, und auch in der Veranschaulichung des alltäglichen Lebens unter den Bedingungen des Totalitarismus. Auch das wäre hilfreich, angesichts der zunehmenden Verharmlosung der kommunistischen Vergangenheit, knapp zwanzig Jahre später.
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Kategorie(n): Kultur


