Gastautor 07.09.2010 13:48 +Feedback
Kultur, die keiner will. Die Kritik schleicht immer noch um den heißen Brei herum
Daniele Dell’Agli
Es gibt viele Arten von Dummheit, darunter auch manch notwendige. „Die Welt stünde still“, schrieb einst Robert Musil, würden wir nicht alle gelegentlich uns in Dinge einmischen, von denen wir nicht genug verstehen. Von solch einer Art ist sicher die Annahme, man könne in Deutschland heutzutage mit genetischen Argumenten aus der Intelligenzforschung einen kulturkritischen Diskurs über Einwanderung und Integration befördern. Eine andere, zweifellos verhängnisvollere, weil kollektiv verbreitete und nachgerade institutionalisierte Dummheit besteht darin, immer noch an einer angeblichen Gleichwertigkeit von Kulturen festzuhalten, die von vornherein alle Kritik an den Werten der einen im Namen der anderen relativiert, wenn nicht gar verunmöglicht.
Dabei ist es unter allen vernunftbegabten Menschen dieses Planeten unstrittig, daß eine Kultur, die – wie der Islam – soziale Beziehungen, Lebensstile und Denkformen nach Maßgabe eines Diktats aus dem siebten Jahrhundert regelt; die jede Form von Kritik, Pluralismus und Selbstreflexion auf das Strengste verbietet und jede Zuwiderhandlung drakonisch bestraft; eine Kultur, die nur deshalb vom Rechtsstaat nicht als totalitäre Ideologie verfolgt wird, weil sie unter dem Adelstitel der „Religion“ auftritt: daß eine solche Kultur „dümmer“ ist, als das 21. Jahrhundert erlaubt; und daß alle, die alternativlos in ihr aufwachsen, dazu verurteilt sind, weit hinter den Möglichkeiten ihrer nicht-muslimischen Zeitgenossen zurückzubleiben.
Man kann diesen Zusammenhang leugnen, aber Verlogenheit ist nur eine besonders hinterhältige, weil gut maskierte Form der Dummheit. Sarrazin hatte es offenbar satt, das folgenlose Verebben einer Islam-Debatte nach der anderen zu erleben, und er hat der deutschen Öffentlichkeit einige politisch inkorrekte Köder hingeworfen, die sie partout nicht ignorieren kann und die nun wahlweise als „biologistisch“ oder „rassistisch“ und der Form nach als „pauschalisierend“ angeprangert werden. Die wohlfeile Empörung stützt sich auf wenige angreifbare Passagen aus seinem Buch, in der Hoffnung, einmal mehr von den Problemen, die es ansonsten nüchtern und detailliert darstellt, abzulenken. Provokation gelungen, Thema nicht ansprechbar.
Was aber ist das Thema, das selbst Sarrazin mit Zahlen und Fakten mehr umstellt, als freilegt? Die künstliche Aufregung über „biologistische“ Argumente verrät es indirekt, indem sie (nicht zum ersten Mal) unterschlägt, daß kulturelle Prägungen genauso schicksalsbestimmend wirken können wie genetisches Erbe. Wo es um „Kultur“ geht, könne man ja verändernd eingreifen, heißt es dann, was wiederum eine Dummheit – in diesem Fall eine Halbwahrheit – ist, wenn man nicht hinzufügt, daß man hierzu bereits im frühesten Kindesalter ansetzen muß, um etwa die Weichen für eine Integrationskarriere zu stellen. Genau dies wird aber von einer Mehrheit der muslimischen Eltern verhindert und Gesetze, die sie zwingen könnten, ihren Nachwuchs für Kindergarten und Ganztagsschulen freizugeben, fehlen ebenso wie die erforderlichen Einrichtungen. Solange bleiben auch Statements wie „die deutsche Sprache ist das Problem“ letztlich Augenwischerei, zumal hinreichende Deutschkenntnisse mittlerweile türkische und arabische Clans nicht mehr von einer konsequenten Abschottung vor der modernen Lebenswelt einer europäischen Gesellschaft abhalten. Wer sich aber abgrenzt, darf sich nicht über Ausgrenzung beschweren.
Was durch die Integrationsverweigerung bewahrt werden soll, ist eine Frage, auf die uns die stets abwiegelnde Migrationsforschung, die für niemanden nachvollziehbare Integrationserfolge vermeldet, bislang die Antwort schuldig geblieben ist. Dabei drängt sie sich tagtäglich auf: Gestern ein Ehrenmord, heute die Burka, morgen wieder Zwangsheirat und außerhalb Europas verfolgte, gefolterte, gesteinigte Frauen: auch dieser Terror hält den Islam seit über einem Jahrzehnt in den negativen Schlagzeilen. Und sie alle fügen sich zu einer klaren und unabweisbaren Diagnose zusammen: hier hat ein despotisches Patriarchat jede Legitimität verwirkt und läuft buchstäblich Amok. Das mediale Sperrfeuer, das diese weltweite Barbarei begleitet, wird – dem Internet sei Dank – an Intensität eher noch zunehmen. Denn als Dreh- und Angelpunkt aller Differenzen zwischen dem Islam und den säkular-pluralistischen Gesellschaften Europas zeichnet sich eine in ihrer Brisanz immer noch unterschätzte und welthistorisch einmalige Konfliktsituation ab: die Koinzidenz zwischen dem in jeder Hinsicht revolutionären Aufbruch der Frauen in selbstbestimmte und gleichberechtigte Daseinsentwürfe (samt Neuordnung der Geschlechterrollenverteilung) und einem religiös inthronisierten Patriarchat, das an Rückständigkeit und archaischer Gewalt seinesgleichen sucht.
Um es grundsätzlich zu sagen: schon weil das Patriarchat den psychosexuellen Kern des Islams bildet, kann nicht, wie immer wieder gefordert, zwischen dem Islam und den einzelnen Muslimen unterschieden werden. Schon deshalb greift der Pauschalisierungsvorwurf an die Adresse von Islamkritikern ins Leere. Psychosexueller Kern meint: die Organisationsform einer orthodox befohlenen Kontrolle der Sexualität im allgemeinen und der Frau im besonderen zum Zwecke der Aufrechterhaltung „gottgewollter“ sozialer Hierarchien. Das bedeutet, daß an der symbolischen Gewalt, die das Patriarchat durch alle historischen, politischen und ökonomischen Konstellationen hindurch seit Beginn der Hochkulturen reproduziert, Männer und Frauen, wenn auch in unterschiedlicher Funktion, beteiligt sind. Der immerwährende „Verrat“ der Mütter an den Töchtern, wie er heute exemplarisch in der islamischen Familie beobachtet werden kann, ist ein anschauliches Zeugnis für die paradoxe Komplizenschaft der Frauen am patriarchalischen Herrschaftssystem. Und eine Aufforderung an die Frauenbewegung, endlich von manichäischen Opferdiskursen Abschied zu nehmen und genau zu analysieren, wie so etwas möglich war und ist.
Man kann demnach eine familiäre Struktur, die mit den Lebenswelten des 21. Jahrhunderts schlicht inkompatibel ist, nicht angreifen, ohne den Kern einer Religion zu treffen, die absolute Instanz für ethische, pädagogische, politische und juridische Fragen zu sein beansprucht. Zur Delegitimierung der islamischen Geschlechterordnung aber gibt es keine Alternative für den Westen. Dabei geht es nicht nur aktuell um das Anprangern menschenunwürdiger Gehorsamkeitsverhältnisse oder um die Bekämpfung von Tatbeständen des habituellen und massenhaften Kindesmißbrauchs, der Nötigung, Körperverletzung, Freiheitsberaubung und des Menschenhandels (von der ausufernden Jugendgewalt zu schweigen); es geht langfristig um die Entmachtung eines despotischen Patriarchats, das aus Kopftuchmädchen am liebsten Gebärmaschinen zum Ruhme Allahs macht. Denn selbst wenn der bisherige Trend einer Verdopplung der islamischen Bevölkerung alle fünfzehn Jahre (in Großbritannien und den Niederlanden alle zehn Jahre) sich abzuschwächen beginnt, hält der weitaus bedenklichere eines ständig steigenden Anteils an Islamisten gerade in der dritten Generation an. Wenn auch nur jeder zehnte Moslem (laut Bundesinnenministerium) sich zur Einführung der Scharia bekennt – und de facto dies innerhalb seiner Familie längst praktiziert –, dann stellt sich die Frage nach einer drohenden Islamisierung Europas mittelfristig auch ohne Spekulationen auf ein demographisches Take-over.
Zur Prävention müssen daher jetzt schon alle Mittel erlaubt sein, die sich als geeignet erweisen, die Kräfte zur Selbstauflösung traditioneller Strukturen im Islam zu mobilisieren und insbesondere Frauen, die nolens volens die Vorreiterrolle übernommen haben, zu unterstützen. Was bislang hierzu angeregt wurde, nimmt sich allerdings bescheiden aus: von Kindergartenpflicht über Burkaverbot und Zuwanderungsstopp für Muslime bis hin zur Streichung von Transferleistungen nach amerikanischem Vorbild, wie dies nicht erst Sarrazin und demnächst Udo Ulfkotte in seinem neuen Buch vorschlagen, sondern (für alle, die das Modell auf wenigen Seiten durchgespielt haben möchten) bereits Gunnar Heinsohn Anfang des Jahres mit „belastbaren“ Statistiken dargelegt hatte (Die Welt vom 8.2.2010). Solche Maßnahmen muten bürokratisch kleinkariert an, doch wer sich darüber mokiert, vergißt, daß dem Rechtsstaat sowohl bei der Einmischung in die elterlichen Erziehungsbefugnisse als auch bei der Reglementierung „religiöser“ Freiheiten gesetzlich die Hände gebunden sind. Wenn sich das ändern soll, muß die neu entfachte Diskussion um die Integration der Muslime in Deutschland endlich auf den heimlichen Kern dieser Auseinandersetzung fokussiert werden: auf die politische und ethische Legitimität islamischer Lebensformen in Europa überhaupt.
Die Zukunft des sozialen Friedens in Deutschland konnte man bereits im ersten Programm der ARD am 22. Juli besichtigen, dank einer Dokumentation des WDR, die unter dem Titel „Kampf im Klassenzimmer“ die erschütternde Wirklichkeit an einer Hauptschule in Essen zeigt: deutsche Schüler in der Minderheit, gegängelt, gemobbt und verprügelt von einer selbstgefälligen türkisch-libanesischen Mehrheit beiderlei Geschlechts, die aggressiv ihren Anspruch durchsetzt, nach den Regeln der Scharia leben zu wollen und dieses Selbstverständnis durchaus sprachmächtig vor laufender Kamera bekundet. Der Film von Nicola Graef und Güner Balci beschränkt sich darauf, die Protagonisten einschließlich Lehrer und Eltern (nur deutsche, die moslemischen waren zu keiner Auskunft bereit) zu Wort kommen zu lassen, und die radikale Absage dieser Jugendlichen an jedwede Form von Integration überführt Sarrazin-Kritiker (exemplarisch in den Runden bei Beckmann und Illner) mindestens der Irreführung, wenn nicht der mutwilligen Täuschung ihrer Leser und Zuschauer. In der Stereotypie, mit welcher die jungen Muslime, die keine Gelegenheit auslassen, deutsche Mädchen als „unreine Schlampen“ zu beschimpfen, jede Kritik am Islam sogleich als „Rassismus“ von sich weisen, erkennt man übrigens unschwer das Vorbild für das denunziatorische Gebaren unserer linksliberalen Migrationsexperten (oder ist es umgekehrt? Sollten 15jährige türkische Machos Wilhelm Heitmeyer lesen?). Identifikation mit dem Aggressor nennt man dieses Verhalten in der Tiefenpsychologie. Es ist dies ein Signal für Kapitulation.
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Kategorie(n): Wissen


