19.10.2007   11:11   +Feedback

Konsens schützt nicht vor Nonsens

Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 19.10.2007

Es ist ein wohliges Gefühl, im breiten Strom der Konformität zu schwimmen. Die meisten Menschen sind sich gerne einig. Das beginnt in der Schule bei der Auswahl der Jeansmarke und setzt sich fort mit der Auswahl der Meinung zu diesem oder jenem Thema. Ein Zauberwort in gesellschaftlichen Debatten und Auseinandersetzungen ist der „Konsens“, also ein scheinbarer Zustand vollkommener Einigkeit.

Das Herausbilden einer dominierenden Sichtweise zu bestimmten Fragen hat dabei wenig mit Fakten zu tun und viel mit Gruppenpsychologie. Entscheidungen von Gruppen können durchaus von besserer Qualität sein als die von Individuen. Die „Weisheit der Vielen“ ist dann am größten, wenn Menschen unbeeinflusst von einander ein Problem lösen sollen, nach dem Prinzip einer geheimen Wahl. Dann – das kann man in Versuchen feststellen - liegt die Mehrheit zumeist richtig.

Ganz anders sieht es aus, wenn die einzelnen Mitglieder von Gruppen coram publicum abgefragt werden. Der erste Befragte hat dabei eine Schlüsselstellung. Ist A oder B richtig? Wählt der erste A und der zweite Befragte weiß die Antwort nicht so recht, wird er höchstwahrscheinlich seinem Vorredner zustimmen (obwohl der vielleicht auch nicht richtig wusste, was Sache ist). Der Dritte an der Reihe, weiß möglicherweise, dass B richtig ist, wird aber unsicher, weil bereits zwei seiner Vorredner anderer Meinung waren. Es kann gut sein, dass er deshalb gegen seine ursprüngliche Überzeugung auf A tippt - und so weiter und so fort. Amerikanische Sozialwissenschaftler nennen diesen Effekt eine „informational cascade“. Jede neue Aussage baut auf der vorherigen auf. Wenn nun am Anfang ein Irrtum steht, dann kann sich dieser Irrtum zum ganz großen Konsens verfestigen. Experimente bestätigen diesen Effekt: Wenn mehrere präparierte Mitspieler nacheinander eine absurde Aussage treffen, dann traut sich die Versuchsperson – die von der Verabredung nichts ahnt - in der Regel nicht zu widersprechen und stimmt ebenfalls zu.

Das schöne Märchen vom Kaiser und seinen neuen Kleidern ist durchaus noch aktuell. Und dies nicht nur im Alltagsleben sondern auch in der Wissenschaft. Davon berichtete in diesen Tagen die New York Times. Author John Tierney zertrümmert dabei genüsslich einen überholten wissenschaftlichen Konsens: Den, dass fettige Nahrung ungesund und für die Zunahme von Herzkrankheiten verantwortlich sei. Großangelegte Studien in jüngster Zeit konnten diesen Zusammenhang schlichtweg nicht bestätigen. Herzkrankheiten nehmen wohl eher zu, weil die Menschen älter werden und weil Herzkrankheiten aufgrund der besseren medizinischen Betreuung überhaupt erst diagnostiziert werden.

Anlass genug, sich einmal auf die Suche nach dem Ursprung dieses wissenschaftlichen Konsenses zu begeben. Und siehe da: Es trat eine lupenreiner „informational cascade“ zu Tage an deren Anfang eine Studie stand, in der die Ernährungsgewohnheiten in sechs Ländern analysiert und mit der Rate von Herzerkrankungen verglichen wurden. Ergebnis: Amerikaner essen mehr Fett als die anderen und werden häufiger krank. Insgesamt standen allerdings Daten von 22 Ländern zur Verfügung. Hätte man diese ausgewertet wäre die schöne Hypothese bereits im Mülleimer gelandet, denn die breitere Analyse zeigt keinen Zusammenhang. Stattdessen baute die Kaskade sich immer weiter auf. Falsche Annahmen wurden auf falsche Annahmen getürmt. Akademische Platzhirsche gründeten ihre Reputation auf die „Fett ist böse“-These.  Der Leiter des amerikanischen Gesundheitsdienstes sprang ebenso auf wie die US-Krebsgesellschaft und das US-Agrarministerium. Eine Senatskommission servierte Kritiker mit dem Hinweis ab, dass „92 Prozent der weltweit führenden Mediziner“ hinter der „Fett ist böse“-These stünden. So wurde eine falsche Hypothese kaskadenartig zum internationalen wissenschaftlichen Konsens. Etwaige Parallelen zum totalen Konsens in anderen Disziplinen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.


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