Burkhard Müller-Ullrich 26.12.2011 18:39 +Feedback
Kometen, ihr Hirten…
Das Phänomen war spektakulär. Tausende und Abertausende Menschen haben es gesehen, am späten Nachmittag des 24. Dezember. Die einen befanden sich auf dem Kirchgang, die anderen rauchten eine Zigarette vor der Tür. Und plötzlich war da etwas, das die Blicke bannte, das Verwunderung und Besorgnis, bei vielen sogar Angst auslöste. Genau um halb sechs erschien eine Art Feuerkugel mit einem langen Schweif am Himmel, 20 Grad über dem Horizont, also sehr niedrig und bewegte sich verblüffend langsam vorwärts – viel zu langsam für einen Meteoriten, an den viele sicherlich zuerst dachten.
Einige zückten ihr Handy und filmten das Ereignis, das ungefähr eine halbe Minute lang sichtbar blieb. Die Aufnahmen sind im Internet zu sehen, und sie sind beeindruckend. Danach stellt jeder vernünftige Mensch nur eine Frage: Was war das? Man sollte meinen, daß diese Frage in einer von elektronischen Echtzeitmedien geprägten wissenschaftlich-technischen Zivilisation kurz vor Beginn des Jahres 2012 in Minutenschnelle beantwortet werden kann, und zwar von kompetenter Stelle auf rationale Weise.
Von wegen! Was man von Heiligabend bis zum zweiten Weihnachtstag erlebte, war das völlige Versagen unseres Medienbetriebs als Aufklärungsinstrument. Aber jetzt erst mal der Reihe nach. Die frühesten Meldungen kamen aus Thüringen, wo aufgeregte Hörer bei einem Radiosender anriefen, um ihre Wahrnehmungen mitzuteilen. Wohl deshalb berief sich die Deutsche Presseagentur von da an auf das Lagezentrum im Thüringer Innenministerium, das die Himmelserscheinung bestätigt habe – eine völlig sinnlose Angabe, denn schon nach wenigen Minuten wurde klar, daß auch Menschen in Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern, ja sogar in der Schweiz dasselbe leuchtende Objekt gesehen hatten. Im schwäbischen Tuttlingen rückten sogar Polizei und Feuerwehr aus, weil man zunächst geglaubt hatte, es handele sich um einen Flugzeugabsturz.
Ab wann merkt eine Behörde, ab wann merkt eine Nachrichtenredaktion, daß ein für lokal gehaltenes Ereignis ganz Deutschland betrifft? Am schnellsten merkten es die Internetbenutzer, die sich in Blogs und Foren über den beobachteten Feuerball austauschten. Sie meldeten sich aus den verschiedensten Regionen, und dadurch wurde klar, daß es sich um ein Phänomen in großer Höhe gehandelt haben mußte. Immerhin hat auch die Deutsche Presseagentur ins Internet geschaut. Um kurz nach acht an Heiligabend endete die Meldung mit dem abgehobenen Satz: „In Internetforen wurde diskutiert, ob es sich um Teile der Sojus-Rakete handeln könnte, die am Mittwoch vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan abgehoben war.“
Tatsächlich wurde nicht nur diskutiert, sondern es wurden hieb- und stichfeste Belege angeführt, etwa die auf der Webseite der amerikanischen Aerospace Corporation veröffentlichte Flugbahn der abworfenen Sojus-Stufe, die zeitlich und geografisch genau mit den Beobachtungen übereinstimmt. Nichts davon in unseren Großmedien, wo ja nur eine weihnachtliche Notbesetzung Dienst tat. Darüber wurde es Nacht und wieder Tag, und immer noch bekam die Bevölkerung keine vernünftige Erklärung aus verlässlicher Quelle. Stattdessen: müde Witzchen mit „Stern von Bethlehem“ oder hanebüchene Mutmaßungen von UFO-Forschern.
Die Deutsche Presseagentur schrieb am Vormittag des 25. Dezember um 10.13 Uhr: „Ursache des Phänomens soll ein Komet gewesen sein, der bei Schweinfurt in Bayern niederging.“ Es wäre der erste Komet gewesen, der irgendwo niederging, denn Kometen sind Schweifsterne, die durch das All sausen, wenn sie irgendwo niedergehen, dann höchstens als Meteoriten. Eine Stunde später, um 11.37 Uhr, war dann tatsächlich von einem Meteoriten die Rede, und zwar in einer Äußerung des Sprechers des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.
Diese Institution hat eine Webseite, deren Rubrik „Neuigkeiten“ offenbar alle paar Wochen aktualisiert wird. Das Wort des Sprechers war aber für den restlichen Weihnachtstag den Medien heilig: ahnungslos dahingesagt, aber „Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt“. Vielleicht sollte im Rahmen der nächsten Exzellenzoffensive dort ein Internetanschluß gelegt werden, damit die deutschen Experten die Absturzbahn von Sojusraketen zur Kenntnis nehmen können. Wir alle aber können nur hoffen, daß während deutscher Feiertage nicht mal etwas passiert, wo es wirklich auf rasche, präzise und richtige Information ankommt.


