14.12.2012   19:26   Leserkommentare (0)*

Kohlenklau, Wattfraß, Altmaier

Unsere Regierung kümmert sich. Neuerdings erteilt sie sogar Küchentipps. „Wenn Sie mit geschlossenem Deckel kochen, können Sie bis zu 30 Prozent Strom sparen,“ verkündet Umweltminister Altmaier in Zeitungsanzeigen. „Schalten Sie Kochplatte und Backofen am besten kurz vor Ende der Garzeit ab.“ Hurra, so kriegen wir die Energiewende gewuppt.

Altmaiers Apelle können auf einen reichhaltigen Ideen-Fundus zurückgreifen. Zu Großmutters Zeiten gab’s das alles schon mal, zuerst in braun und etwas später in rot. In der DDR ermunterte ein schwarzer Kobold namens „Wattfraß“ zum Stromsparen. „Er kommt in den Wintermonaten und will unserer Industrie den Strom wegfressen,“ mahnte ein staatliches Plakat. 1958 machte die FDJ unter dem Motto „Blitz contra Wattfraß“ drei Tage lang Jagd auf Stromsünder. Kinder schalteten ihren Eltern das Licht ab. Junge Pioniere gingen von Haus zu Haus, um Stromvergeudern ins Gewissen zu reden. Einer der guten Tipps aus der damaligen Kampagne lautete, Bügeleisen oder Tauchsieder nicht in Zeiten zu benutzen, in denen anderweitig viel Strom benötigt wird. Das könnte auch von Peter Altmaier stammen.

Den „Wattfraß“ hat die SED erfunden, doch er im Grunde war er das Kind vom „Kohlenklau“. Diesen finsteren Gesellen mit Schnauzbart und Schiebermütze hatten sich die Nazipropaganda ausgedacht, um die Deutschen vom Energiesparen zu überzeugen. „Was tut der Kohlenklau?“ fragte eine Zeitungsanzeige. „Er zieht kalt ins warme Zimmer. Im leeren Zimmer brennt Licht. Das Radio spiel ohne Zuhörer…Überall wo wertvolle Kohle, Strom oder Gas vergeudet werden, hat Kohlenklau seine Hand im Spiel!“ Oder auch in Gedichtform: „An Ofen, Herd, an Hahn und Topf /  an Fenster Tür und Schalterknopf / Holt er mit List, was ihr versaut / Die Rüstung ist damit beklaut.“ Da kann die Bundesregierung noch was lernen, man muss eigentlich nur „Rüstung“ durch „Energiewende“ ersetzen.

Fällt eigentlich niemandem auf, dass Apelle dieser Art immer ein Zeichen von Mangelwirtschaft waren. Ebenso wie regierungsamtliche Versprechen, dass niemand Mangel fürchten muss. Auch die gibt es jetzt wieder. Am 2. November versicherte die Kanzlerin in einer Pressekonferenz den Deutschen, im kommenden Winter werde das Licht nicht ausgehen.

Erschienen in DIE WELT am 14.12.2012

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Kategorie(n): Inland  Klima-Debatte  Wirtschaft 

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