Gastautor 30.07.2009 18:31 +Feedback
Jürgen Petzoldt: Das Tübinger Wespennest
Ich bin mir nicht sicher, ob Ihnen ganz klar ist, in welches Wespennest Sie da gestochen haben. Zur Erklärung:
1953 in Greifswald geboren, wuchs ich im schönen Schwäbisch Hall auf (Salzsieder, Bausparkasse und so). 1966 gründeten einige Jugendliche dort einen Club alpha 60, der Lesungen, Konzerte etc. veranstaltete. 66 trat dort zum Beispiel der Vater von Herrn Palmer auf. Er stand auf einem Stuhl, den Kopf in einer Schlinge und referierte über die “Juschdiz”. Man hatte ihm allerdings extrem übel mitgespielt. Obstbauer im Remstal, hatte er in den Fünfzigern irgendwelche besonderen Baumbepropf-Methoden entwickelt, so dass seine Äpfel schneller reif waren. Da haben die lieben Remstal-Bäuerlein der “Judensau” dann mehrere Male die Hütte angezündet. Das wird alles bei Wallraff in seinem ersten Reportagenband genau beschrieben (ja, Wallraff, ich kann’s jetzt auch nicht ändern).
1973 versuchte Vater Palmer in Schwäbisch Bürgermeister zu werden. Eine geradezu irre Zeit in Hall, die ich als 19jähriger sehr genossen habe. Da gab es hinter Gelbingen bei Untermünkheim in einer Rechtskurve eine Brücke über den Kocher. In der Kurve stand ein Baum. Der galt Palmer als potentieller Unfallverursacher. Der Baum und Palmers Kampf mit den Behörden um seine Beseitigung wurden zu Palmers Hauptwahlkampfthema. Der ganze Landkreis war in Aufruhr, schied sich in Pro und Contra Palmer. Freundschaften brachen, Tränen flossen, Fäuste flogen. Autoreifen wurden zerstochen. Ich übertreibe nicht, man kann’s sogar im Merian-Heft Schwäbisch Hall nachlesen. In Heilbronn kursierte damals der Spruch, man werde den Hallern zehn Flugzeuge mit Heu schicken. Warum? “Damid die Oxe in Hall waszumfresse henn!”.
Palmer war eine tragi-komische Figur. Er ist wirklich oft im Knast gewesen, hat sich auf Bäume gesetzt und ist tagelang nicht runtergekommen. Sie haben 100pro Recht, er war ein Michael Kohlhaas. Vor drei Jahren starb er und im SDR kamen Gedenksendungen. Ich war gerade bei der Schwiegermutter in Öhringen und hab sie mir alle angeschaut. Armer Palmer! Und er hatte also einen Sohn. Was aus dem wohl mal wird, fragte ich mich.
Ich kam 1973 mal vom Friseur, Haare ganz kurz. Palmer stand auf der Treppe von St. Michael, dort wo die Freilichtspiele stattfinden, und gab den Volkstribun. “Des schdimmd doch alles net!” rief ich ihm zu. “Kerle, geh du erschdemol zum Friser!” entgegnete er mir. Und ich stand da mit GI-Haarschnitt.
Diese fürchterliche schwäbische Mischung aus Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit ist für immer und ewig und mit höchster Präzision von Lion Feuchtwanger in “Jud Süß” beschrieben worden. Das Schwabenbuch. Da reitet der stolze Herr Süß auf dem Zenith seiner Macht durch Tübingen (oder Ludwigsburg, bin zu faul zum Nachschauen, ist auch egal). Sowohl er wie auch sein Pferd vibrieren geradezu vor Hochmut. Und die Schwaben stehen am Straßenrand und verbeugen sich tief, voller Hass. Und dann gehen sie Blumensamen aussäen, und im nächsten Frühjahr bilden die Stiefmütterchen in den schwäbischen Gärtchen den Schriftzug “Juda verrecke!”. Clemens Heni hat das ja sehr schön für das Tübingen der 90er geschildert. Ich glaube ihm jedes Wort.
Es ist wirklich furchtbar im Schwabenland, noch heute. Und doch habe ich dort meine Kindheit verbracht und hänge auch dran. Deswegen, lieber Herr Broder, ging mir Ihr Mail-Wechsel mit Palmer so nahe. Es war für mich faszinierend, wie Sie diese Mentalität sofort heraus - “geschmeckt” haben und Palmer dafür - dankenswerter Weise - ordentlich “auf die Nuss” gegeben haben.
Siehe auch: Die Leiden des jungen Palmer
http://henryk-broder.com/hmb.php/blog/article/910/
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Kategorie(n): Inland


