16.05.2012   16:24   +Feedback

Journalistenpreise. Richtige Gesinnung bevorzugt

„News is what somebody somewhere wants to suppress, all the rest is advertising“. Postulierte einst Lord Northcliffe, britischer Verleger (1865 – 1922, u.a. „Times“, „Daily Mail“, „Daily Mirror“). Nach seiner Maxime ist klar, wem der Henri-Nannen-Preis für „Investigation“, dessen Verleihung am vergangenen Freitag so lautstark in die Hose ging, gebührt: jenen Leuten, die ihn auch gekriegt haben, den „Bild“-Reportern. Und zwar für den Totalabriss einer Bundespräsidentenattrappe, welche so blöd war, die Aufdeckung halbkrummer Touren per Mailboxnachricht verhindern oder aufschieben zu wollen. Weil Wulff wohl glaubte, die Bildzeitung liebe ihn und würde ihn schützen. Noch blöder.

Bild macht jeden platt, wenn es sich für sie lohnt. Insofern liegt das 70-Cent-Blatt ganz auf „Spiegel“-Niveau. Die beleidigten Leberwürste von der „Süddeutschen Zeitung“, die sich den Investigationspreis – von der verzankten Nannen-Jury diesmal auf zwei Zeitungen verteilt, um die Bild-Adelung etwas zu relativieren – keinesfalls mit den Bild-Reportern teilen wollten („Kulturbruch!“), sie mögen ja für ihren eigenen Enthüller wacker recherchiert haben. Aber die SZ-Story war nun mal nebensächlich im Vergleich zur monatelang köchelnden „Causa Wulff“ mit finalem Blubb. Wer, bitte, hat denn von dem SZ-Stück mit dem Titel „Die Formel-1-Affäre“, das sich das Prantl-Blatt umhängt wie Watergate II, besonders Notiz genommen?

Aber, Korrektur: was heißt hier, der „Henri“ sei „lautstark“ geplatzt? Das können nur Journalisten behaupten. Kein Schwein in Deutschland interessiert sich für Journalistenpreise, außer Journalisten. Das Geschnatter um den neuerlichen Eklat beim „Henri“ war selbstredend nur eitler Branchenquark. Normale Leser scherten sich wenig um die Vielzahl der gedruckten und ins Internet gestellten Artikel zum „Henri“-Eklat. Mutmaßlich ist dem Publikum klar, dass Journalisten, die Preise erhalten, dadurch zu etwas Geld kommen und eine Zeitlang Kündigungsschutz genießen. Was aber auch schon alles ist.

Ausgelobt werden Journalistenpreise von Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften, parteinahen Stiftungen, der Bäckerinnung, der Tourismusbranche, einem Apothekerblättchen, you name it. Ausgezeichnet wird, was den Sponsoren in ihr Branchen- und Weltbild passt. Wer zahlt, schafft an. Bei den hochdotierten,  so genannten renommierten Preisen ist das entscheidende Kriterium, ob ein Autor solide im Juste Milieu verankert ist, wie es etwa bei SZ, „Zeit“ und Spiegel zusammenhockt. Beziehungsweise - wie beim Grimme-Preis – ob der Autor für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten arbeitet. Tipp für Aspiranten: was gegen Neonazis oder Umweltsäue oder profitgeile Konzerne geht immer. Den „World Press“-Hauptpreis für Fotografie ergattern meistens Lichtbildner, die irgendwelche Kriegsgräuel verarbeiten. Geht auch immer.

Wenn News das sind, was Lord Nordcliffe darunter verstand, dann sollte man Journalistenpreise allein denjenigen geben, die zeitkonformen Irrsinn entlarven, oft gegen Widerstände in ihren eigenen Redaktionen. Ein aktuelles 3sat-Feature über den Energiesparlampen-Wahn finde ich preiswürdig, oder – lange her, gewiss - die legendäre Spiegel-Reportage von Ariane Barth über Multikulti im Hamburger Karo-Viertel. Welche übrigens gegen den Willen vieler erboster Spiegel-Kollegen ins Blatt gehoben wurde, von Rudolf Augstein himself.

Den Langzeit-Preis für seine unaufgeregte Beobachtung der irrsten Sekte aller Zeiten - der internationalen Church of Global Warming nebst ihres ökologisch-industriellen Komplexes – hat für mich der Wissenschaftsredakteur Ulli Kulke verdient.

Doch Kulke arbeitet bei einem Springer-Blatt, der „Welt“. No Sir, den Henri kriegt so einer nicht. Nicht nach dem letzten Henri-Debakel, und überhaupt nie.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13491498.html

 

 

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Kategorie(n): Kultur 

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