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  12.07.2009   21:38   +Feedback

Eine Stimme der iranischen Diktatur

Von Jan-Philipp Hein

Der Delmenhorster Stadtteil Heidkrug ist denkbar unspektakulär. Einfamilienhäuser reihen sich aneinander, im Norden gibt es ein paar Felder, im Süden Gleise. Regionalbahnen von und nach Bremen machen hier an einem kleinen Bahnhof Halt. Denkt man an die deutsche Mittelschicht, erscheint so etwas wie Heidkrug vor dem geistigen Auge.

In der Vorstadtsiedlung hat auch der „Muslim-Markt“ sein Domizil. Vordergründig gibt sich das Internetportal so bieder wie Heidkrug. Etwas durcheinander geht es von der Startseite zu Heiratsanzeigen von Muslimen, dem Wohnungs- und Stellenmarkt und einem Branchenverzeichnis islamischer Firmen. Bei genauerem Hinsehen wird aber schnell klar: Die „Muslim-Markt“-Betreiber, die Brüder Yavuz und Gürhan Özoguz, sind nicht nur besonders fromm, sondern stramme Islamisten, die schon auf ihrer Startseite von einem „US-Feldzug gegen die Welt“ schreiben oder Boykottaufrufe gegen „Produkte mit Feindseligkeiten gegen Islam und Muslime“ veröffentlichen.

Im Verfassungsschutzbericht des Bundes für das Jahr 2006 heißt es, die Delmenhorster Brüder sympathisierten mit dem theokratischen Regierungssystem der islamischen Republik Iran und agitierten in diesem Sinne. Im Bericht 2007 wird der „Muslim-Markt“ ebenfalls erwähnt. Auch die Verfassungsschützer aus Niedersachsen schauen hin. Sprecherin Maren Brandenburger: „Der ‚Muslim-Markt‘ ist für uns von Interesse.“ Klar sei, dass Yavuz Özoguz Verbindungen in den schiitischen Islamismus iranischer Prägung habe. „Es steht zu vermuten, dass es auch Kontakte zu iranischen Organisationen gibt“, sagt Brandenburger. Im aktuellen Bericht der niedersächsischen und der Bundes-Verfassungsschützer taucht der „Muslim-Markt“ nicht mehr auf. Özoguz bedauert das auf Nachfrage: „Damit haben wir unsere immerhin gut acht Jahre bestehende amtliche Bescheinigung, einzige namentlich genannte Antizionisten des Landes zu sein, verloren.“

Dafür ist der Niedersachse schon mal Referent auf Veranstaltungen der iranischen Botschaft in Berlin und trommelt für den sogenannten „Quds-Tag“, den der verstorbene iranische Revolutionsführer Chomeini erfand, um weltweit sein Gefolge gegen Israel auf die Straßen zu bringen.

Im Moment hat er besonders viel zu tun. Seit im Iran eine Opposition gegen wahrscheinliche Wahlfälschungen im Iran protestiert, veröffentlicht der promovierte Verfahrensingenieur ein Traktat nach dem anderen und mutet dabei wie ein zum schiitischen Islam konvertierter Karl-Eduard von Schnitzler an, jener Chefkommentator des DDR-Fernsehens, der im Namen des Sozialismus‘ in seiner Sendung „Der schwarze Kanal“ Tatsachen auf den Kopf stellte, bis er schließlich „Sudel-Ede“ genannt wurde.

Hunderte Mails erhalte der „Muslim-Markt“ derzeit täglich, schreibt Özoguz auf seiner Seite. Beobachter sprechen von einer hohen Besucherfrequenz auf dem pro-iranischen Propagandaportal. Es lohnt sich also, die vielleicht wortgewaltigste deutsche Stimme der iranischen Diktatur genauer zu betrachten. Özoguz bedient sich exakt derselben Argumentationsmuster wie weiland Schnitzler. Totalitäre Regime, ob sozialistisch oder in diesem Falle religiös, unterscheiden sich in der Wahl der Mittel nicht. Wenn Schnitzler 1989 die Massenflucht aus der DDR thematisierte, war alles ganz einfach: Die Fluchtbewegung betreffe nicht Massen und ist zudem „von westlichen Medien und Diensten inszeniert.“ 20 Jahre später schreibt der Iran-Propagandist Özoguz anlässlich der Massenproteste in Teheran: „“Ist die Tatsache, dass wenige hundert Demonstranten in einer Stadt von 15 Millionen auf die Straße gehen, ein Beleg für einen Umsturzversuch?“

An anderer Stelle ist davon die Rede, dass die „westliche Welt“ mit der „geballten Macht ihrer Mediengewalt“ in das iranische Geschehen eingestiegen sei. Schnitzler drückte sich etwas anders aus: Anlässlich der Berichterstattung westlicher Medien über das Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz 1989 sagte er: „Das ist übelste Einmischung vermittels Lüge und Panikmache.“

Im fernen Delmenhorst sieht Özoguz die Ereignisse in Teheran ganz klar. So auch den Tod der 26 Jahre alten Neda Agha-Soltan, die am Rande einer Protestkundgebung gegen die Wahlen erschossen wurde. Die dramatischen Bilder ihres Todeskampfes – Blut lief aus Nase und Mund, die Augen waren weit geöffnet – sind zum Symbol der Grausamkeit des Mullahregimes geworden. In Delmenhorst wird die Sache natürlich anders gesehen. Denn Özoguz kennt angeblich „zahlreiche deutsche Journalisten persönlich, die vor Ort sind“ und ihn per Mail täglich informierten. Einer davon schreibt für die linksextremistische Tageszeitung „Junge Welt“, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Nur so kann beim Islamisten der Tod der jungen Frau eine „Inszenierung“ und „angebliches Ableben“ werden. Neda „sollte zur ‚Wag the Dog‘-Ikone aufgebaut werden“, heißt es bei Özoguz, der immerhin einen positiven Bezug zur US-Filmindustrie herstellen kann. 1997 erschien die schwarze Komödie mit Robert De Niro und Dustin Hoffman, in der es um die mediale Inszenierung eines amerikanischen Krieges gegen Albanien zur Ablenkung von einer Sex-Affäre des US-Präsidenten geht.

Nicht nur mit Linksextremisten kann der „Muslim-Markt“ gut. Jetzt postete in dessen Online-Forum ein Nutzer namens Klaus Kaping, dass er vor „nunmehr gut zweieinhalb Jahren“ die Gelegenheit gehabt habe, Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinejad die Hand zu schütteln. In dessen Augen hätten sich Güte, aber auch Willenskraft offenbart, so Kaping. Özoguz liebt solchen Schwulst, wenn es um die Repräsentanten seiner geliebten Diktatur geht. Vielleicht stört es ihn deswegen nicht, dass Klaus Kaping der Name eines Holocaustleugners und Neonazis ist. Und der war Ende 2006 Gast der Holocaustleugner-Konferenz im Iran.

Noch schwülstiger als der Neonazi kann Özoguz selbst werden. Nach dem Freitagsgebet, bei dem Revolutionsführer Chamenei in seiner Rede den Demonstranten mit Gewalt drohte und alle Hoffnungen auf auch nur leichte Reformen zerschlug, schrieb Özoguz: „Die Rede war durchdrungen von einer Spiritualität, die einem immer wieder Schauer den Rücken herunter laufen ließen und das so geliebte Gefühl der Faszination verbreitete.“ Neulich gab es einen „Offenen Brief an das mutige Volk im Iran“, in dem sich Özoguz dafür entschuldigt, „dass ich mich aus dem fernen Deutschland mit obigen Zeilen an Sie gewandt habe, wo ich doch weiß, welchen vorbildhaften Islam Sie leben und es meiner Wenigkeit weder zusteht, Ihnen Hinweise zu geben, noch ich in der Lage bin, Sie zu unterstützen“. Dass er den Freiheitskampf der Iraner gegen das Regime nicht unterstützt, kann nicht bezweifelt werden. Die Teheraner Diktatur hat ihm dafür bereits gedankt. Der staatliche Sender IRIB hat in Delmenhorst angerufen und Özoguz wegen dieser Anbiederei interviewt.
(Erschienen in der Sonntagsausgabe des Weser-Kurier)


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