Bernd Zeller 05.12.2010 16:36 +Feedback
Ist Kultur noch zeitgemäß?
Kulturpessimisten wird entgegengehalten, die Klage über das Degenerieren der Kultur sei schon so alt wie die Kultur selbst, und bereits Platon habe vor zweitausendvierhundert Jahren beklagt, die Jugend tauge nichts mehr und wende sich von den tradierten Werten ab. Doch niemand kommt auf die Idee zu bemerken: Mann, damals wurde das noch von Platon beklagt! Da gab es vielleicht was von echter Kultur!
Mittlerweile gilt als Kultur, wenn der Gemüsehändler kein Deutsch spricht.
Wenn er auch sonst keine Sprache richtig kann, ist das Multikultur.
Die Kultur, wie sie einstmals verstanden wurde, wird nicht verstanden. Wegen Goethe, Schiller und noch einiger anderer wurde Deutschland das Etikett vom Land der Dichter und Denker angehängt, als ob die paar repräsentativ gewesen wären. So mussten sich nicht nur die Bevölkerungsmitglieder mehrheitlich überfordert fühlen, da ihnen dichten und denken nicht lag, sie fühlten sich zu Recht ausgegrenzt, bis auf einige, die glaubten, zum Gedichtemachen aufgerufen zu sein, und weitere, die dem Missverständnis anheimfielen, jedes Geschwätz wäre, spätestens in gedruckter Form, als Gedankengut geachtet. Damit war die Kluft zwischen der Dichter-und-Denker-Klasse und den normalen Leuten fortdauernd vertieft, so dass es nicht verwundert, wenn das Wort Gedankengut nur noch abschätzig verwendet wird; „solches“ oder „rechtes“, jedenfalls etwas, das eine abgeschlossene Materialsammlung darstellt und nicht etwa das Ergebnis des Denkprozesses eines Denkenden.
Indem Kulturschaffende davon ausgehen, dass ihr Überleben nur durch umverteilte Zwangsabgaben zu sichern ist, erkennen sie an, dass Kultur nicht als Wert begriffen wird, sehen dies allerdings als Bestätigung für ihre Arbeit, die demzufolge über dem Verständnis des Durchschnitts liegt. Feuilletonisten, die gern von den Massen angenommen sein möchten, verteidigen deren Desinteresse als volkstümlich und immer schon dagewesen.
Unter diesen Umständen verwundert es nicht, dass der Kulturbegriff selbst degeneriert ist. Mit Entzücken stellt man fest, dass Kultur bei den weniger subtilen Völkern noch etwas für alle ist. „Das ist eben ihre Kultur“ gilt als Entschuldigung.
Darin drückt sich eine negierte Kulturverdrossenheit aus. Man weiß von Kultur gerade noch, dass man davor respektvoll auf die Knie sinken soll, möchte aber weiter nicht damit behelligt werden.
Es läge daher im Interesse aller, von Kultur überhaupt nicht mehr zu sprechen. Der Staat könnte an Akzeptanz gewinnen, wenn er sich das Staatsziel Kultur abschminkte. Wer sich mit einer Wagner-Karte schmücken will, soll auch den vollen Preis bezahlen, die anderen Schreiber und Stipendiaten im Wartestand können sich mit Unterhaltungsliteratur quersubventionieren. Der Gesellschaft jedenfalls wäre eine Last genommen.
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Kategorie(n): Kultur


