Unterstützung für achgut

  03.12.2009   20:20   +Feedback

INVICTUS—unbesiegt, Mandela-style

Quizfrage: Was haben Apartheid-Buster und demokratischer Mustermensch Nelson Mandela und der fanatische Neonazi Timothy McVeigh gemeinsam? Antwort: Beide zitierten als Häftlinge aus dem Gedächtnis heraus das romantisch-heroische Gedicht „Invictus“ des Engländers William Ernest Henley aus dem Jahre 1875, das mit den Zeilen endet: „I am the master of my fate: / I am the captain of my soul.“ Während Mandela von diesen Worten im KZ von Robben Island, und überhaupt während seiner fast drei Haftjahrzehnte, in der Zuversicht bestärkt wurde, trotz aller Unmach seines Schicksals Meister zu sein und sich nicht von den Herrrenmenschendarstellern des südafrikanischen White Power-Regimes unterkriegen zu lassen, boten dieselben Worte ein paar Jahre später dem White Power-Massenmörder McVeigh ein Vehikel, mit dem er sich an seine tristen anarcho-faschistischen „Ideale“ klammerte, um als trotziger „Kapitän seiner Seele“ die tödlichen Hinrichtungsinjektionen ohne Wimpernzucken über sich ergehen zu lassen. Invictus, unbesiegt: Für Timothy McVeigh war dies das Motto seines Hasses auf Integration und Rassengleichheit, seiner reulosen Rachegelüste gegen den demokratischen Staat. Für Nelson Mandela war es genau das Gegenteil: die Devise, sich weder vom Haß anderer unterkriegen zu lassen noch eigenen Rachegelüsten nachzugeben und nie das Ziel, die Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen ohne Ansehen von Herkunft und Hautfarbe, aus den Augen zu verlieren. Himmel und Hölle, Engel und Teufel, gut und böse… Schon irre, und ein kleines bißchen verstörend, wie aus demselben Dichtertuch so verschiedene Kleider zu schneidern sind.

Heute abend um sieben Uhr Ortszeit findet im Samuel Goldwyn Theater der Academy of Motion Picture Arts & Sciences in Beverly Hills, California die Uraufführung des Films „Invictus“ statt. Regie führt Clint Eastwood, Morgan Freeman stellt Nelson Mandela dar, und Matt Damon brilliert als Kapitän der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft, den Springboks. Die Springboks hatten nach der Abschaffung institutionalisierter Apartheid nur widerwillig und zögernd mit der Integration schwarzer Spieler begonnen, waren aber seit der von Nelson Mandelas Befreiung eingeleiteten Aufhebung des weltweiten Boycotts der Sportler vom Kap der Guten Hoffnung wieder zu internationalen Spielen zugelassen worden. Der Film erzählt von dem Jahr zwischen der Wahl Mandelas zum neuen Staatspräsidenten (1994) und der in Südafrika ausgetragenen Rugby-Weltmeisterschaft von 1995, als Mandela zunächst den von seinen ANC-Genossen bereits beschlossenen Ausschluß der Springboks aus dem nationalen Sportverband verhindert und sich dann im Verbund mit Mannschaftskapitän Francois Pienaar dafür stark macht, daß das Team mit staatlicher Förderung zum Symbol des neuen Südafrika wird.

In dramatischem Kontrast zwischen bedachten—und manchmal recht witzigen—Kammerszenen im Präsidentenpalast und in Mandelas Residenz (wunderbar die evolvierende Zusammenarbeit der alten weißen und der neuen schwarzen Beamten, vor allem bei Mandelas Body Guards) und hochrealistischen Massenszenen in den Stadien (so nah und brutal hab ich Rugby noch nie gesehen) gelingt es Drehbuchautor Anthony Peckham und Regisseur Clint Eastwood, ihre Vorlage, John Carlins Doku-Roman „Playing the Enemy: Nelson Mandela and the Game that Made a Nation“, so intensiv auf die Leinwand zu bringen, daß man nichtmal den Mangel einer Liebesgeschichte wahrnimmt, und die Zuschauer bis zum Schluß in Spannung zu halten, auch wenn wir von Anfang an wissen, wie’s ausgeht. Klar, ohne einige hollywoodianische Klischees kommt man nicht aus, und die ansonsten ungeheuer rührende Szene, als die Rugby-Boys Robben Island besuchen und die winzige Zelle besichtigen, in der Mandela gefangengehalten wurde, wird überflüssigerweise überschmalzt, wenn Matt Damon Morgan Freemans Geist tief in die Augen blickt. Am Ende jedoch, als die einst scheinbar unbelehrbar rassistischen weißen Spieler der südafrikanischen Mannschaft einmütig in Xhosa „Nkosi sikelel’ iAfrika“ singen, die neue Nationalhymne, bevor sie in der Verlängerung des Endspiels gegen Neuseeland tatsächlich die Weltmeisterschaft erringen, bleibt kein Auge trocken; es hüpft einem das Herz und bleibt noch lange mollig, und man schöpft neue Hoffnung, daß die Menschheit auch ihr Gutes haben kann – vor allem mit einem Vorbild wie Nelson Mandela.

Am 11. Dezember kommt diese optimistische Happy-End-Saga landesweit in die U.S.-Kinos (ein perfekter Familienfilm fürs Weihnachtsgeschäft), und im Februar soll die deutsche Fassung starten – gutes Timing, vor allem, wenn sich als frühes Geburtstagsgeschenk für Eastwood, der am 31. Mai 80 wird, Oscarprognosen bewahrheiten. Vortrefflich getimt ist der Film auch im Vorlauf der Weltmeisterschaften des Rugby-Bruders Fußball, die 2010 in Südafrika ausgetragen werden.

Dank unserer Freundschaft mit Morgan Freeman* und seiner Geschäftspartnerin Lori McCreary* waren wir am 30. November zu einer Privatvorführung mit Cocktailparty in Washington eingeladen, bei der im Auditorium der National Geographic Society „Invictus“ zum allererstenmal einem Publikum gezeigt wurde – einem handverlesenen Insider-Publikum der amerikanischen Hauptstadt und Vertretern der Filmgesellschaft Warner Brothers, die den Film vertreibt. Beim anschließenden Frage-und-Antwort-Gespräch mit dem Publikum, das der populäre MSNBC-Fernsehmoderator Chris Matthews leitete, erklärte Morgan zur Verblüffung aller, er habe das Endprodukt selber noch nicht gesehen und sich auch bei dieserVorführung vom Saal ferngehalten; vielleicht – vielleicht! – würde er sich bei der offiziellen Uraufführung am 3. Dezember das bislang ambitionierteste Produkt seiner eigenen Produktionsfirma endlich von vorne bis hinten anschauen, aber sicher sei er sich dessen noch nicht – so halte er es bei all seinen Filmen; manchmal sähe er sie sich nur häppchenweise an, selten in einem Zug.

Morgan und Lori betreiben seit vielen Jahren gemeinsam die Produktionsgesellschaft Revelations Entertainment. 1993 hatten sie schon einmal einen Film mit südafrikanischer Thematik gemacht, „Bopha!“, bei dem Freeman dem Vorbild seines Buddy Clint Eastwood gefolgt war und Regie geführt hatte, ohne selber vor der Kamera zu agieren; stattdessen spielte damals Danny Glover die Hauptrolle, einen schwarzen Polizisten im Südafrika der Apartheidzeit. Zwar war dieser ausgezeichnete Film kein kommerzieller Erfolg und schlug praktisch keine Wellen, wohl da er einfach zur falschen Zeit kam und einem eher Tränen der Trauer und Wut denn der Rührung in die Augen trieb (und 1993 interessierten an Südafrika eher das Ende der Apartheid, die bevorstehenden ersten freien Wahlen und das bei vielen ungute Gefühl, daß diese „Revolution“ nicht gutgehen mochte), aber Freeman und McCreary kamen von der Faszination mit der Entwicklung der südafrikanischen Republik nicht mehr los. So sicherten sie sich die Filmrechte an Nelson Mandelas Autobiografie, „Der lange Weg zur Freiheit“, doch Finanzierungsprobleme und ungelöste Fragen, wie man das überwältigende Material in zwei bis drei Stunden über ein oberflächliches Dokudrama hinaus in den cinematographischen Griff kriegen kann, schoben das Projekt immer wieder hinaus. Vor drei Jahren wurden sie von Drehbuchautor Peckham auf Carlins damals noch unveröffentlichtes Manuskript aufmerksam gemacht, und sie entschieden sich, ihr Mandela-Glück zunächst mal anhand dieses kompakten Stoffes zu versuchen. Als Clint Eastwood in die Bitte seines alten Freundes Morgan Freeman einwilligte, die Regie zu führen, und Matt Damon die Rolle des Francois Pienaar übernahm, war die Brücke von Südafrika nach Hollywood endgültig geschlagen. Lori gestand uns nach der Aufführung, daß sie nun weniger nervös der Rezeption in der amerikanischen und internationalen Filmkritik und der Aufnahme beim Publikum entgegenfiebern denn Mandelas Reaktion, wenn sie demnächst nach Südafrika fliegen, um dem nun Einundneunzigjährigen das Resultat zu zeigen. Morgan sorgte sich, daß Mandela mit seinem schauspielerischen Portrait nicht zufrieden sein könnte. Ich würde mir da keine Sorgen machen, sagten meine Frau und ich wie aus einem Mund. Wir hatten Mandela 1993, also ein Jahr vor seiner Wahl zum Präsidenten Südafrikas, bei einem Empfang im U.S. State Department* kennengelernt und ein Jahr später bei seinem ersten offiziellen Staatsbesuch im Weißen Haus erlebt, und dessen sind wir uns sicher: Morgan Freeman ist es gelungen, das ruhige Charisma dieses humanen Staatsmannes überzeugend zu verkörpern.

Der Film hat inzwischen auf uns noch einen Nebeneffekt erzielt: Im kommenden Frühjahr sind es zehn Jahre her, daß wir drei Wochen in Südafrika verbrachten und dabei „guten Ratschlägen“ trotzend per Leihwagen nicht nur die „sicheren“ Bildschönheiten des Landes wie die Garden Route und Tierparks und das Kap besuchten, sondern auch „unsichere“ Gegenden des Landes – die Shantytowns von Port Elizabeth mit ihrer unsäglichen Armut (und ihrem unvergeßlichen Jauchegestank, in Ermangelung jedweder Kanalisation unter den tausenden von Wellblechhütten und Holzverschlägen), die quirlende Hauptstadt des früheren „Homeland“ Transkei, Umtutu, in deren Nähe Mandela geboren wurde, die Vorstadtslums von Kapstadt. Was hat sich geändert, wie geht es dort weiter, das möchten wir gerne mit eigenen Augen anschaun. Im Gegensatz zum Nachbarn im Norden, dem Schreckensungetüm Zimbabwe, haben sich Demokratie und Rassenharmonie in Südafrika überwiegend behaupten können – sicher nicht zuletzt, weil das Idol Nelson Mandela weiterhin das nationale Gewissen beeinflußt. Kann das auf Dauer halten? Mal sehn, was in einem Jahrzehnt aus unserer subjektiven Sicht passiert ist. Wir müssen ja nicht gerade genau zur Zeit der Fußballweltmeisterschaft da sein.

Siehe auch:
* Foto & Fotos & Foto
* Morgan Freeman namenlos (am Anfang des Artikels erwähnt)
* Mandela 1993 im State Department


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Kultur 

Helfen Sie uns Die ACHSE DES GUTEN noch besser zu machen
und auszubauen!

Spendenkonto
Kontonummer: 4893891
Augusta-Bank, Augsburg
Bankleitzahl 720 900 00
Internationale Bankleitzahl BIC GENODEF1AUB
Internationale Konto-Nr. IBAN DE93720900000004893891

Google-Anzeige