14.01.2009 15:11 +Feedback
Inauguration Tickets? Nein danke!
Vorgestern erhielt meine Frau einen Anruf vom PIC, dem “Presidential Inaugural Committee”: Wir hätten noch nicht auf die Einladungen zu den drei Amtseinweihungsevents von President-elect Obama geantwortet, und wir müßten uns entscheiden, sonst würden unsere Plätze anderweitig vergeben.
Die E-mails vom PIC an den Tagen davor, die uns zum Kick-off-Sonntagnachmittagskonzert voller Sangundklang-Stars am Lincoln Memorial, zur eigentlichen Amtseinführung am Dienstagmittag sowie zu einem der zehn offiziellen Bälle am Dienstagabend einluden, hatten uns nur kurz in Versuchung geführt. Denn als Obama eine Woche vor Weihnachten den Christdemagogen Rick Warren zum Vorbeter bei seiner Amtseinführung kürte, wich bei uns die Euphorie wie das Helium aus einem bunten Geburtstagsballon, dem ein boshaftes Kind eine Stecknadel in den Balg jagt. Wie konnte der sonst so kluge neue Präsident sich ohne Not zu so einer arroganten Blödheit hinreißen lassen? Am 4. November, demselben Tag, an dem er seinen sensationellen Wahlsieg mithilfe vieler auch schwuler Aktivisten errang, hatte Warren in unheiliger Allianz mit der Mormonenkirche nicht unmaßgeblich dazu beigetragen, daß in Kalifornien Proposition 8, ein homophober Zusatz zur Staatsverfassung, eine knappe Wählermehrheit erreichte, womit das bereits vom obersten Gerichtshof des bevölkerungsreichsten Staates der USA abgesegnete Heiratsrecht homosexueller Paare annulliert wurde. Außerdem war es kein großes Geheimnis, daß der wohllebige Pastor, der mit seiner Megakirche außerhalb von Los Angeles und unsäglichen Platitüdenbüchern Millionen verdient, es nicht nur Schwulen gegenüber heftig an Toleranz mangeln ließ, sondern auch Juden, Moslems, Atheisten und was sonst noch so außerhalb seines engstirnigen fundamentalistischen Horizonts kreucht und fleucht, in einen zur Hölle verdammten Topf warf. Am Wochenende nach seiner Gebenedeiung durch Obama behauptete dieser opportunistische Quatschkopf zwar, “I love gays”, und, praktisch im selben Atemzug, “I love Muslims”, weil’s so großherzig klingt, vor allem als Gastredner bei einer Veranstaltung eines moderaten Moslemrates in Los Angeles, bei der er dann gleich ein peinliches Lovefest mit der ebenfalls geladenen lesbischen Popsängerin Melissa Etheridge vom Stapel ließ—aber daß so ein Typ vom neuen Pater patriae nächste Woche aufs größte Podest der westlichen Welt gehievt wird und es zu seiner Kanzel machen darf, hat viele Obama-Fans sehr verstört.
Ich fand es schon immer merkwürdig, wenn nicht ärgerlich, daß im Land der gesetzlichen Trennung von Kirche und Staat viele offizielle Veranstaltungen vorne und hinten von Jesusbeschwörungen flankiert werden und bei Amtsschwüren statt der Verfassung der Bibel die Hand aufgelegt wird. Eine Ausnahme machte Theodore Roosevelt, der sich außerdem während seiner Amtszeit bemühte, die Phrase “In God We Trust” von der Dollarwährung zu tilgen. Und Freidenker Abraham Lincoln betrachtete seinen Bibelschwur lediglich als Formalität. Sonst muckste kaum jemand gegen diese “Tradition” auf. Übers vergangene halbe Jahrhundert setzte sich dabei vor allem immer wieder—egal ob bei Nixon oder Reagan oder Bush oder Clinton—der trotz oder wegen seiner phrasendreschenden Pomposität populäre baptistische Prediger Billy Graham in Szene. Und so wie es bisher weder eine Präsidentin noch Vizepräsidentin des Landes gegeben hat, so ist die theologische Verbrämung immer nur dem männlichen Geschlecht anvertraut worden—was sich leider auch bei Obama nicht ändert.
Wer die Obsession vieler Amerikaner mit oft krudem Christentum kennt und weiß, daß die vielen Kirchen taumelnden Seelen sozialen Halt bieten oder zumindest vorgaukeln, dem ist klar, daß es außerhalb von Vermont, seit zwei Jahrzehnten im Kongreß vertreten von Bernie Sanders, einem “demokratischen Sozialisten” und Ungläubigen polnisch-jüdischer Herkunft, so gut wie unmöglich wäre, ohne Gottesbeschwörungen in hohe Staatsämter gewählt zu werden. Und so hat auch Obama, von seiner atheistischen Mutter und seinen agnostischen Großeltern als Freidenker erzogen, durch seine Frau Michelle und ihre Familie zur Kirche gefunden und dabei wohl mehr und mehr diese für ambitionierte Politiker zweckdienliche Notwendigkeit verinnerlicht. Allerdings hätte ich von jemandem, der seinen ganzen Wahlkampf auf den Spruch eines “Wechsels, an den wir glauben können” aufbaute, den Mut und die Einsicht erwartet, daß er statt eines bigotten Eiferers vom Schlage Rick Warren vielleicht nicht gerade eine Reformrabbinerin, aber wenigstens die weithin geschätzte liberale Chefbischöfin der Episcopal Church der USA, Katharine Jefferts Schori, als Invokationspredigerin ausgesucht und damit symbolisch in eine hoffentlich weniger chauvinistische Zukunft gewiesen hätte.
Vorgestern, am selben Tag, als jemand vom PIC meine Frau anrief und wissen wollte, ob wir die Einladungen annähmen oder nicht, kam die Ankündigung, mit der Team Obama plötzlich bei seinen liberalen Wählern die Warren-Scharte präventiv auszuwetzen versucht: Gene Robinson, der offen schwule (und von seiner heterosexuellen Chefin Jefferts Schori gegen die erzkonservativen anglikanischen Glaubensgenossen in England und Afrika unterstützte) episkopälische Bischof von New Hampshire, wegen dessen Wahl sich seit 2003 die anglikanische Mutterkirche mit ihrem ungehörigen amerikanischen Sprößling überworfen hat, wird Sonntagmittag am Lincoln Memorial die dreitägigen Amtsübernahmefestivitäten mit seinem Invokationsgebet ankurbeln. Was er dazu am Montag in der New York Times sagte, führt mich zwar nach fünfzigjähriger Abtrünnigkeit längst nicht zum Christkind zurück, aber es ringt mir wesentlich mehr Respekt ab, als ich je vor dem Papst und seinen Pfaffen hatte, wenn ich vor einem halben Jahrhundert im katholischen Kölle beim staatlich verordneten Schulgottesdienst Hosianna sang; Bischof Robinson betonte, er habe sich durch die ganze Geschichte präsidentialer Amtseinführungsgebete gelesen und sei dabei “erschrocken”, wie “spezifisch und aggressiv christlich sie waren”. Er setzte hinzu: “Ich möchte klarstellen, daß dies kein christliches Gebet sein wird, und ich werde nicht aus der Bibel oder ähnliches zitieren. Die Texte, die mir heilig sind, sind nicht heilige Texte für alle Amerikaner, und ich möchte, daß alle Menschen das Gefühl haben, dies ist ihr Gebet.” Er würde es an “den Gott unserer vielen Verständlichkeiten” adressieren. (Höre ich jetzt den Erzbischof von Canterbury, der den englischen Muslimen die Scharia zugestehen möchte, und seinen Mitstreiter, den Homosexuellenhatz predigenden Erzbischof von Nigeria, noch hysterischer als bisher nach Exkommunikation dieses Häretikers schreien?)
Trotz dieses positiven Zeichens in letzter Minute haben wir unsere Einladungen zu den Obamaspektakeln verfallen lassen, und zwar aus rein praktischen Gründen: Erstens dauert von uns die Fahrt nach Washington auch unter den besten Bedingungen zwei Stunden, und während der Inauguration werden mit Sicherheit die schlechtesten Verkehrsbedingungen herrschen. Schon am Sonntagmorgen werden Hunderttausende am Lincoln Memorial erwartet, das weiträumig für den Verkehr abgesperrt wird; da bliebe man wahrscheinlich selbst mit VIP-Paß stecken und müßte sich meilenweit durchboxen. Am Dienstag soll der Andrang noch viel toller werden, quasi die gesamte Stadt ist dann für Privatverkehr gesperrt, und wer weiß, wie das Wetter wird; die Komplikationen an einem kalten Januartag müssen wir uns nicht antun, nur um letztendlich eingemummelt zwischen anderen Honoratioren auf offener Tribüne mit den Zähnen zu schnattern, nachdem wir bei Rick Warrens Beschwörung von Himmel und Erde mit ihnen geknirscht haben. Und der offizielle Ball am Dienstagabend? Das wird ein Eitelkeitszirkus, bei dem die Obamas ein paar Minuten winkend erscheinen und sich die Leibwächter mächtig gegen die drängelnde Menge stemmen. Ist den Ärger nicht wert. Da tanzen wir stattdessen lieber am Sonntagabend beim Inauguration Ball der von der Washington Post betriebenen afroamerikanischen Website TheRoots.com im Museum für amerikanische Geschichte. Bestimmt sehn wir dort viele Bekannte aus der Clintonzeit, die nun für Posten in der neuen Hierarchie Schlange stehen, und können nochmal so richtig über Rick Warren meckern, bevor er Dienstagmittag das Maul aufreißt und sich mit Silberzunge beim Volk Liebkind zu machen versucht. Bin gespannt, wen, außer Moslemen und Homosexuellen, er noch mit seiner Nächstenliebe überschütten möchte.
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Kategorie(n): Ausland


