15.08.2008   08:28   +Feedback

Im Sommerloch

Die letzten Tage waren ziemlich verrückt. Policy Exchange hatte einen neuen Bericht vorgestellt, für den ich verantwortlich war. Es ging um ein eigentlich relativ kompliziertes (um nicht zu sagen: langweiliges) Thema, nämlich die britische Stadterneuerung und Regionalpolitik. Damit lockt man normalerweise niemand hinter dem Ofen hervor, und Titelseiten in der Boulevardpresse füllt man damit für gewöhnlich auch nicht. Doch diesmal kam alles anders.

Worum ging es also? Wir haben ein paar Probleme in unserem Bericht Cities Unlimited angesprochen, die wir für offensichtlich hielten. Es sollte unstrittig sein, dass sich die britische Wirtschaft in den letzten 150 Jahren verändert hat. Aus einer Wirtschaft, die stark auf Kohle, das produzierende Gewerbe und die Schiffahrt ausgerichtet war, ist eine “postmoderne” Dienstleistungswirtschaft geworden. Nicht mehr die Nähe zu Kohlevorkommen oder Seehäfen ist ein strategischer Vorteil, sondern die Nähe zu internationalen Flughäfen oder Autobahnen. Gleichzeitig hat die Mitgliedschaft in der EU den Fokus nach Süden verlagert, wo London zum alles dominierenden Zentrum geworden ist. Ferner haben wir festgestellt, dass alle Bemühungen, die Lücke zwischen nordenglischen und südenglischen Städten zu schließen, gescheitert sind. Im Gegenteil: Trotz gewaltiger Anstrengungen hat sich der Abstand bei einer Reihe von Indikatoren wie Lebenserwartung, Sozialprodukt oder Arbeitslosigkeit sogar eher noch vergrößert.

Wir haben aus dieser Analyse zwei Schlüsse gezogen: Dass es erstens nicht ratsam ist, die Änderungen in der Wirtschaftsgeographie zu ignorieren und einfach so zu tun, als könnte man die Lage der Städte völlig vernachlässigen. Das heißt dann aber auch, dass man akzeptieren sollte, dass einige Städte weiter schrumpfen werden, während andere Städte weiter wachsen. Zweitens empfehlen wir, das System der Stadterneuerung zu überdenken. Statt Hunderte von Einzelprogrammen überwiegend zentral von London aus zu steuern, schlagen wir vor, das Geld zu bündeln und es den Städten zu überlassen, die es nach eigenem Ermessen für Erneuerungsmaßnahmen einsetzen sollen. Wir glauben, dass die Bewohner von Liverpool im Zweifelsfall besser wissen, was für ihre Stadt gut ist, als ein paar Ministerialbürokraten in London.

Genau das waren unsere Vorschläge. Was in einigen Zeitungen daraus wurde, hatten wir nicht vorhergesehen. Dort stand zu lesen, dass wir quasi eine Massenevakuierung von Nordengland fordern, auf dass alle Nordengländer in den Süden zögen. Blanker Unsinn: Zwar halten wir ein weiteres Schrumpfen Nordenglands für unvermeidlich, aber wir haben nie gesagt, dass Städte aufgegeben werden sollten. Wir haben auch nicht gesagt, dass es für Städte wie Liverpool oder Sunderland keine Hoffnung gibt. Wir haben nicht einmal gesagt, dass die bisherige Stadterneuerung komplett gescheitert ist, sondern nur, dass sie nicht die Ergebnisse gebracht hat (nämlich eine Konvergenz mit dem reicheren Süden), die sie eigentlich versprochen hatte.

Dummerweise besuchte der Parteichef der Konservativen David Cameron just an jenem Mittwochmorgen, als wir den Report vorstellten, einige nordenglische Wahlkreise. Dort wurde er von Reportern empfangen, die ihn fragten, was er denn von den Vorschlägen seines “Lieblings-Think Tanks” halte, dass der Norden Englands aufgegeben werden sollte. Der arme Mr Cameron hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Zeile des Berichts gelesen, aber nun blieb ihm wohl gar nichts anderes übrig, als sich eilig davon zu distanzieren - mit deutlichen Worten. Der Bericht sei “wahnsinnig”, “Müll von der ersten bis zur letzten Zeile”, und der Autor, von dem er gehört habe, dass er nach Australien auswandere, solle doch möglichst bald das nächste Schiff nehmen und das Land verlassen.

Dem Parteichef folgte der Schattenminister für Liverpool (bis Mittwoch eigentlich ein guter Bekannter von mir), der in einem Gastbeitrag für den Guardian erklärte, er könne in einer Familienzeitung nicht schreiben, welche Verachtung er für unseren Bericht empfinde. Natürlich meldete sich auch die Labour-Partei zu Wort. Unsere Publikation sei der Beweis dafür, welches Steinzeitdenken in der Konservativen Partei vorherrsche und überhaupt sei die Stadterneuerungspolitik doch erfolgreich. Nachdem die Liberaldemokraten wiederum festgestellt hatten, dass einer der Autoren aktives Parteimitglied bei ihnen ist und ich einmal für einen LibDem-Lord gearbeitet hatte, distanzierten sich auch die LibDems eilig von uns.

Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, hagelte es von da an Kritik von allen Seiten: Der Bischof von Bradford zeigte sich entsetzt ob unserer angeblichen Forderungen. Die Wirtschaftsverbände Nordenglands verurteilten den Bericht ebenso. Am heftigsten allerdings war die Reaktion aus Liverpool: Dort veröffentlichten die Lokalzeitungen die Emailadresse eines der Autoren und schütteten kübelweise Hohn und Spott über ihn aus. Als sie dann noch feststellten, dass der andere Autor aus Liverpool stammt, riefen sie dessen Eltern an, um von ihnen ein Statement über den Geisteszustand ihres Sohnes zu bekommen. Seine Eltern haben das Spiel der Boulevardpresse allerdings nicht mitgespielt.

So haben wir innerhalb von 48 Stunden etwa 500 Zeitungsartikel provoziert, der Guardian widmete uns gar mehrere Seiten. Die Süddeutsche Zeitung berichtete ebenfalls mit der schönen Schlagzeile “Schließt Liverpool!”, selbst vom deutschen Fernsehen kamen Interviewanfragen (ich habe mich allerdings geweigert, einem deutschen Fernsehsender ein Interview auf Englisch zu geben, worauf man bei der ARD allerdings bestand!). In Köln wiederum sorgt man sich, dass den Kölnern die Partnerstadt abhanden kommt.

Nur leider hat sich kaum jemand die Mühe gemacht, einmal zu lesen, was wir wirklich gesagt haben. Die rühmlichen Ausnahmen waren die Kollegen vom (Labour-nahen) Centre for Cities, die Londoner Times und die Daily Mail.

Die Autoren und ich haben uns ebenfalls um Klarstellung bemüht in etwa 60 Radio- und Fernsehinterviews. Meinen Auftritt im Liverpooler Lokalradio werde ich so schnell nicht vergessen. Zehn Minuten lang habe ich da versucht zu vermitteln, worum es uns ging. Am Ende kam dann die Frage, ob wir denn wohl noch so einen Bericht geplant hätten. “Erst einmal nicht,” sagte ich. “Thank God!” war die Antwort des Moderators.

Immerhin war der Guardian so fair, einen Leserbrief von mir abzudrucken, und auch in der hyperventilierenden britischen Blogosphäre konnte ich mich inzwischen zu Wort melden.

Insgesamt bleibt das Gefühl, dass wir mit unserem Bericht schlichtweg ins Sommerloch gefallen sind. Hoffentlich kommen wir da noch einmal heraus.


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Kategorie(n): Ausland