Gastautor 21.01.2011 01:29 +Feedback
Im Reich der Phrasen - Tariq Ramadans europäischer Islam
von Christoph Spielberger
Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin veranstaltet am 21. Januar einen Abend zum Thema europäischer Islam. Als Hauptredner wird Tariq Ramadan auftreten. Tariq Ramadan, der Prinz der Muslimbruderschaft, der Medienstar unter den moderaten Islamisten.
Im Westen gilt er vielen in Politik und Medien als der geeignetste Gesprächspartner für den Entwurf eines europäischen Islam. Denn er ist charmant, gebildet, eloquent und besitzt aufgrund seiner familiären Vergangenheit einen besonderen Reiz: Er ist Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft in Ägypten, Hassan al-Banna. Diese ist heute der geistige Überbau und die materielle Heimat des islamischen Radikalismus und Terrorismus. Ramadans Vater Said war bis 1995 Vorsitzender des internationalen Zweiges der Muslimbruderschaft, mit Sitz in Genf. Saids Beerdigung in Kairo leitete Yussuf al-Qaradawi, der heute bedeutendste sunnitische Rechtsgelehrte. Tariq hat im Kielwasser dieser drei im Westen Karriere gemacht. Vom geistigen Erbe seines Großvaters, in dem auch sein Großonkel und sein Bruder stehen, hat er sich niemals ausdrücklich distanziert – jedenfalls nicht vor einem genuin muslimischen, bzw. arabisch sprechenden Publikum. Warum auch, hier gilt es als ein höchst ehrvolles Erbe. Gleichzeitig versteht er es wie kein anderer, die Sehnsucht vieler westlicher Intellektueller nach einem echt islamischen Gelehrten, der irgendwie aufgeklärt erscheint, zu befriedigen.
Tariq Ramadan ist der gekrönte Meister des Doppelsprechs: vor arabischem Publikum bedient er einen traditionellen Islam im Stile al-Bannas und al-Qaradawis, vor europäischem Publikum entwirft er einen modernen Islam, der sich den Werten der Aufklärung verpflichtet fühlt. Gekrönter Meister deswegen, weil sich mehrere Bücher und dutzende Aufsätze sich seinem Doppelsprech widmeten. Ramadan nennt seine Position „salafistischer Reformismus“, ein erstaunlicher Begriff, wie ein Widerspruch in sich selbst, der den Vorteil hat, dass Ramadan vor muslimischen Publikum das salafistische (wörtlicher, zurück zu den Wurzeln des 7. Jh. – Islam), vor europäischen Publikum das reformistische betonen kann.
Ramadan verkauft seinen Zuhörern diese Doppeldeutigkeit als dialektisches Denken. Er gilt als Brückenbauer zwischen den Kulturen, er tritt ein für universelle Werte, die den Islam mit der Aufklärung verbinden. In Zeiten der politischen Diversität und Sensibilität ist dies eine unwiderstehliche Behauptung, auch für das Haus der Kulturen der Welt. Zugleich spricht er an anderer Stelle von Islam und Westen als zwei vollkommen getrennten Kulturen, zwei Zivilisationen, zwei Welten mit verschiedenen Bezugssystemen.
Schaut man in Ramadans Schriften, ist es nicht schwer zu sehen, wofür er steht: in seinem Buch Western Muslims and the Future of Islam benennt er seine geistigen Vorbilder: sein Großvater Hassan al-Banna; Abul Ala Maududi, Gründer der pakistanischen Version der Muslimbruderschaft, Jamaat-e-Islami. Dessen Korankommentar ist bei Radikalen und Terroristen sehr beliebt, weil er den Dschihad, den Kampf so ausführlich erklärt; Ali Shariati, Chefideologe der iranischen Revolution, der eine Verbindung von Islam und Kommunismus, im Sinne einer universalen Gerechtigkeit, predigte; und Sayyid Qutb, Chefideologe der Muslimbruderschaft nach al-Bannas Tod. Er schuf, wie kein anderer die Verbindung von Gläubigkeit und Terrorismus, mit seiner Theorie vom Tod als Kunstform im Selbstmordattentat. Qutbs „Kunst des Todes - Tod ist Kunst“ verlieh der Muslimbruderschaft ihren terroristischen Feinschliff. Später wurde er der Cheftheoretiker von Al-Qaeda.
Man könnte sagen, Tariq Ramadans Vorbilder sind allesamt keine moderaten Denker, keine wie auch immer gearteten aufgeklärten Geister. Im Gegenteil: sie sind die Visionäre des totalitären Islam und die Alphatiere der islamistischen Expansion. Ramadan nennt sie nicht „Islamisten“ sondern „politische Muslime“, bzw. “Gelehrte“. Sein dialektischer Doppelsprech-Trick: er sieht sich in der Tradition dieser Denker, doch nur in deren rein islamischen und modern- reformistischen Tendenzen, die nicht zum Terrorismus führten. Eine elegante Lösung. Ja, Ulrike Meinhof hat auch Gedichte geschrieben und Holger Meins hat Filme gedreht – die RAF war eine Künstlergruppe. Gerade Deutschland kann von Ramadan hier viel lernen: der zivilisatorische Standard des Dritten Reiches bemisst sich von nun an an der Qualität seiner Autobahnen. Waren sie nicht auch ihrer Zeit voraus, modernisierten das Land und gaben vielen Menschen Arbeit, Brot und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft? Der islamische Terrorismus, mit 16.500 Attentaten seit dem 11. September, erscheint, in dialektischer Ramadanlogik, als ein globales Missverständnis.
Dieser Trick geht auch bei Yussuf al-Qaradawi. Er ist Ramadans theologischer Mentor, er gilt ihm als höchste Autorität. Ramadan lobte ihn in vielen seiner Schriften in den höchsten Tönen. Er schrieb z.B. die Vorworte sowie affirmative Kommentare zu Qaradawis Fatwasammlungen des European Council for Fatwas and Research (ECFR). Dies ist eine arabisch- saudisch dominierte Institution, die sich für alle Muslime in Europa, quasi als Religionsbehörde, zuständig fühlt. Auf Basis der Schari’a gibt sie bindende Rechtsgutachten für alle Bereiche des Lebens unter europäischen Bedingungen heraus. Zum Beispiel zur weiblichen Genitalverstümmelung: die Clitoris sei nicht vollständig zu entfernen, weil dies, laut einer Überlieferung des Propheten Mohammed, besser für die Gesundheit ist und den Ehemännern mehr zusagt. Qaradawi zieht für dieses Urteil eine nicht kanonisierte Quelle hervor; er zeigt hier seine Methode der wasatiyya, der Moderation, der gerechten Abwägung aller Quellen, des mittleren Weges. Davon weiß die deutsche Qaradawiexpertin Prof. Gudrun Krämer, die mit Ramadan auf dem Podium diskutieren darf, viel zu berichten. Mittlerer Weg heißt halbe Clitoris, und ein solcher Gelehrter heißt in der islamischen Welt dann „ein Moderater“. Generell, so Qaradawi, ist die Beschneidung „nicht verpflichtend, doch wer immer meint, es sei zum Vorteil seiner Töchter, sollte es tun, und ich persönlich unterstütze es unter den gegenwärtigen Bedingungen der modernen Welt. (…) Es ist hauptsächlich dazu gedacht, die Frauen zu ehren.“ Sagt der Mentor von Herrn Ramadan.
Und nur so ein Gedankenspiel für die moderaten Denker im Haus mit Kulturen und Welt: bedeutet Dialog der Kulturen auch eine halbe Clitoris? Denn bedeutet Dialog nicht auch immer Verständnis, Akzeptanz und Entgegenkommen? Wie viel Clitoris ist noch islamisch, wie wenig noch europäisch? Wem diese Frage zu absurd ist, der möge bedenken, dass die American Academy of Pediatrics, der oberste Berufsverband der Kinderärzte, lange eine Politik der „sanften Beschneidung“, vorgenommen von Ärzten in den USA, befürwortet hat, damit die Mädchen nicht in den Ursprungsländern der Eltern radikal beschnitten werden. Die Kinderärzte nannten es einen „Kompromiss“, und zur Beschwichtigung der Öffentlichkeit „a ritual nick“, eine rituelle Kerbe. Wie putzig.
Nun folgen weitere Fatwas, zu denen Ramadan seinen euroislamischen Segen gegeben hat: Bekräftigung der Polygamie, auch in Europa darf ein Muslim bis zu vier Frauen haben. Frauen müssen sich bei einem männlichen Beistand die Erlaubnis zur Heirat einholen. Eine Frau muss ihrem Mann ankündigen, wenn sie das Haus verlassen will, und darf nur mit männlichem Familienbegleiter reisen. Ein Ehemann darf seiner Frau verbieten, eine Freundin zu besuchen. Frauen sind angehalten, Eheschwierigkeiten vor „Familientribunalen“, nicht vor staatlichen Stellen, zu regeln. Frauen dürfen eine Ehescheidung nur anstrengen, wenn dies im Ehevertrag ausdrücklich festgehalten ist. Unverheiratete Männer und Frauen dürfen sich nicht alleine begegnen, geschweige denn berühren. Frauen müssen sich vollständig verhüllen, außer Gesicht und Hände, wenn sie einen Mann, außer dem Ehemann, treffen. Bei öffentlichen Veranstaltungen müssen alle Frauen und Männer getrennt sein, insbesondere beim Schwimmen.
Dies ist also die Lebensanleitung für Europas Muslime, gemäß Herrn Qaradawi. Mit freundlicher Empfehlung von Herrn Ramadan. Es ist die typische Mischung der Probleme des reaktionären Patriarchates muslimisch- arabischer Kulturen, und bemerkenswert ist eigentlich nur, dass sie auch für Europa gelten soll. Von alledem wird im Haus der wie auch immer gearteten Kulturen der Welt garantiert nichts zu hören sein, denn natürlich hat Herr Ramadan an anderer Stelle allen reaktionären und antieuropäischen Positionen Qaradawis irgendwie widersprochen. Doch Ramadans Meinung ist, wie es Paul Berman ausdrückte, in diesem Zusammenhang nur eine Meinung, Qaradawis Meinung ist Gesetz für –zig Millionen Menschen. So spricht Ramadan sich auch in Bezug auf die Steinigung als islamische Todesstrafe für ein Moratorium aus, nicht für die Abschaffung. Weil hier religiöse Texte involviert seien, müsse das Thema genau untersucht und „kontextualisiert“ werden. Er meint, er könne mit der Forderung nach Abschaffung der Steinigung nichts bewirken, das sei zu viel gefordert. Wie schön, dass wenigstens Herr Ramadan sich über den Stand der islamischen Zivilisation im Klaren ist. Und wie schön klingt es, wenn das Haus der kontextualisierten Kulturen der Welt in seiner Ankündigung zu Ramadan sagt: „Seine Position ist zwischen liberalem Reformer und gemäßigtem Konservativen zu verorten“, und „Deutschlands Muslime sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ In der Parallelwelt der Kulturrelativierer – pardon, KulturrelativiererInnen.
Erstaunlich ist, innerhalb des ECFR- Buches für Europas Muslime, die Fatwa zum Verbot „palästinensisches Land“ an nicht Araber (!) zu verkaufen, sowie keinen Teil Jerusalems aufzugeben. Doch auch wieder nicht so erstaunlich, denn Qaradawi ist Autor der berühmtesten Fatwa zu Selbstmordattentaten in Israel. Er befürwortet sie ausdrücklich, auch ausgeübt von Frauen und Kindern. Er nennt sie Martyreroperationen, die Zeichen von Allahs Gerechtigkeit sind, heroische Akte, die höchste Form des Dschihad. Damit wurde Qaradawi zum theologischen Helden der Hamas und zum spirituellen Paten aller palästinensischen Terroristen. Qaradawi ist pathologischer Judenhasser: er sagt, er hoffe an seinem Lebensende, auch wenn er im Rollstuhl säße, nach Israel zu gehen und dort möglichst viele Juden töten zu können, um dann als Märtyrer in den Himmel zu gelangen. Er sagt, dass es die religiöse Pflicht eines jeden Muslims ist, an der Vernichtung aller Juden teilzunehmen. Dass Hitler den Juden ihren Platz in der Weltgeschichte zugewiesen hat, und es hoffentlich in der Hand der Gläubigen (Muslime) liegt, dessen Werk zu vollenden.
Tariq Ramadan hat sich immer wieder gegen terroristische Attentate ausgesprochen, gegen die vom 11. September, und ähnliche. Bei den Palästinensern wird er wieder dialektisch unklar: er ist erklärter Antizionist und unterstützt den Widerstand der Palästinenser. Er lehnte einige gewalttätige Methoden von ihnen ab. Im Vorwort zu Islam, the West and the Challlenges of Modernity spricht er aber mit Hingabe vom geistigen Erbe seines Vaters Said, der von Hassan al-Banna gelernt habe, den „Widerstand“ gegen alle Zionisten als „obligatorisch“ anzusehen, als eine religiöse Pflicht „mit der Stirn auf dem Boden“. Dies gäbe dem ganzen Leben einen Sinn. Und Tariqs Verehrung für Qaradawi hat niemals eine Distanzierung von dessen Haltung zu Selbstmordattentaten zugelassen.
Qaradawi sagt, so wie Mohammed prophezeit habe, dass Konstantinopel erobert werde, so sei es nun Zeit, Rom zu erobern, danach ganz Europa; durch dawa, Missionierung und hidschra, Migration. Tariqs Mittel sind intellektueller Natur, er spricht von der Mobilisierung der muslimischen Gemeinde in Europa innerhalb von „Sphären des Widerstandes“ und „Sphären der Kollaboration.“ Letztendlich geht es ihm um die Islamisierung Europas unter ideologischer Führung der Muslimbruderschaft, nicht um die Europäisierung des Islam. Die letztere Position prägte Bassam Tibi, und dass das Haus der Kulturen der Welt nun Ramadan gewählt hat, spricht von seiner ideologischen Ignoranz – oder sollte man sagen: Naivität? Radikalen, und mögen sie noch so charmant und gebildet sein, ein staatlich finanziertes Forum zu geben, heißt den radikalen Islam zu fördern. Eine Schande gegenüber der Mehrheit von gemäßigten Muslimen. Doch lieber ein gezügelter Radikaler mit einem hübsch-gruseligem Familienhintergrund, als so ein verwestlichter Weichmuslim wie Bassam Tibi, der einen Islam ohne Schari’a und Dschihad für Europa fordert, pfui!
Der Islam darf so bleiben, wie er ist, mit all’ seinen zivilisatorischen Schrulligkeiten, einschließlich einer extra UNO- Menschenrechtserklärung für „Menschenrechte im Islam“. Dort gilt als oberstes die Schari’a, was heißt, es gibt keine Gleichheit vor dem Gesetz, keine Gewissensfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit … doch egal, es gilt nur unseren Blick auf den Islam zu verändern, denn wer sind wir, ein Urteil zu fällen. Europa, so Ramadan, ist das Problem, mit seinem alten Rassismus. Er trifft den Nerv des deutschen Schuldkomplexes und Selbsthasses. Kaiserreich, Drittes Reich, Arm und Reich. Deswegen wird es Magiern, wie Ramadan gelingen, einen Großteil von Politik und Presse in ein Delirium der Harmonie hineinzureden, in dem alle Errungenschaften Europas gleichgültig werden und verschwinden. Hier, wie im Haus der gefühlt gleichwertigen Kulturen der Welt, bauen alle Menschen, die guten Willens sind, Brücken zur islamischen Welt, im Sinne universeller Werte und eines friedlichen Miteinanders, denn Islam bedeutet schließlich Frieden. In diesem Reich der Phrasen will niemand mehr wissen, welche zivilisatorischen Abgründe es zu überbrücken gilt.
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Kategorie(n): Kultur


