30.06.2008 22:00 +Feedback
“Ihr seit (!) die Besten!”
Fußball-Deutschland feiert seine Loser und sich selbst. Im EM-Finale gegen Spanien hatte die deutsche Elf maximal zwei sog. “Torchancen”, davon einen Stolperer von Miroslav Klose und einen abgeglitschten Pseudotorschuß von Michael Ballack. So mußte ein vermeintlicher Fangfehler des spanischen Torwarts Iker Casillas als angebliche dritte Torchance herhalten.
Wieder einmal kommt Hochmut vor dem Fall. Nicht nur gegen Kroatien zeigte die deutsche Mannschaft ein desaströses Spiel. Noch desaströser ist im Grunde die Art und Weise, in der sich soeben am Brandenburger Tor der selbsternannte Comedian Oliver Pocher über die Spielweise von Cristiano Ronaldo und Fernando Torres meinte lustig machen zu müssen. Während die Deutschen selbst als Vizeeuropameister angeblich aufrecht gehen, kriechen die portugiesischen und spanischen Siegerstars nur mehr oder weniger hilflos am Boden. Tja, es ist schon bitter, wenn die angeblichen deutschen Abwehrpanzer Metzelder und Mertesacker in 180 Fußballminuten “auf´m Platz” so gut wie keinen Stich gegen beide iberische Dribbelkünstler kriegen. Da hilft eben nur noch Galgenhumor!
Schönredner und Schönschreiber haben dafür gesorgt, die deutsche Elf ein weiteres Mal zu angeblichen “Gipfelstürmern” hochzujubeln, mit denen sie spätestens seit der gestern gezeigten “Leistung” gegen Spanien absolut nichts mehr zu tun haben.
Von insgesamt sechs EM-Spielen zeigte die deutsche Elf lediglich gegen Portugal eine sehr gute und gegen Polen eine halbwegs gute sportliche Leistung. Gegen Österreich gewann sie nur durch einen Glücksschuß von Michael Ballack, gegen die Türken stand die Mannschaft kurz vor dem Abgrund und gegen Spanien wurden ihr im gestrigen Finale in allen Belangen die sportlichen Grenzen deutlich aufgezeigt.
Zwei ordentliche Spiele von sechs, das wäre in der Schule bestensfalls schwach ausreichend. Dennoch spricht Teammanager Oliver Bierhoff davon, die deutsche Elf habe sich “gut dargestellt”, sich “gut positioniert” und “gut präsentiert” sowie eine außerordentliche, beispielhafte “Teamfähigkeit” an den Tag gelegt. Wie in der Schule zählt nicht mehr die wirkliche Leistung, sondern anscheinend nur noch irgendwelche pädagogischen Sekundärtugenden.
Offenbar ist hierzulande die Einstellung weit verbreitet, daß man Spaß ohne Druck und Erfolg ohne Fleiß und Anstrengung haben will, denn wie sonst soll man das Klagen der deutschen Spieler nach dem Kroatien-Spiel verstehen, daß man im letzten Vorrundenspiel gegen Österreich leider nun nochmal “alles geben” müsse? Offenbar hat man sich eine Europameisterschaft als eine Art Sonntagsspaziergang vorgestellt. Anders sind wohl auch die Bilder aus dem EM-Quartier der deutschen Elf in Ascona nur schwer zu verstehen, auf denen man Jens Lehmann am Laptop, Philip Lahm beim Tischtennis und die Spieler samt ihren Frauen bei einer Bootsfahrt auf dem Lago Maggiore bewundern kann.
Wettbewerbe wie z.B. eine Fußball-EM sind immer auch ein Spiegel der inneren und mentalen Verfassung einer ganzen Nation. Eine ganze junge Generation von jungen Deutschen ist durch eine Schule gegangen, in der Spaß die Hauptsache war und in der man das, was man sich wünschte in der Regel auch bekam, und zwar sofort.
Dazu wurden männliche(Un-)Tugenden durch den Feminismus abgebaut, bis dahin, daß deutsche Fußballer heute allenfalls noch mit Mitgliedern einer Boygroup vergleichbar sind, denen man zujubelt, egal ob sie gewinnen oder verlieren, nur weil sie eben sooo süüüß sind wie “Poldi” und “Schweini”.
Dennoch sollte man sich beizeiten daran erinnern, daß die von Angela Merkel proklamierte “Bildungrepublik Deutschland” am Ende nicht durch ständiges Feiern von Niederlagen und schlechten Spielen, sondern nur durch harte Anstrengung und Fleiß erreicht werden kann.
Wenn “Poldi” und “Schweini” dann ihren millionenfachen Fans zurufen “Ihr seid die Besten!” und mit ihnen die Welle machen, so ist das schon o.k., die gleichnamige Aufschrift auf einem Transparent vor dem Brandenburger Tor am heutigen Nachmittag “Ihr seit(!) die Besten!” ist es nicht, ist sie doch lediglich ein Ausdruck für den Wunsch nach Zweitklassigkeit im PISA-Konzert der Großen in Europa.
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Kategorie(n): Kultur


