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  15.03.2009   20:51   +Feedback

Ich will nicht für den Mörder beten!

Gestern hörte ich auf der Fahrt in Thüringen in einem der Dudelsender, die man nur im Auto ertragen kann, die Meldung, dass unter großer Anteilnahme der Bevölkerung das erste Opfer des Killers von Winnenden beigesetzt wurde. Die Trauergemeinde hätte für das ermordete Mädchen gebetet und in ihre Gebete auch die anderen Getöteten und den Täter eingeschlossen. Ich hätte vor Schreck beinahe das Lenkrad verrissen. Hier artikuliert sich eine Haltung, die zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht nicht mehr unterscheiden kann oder will. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich in diesem Fall Unfähigkeit oder Unwilligkeit schlimmer finden soll. Wie soll so ein Gebet aussehen? „Herr im Himmel, Dein Tim komme, Dein Robert geschehe?“ Die Ermordete und ihren Killer gleichsam ins Gebet einzuschließen, ist, als ob man den Opfern ins Gesicht spuckt. Es ist eine Folge jener zur Ideologie zementierten Haltung, dass Täter Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse seien und folglich nur bedingt verantwortlich für ihr Tun. Im Anbetracht des Unglücks, das die Auslöschung von 16 Menschenleben bedeutet, ist das von kaum zu überbietendem Zynismus. Wenn man die Berichte vom Vorgehen des Killers liest, dann trifft die Bezeichnung Amokschütze wohl weniger zu, als die des Henkers. Die Mehrzahl der Menschen starb an gezielten Schüssen in den Kopf. Innerhalb von nur fünf Minuten dreizehn! Wer im Vorrüberrennen einen Mann aus der Entfernung tödlich trifft, der hat Übung und kaltes Blut. Wer in einem Autohaus zwei sich gegenüber sitzende erwachsene Männer kurz hintereinander mit Kopfschüssen tötet, ehe sie sich erheben können, der mordet schnell und präzise. Wenn ich dann lese, dies sei möglicherweise eine Folge von Leistungsdruck in der fleißigen Provinz oder mangelnder Beachtung gewesen wird mir schlecht. Tim hat sie alle geliebt, aber konnte seine Liebe nicht adäquat ausdrücken?
Das Massaker von Winnenden wirft vor allem die Frage auf, wie die Gesellschaft damit umgeht. Hier erst einmal ein paar Fakten: schon drei Stunden nach den ersten Meldungen, waren dieselben auf den Internetseiten der großen Zeitungen schon verdrängt von „Analysen“ so genannter „Experten“. Was kann man in so kurzer Zeit sagen, außer den Wortmüll aus Betroffenheits-Versatzstücken, gepaart mit dem üblichen Ruf nach mehr Verboten ?
Warum glaubt eine Redaktion, so etwas anbieten zu müssen? Am Abend des Unglückstages gibt es bereits die Talkshow zum Thema. Plasberg wollte unbedingt der Erste auf dem Plappermarkt sein. Plasberg hat damit aber nicht seine journalistischen Qualitäten unterstrichen, sonder nur seine mangelnde Fähigkeit zur Pietät. Es hat etwas von Leichenfledderei, wie das Massaker von den Medien ausgeschlachtet wurde. Inzwischen scheint es auch keine Hemmungen mehr zu geben im Bestreben, das Geschehen nach allen Regeln der Kunst auszuschlachten. „Bild“ war mit einem dutzend Reportern vor Ort, wenn nicht gar mehr. Sie scheinen sich auf alles gestürzt zu haben, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Man las am nächsten Tag in der mehrseitigen Berichterstattung Statements von zwölfjährigen Kindern! Das hat mit Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit nichts mehr zu tun, nur noch mit brutalster Sensationsgier.
Ich will nicht wissen, was ein überrumpeltes zwölfjähriges Kind, das vor wenigen Stunden Zeuge eines furchtbaren Mordes geworden war, einem Reporter in den Block stottert. Ich will, , dass die Kinder in Ruhe gelassen werden, damit sie ihr Trauma verarbeiten können. Aber unsere Meinungsmacher scheinen nicht mehr fähig zu sein, Anstand und Würde im Angesicht einer Katastrophe zu bewahren. In der „WamS“ schildert Clemens Wergin heute, wie das Presseheer die Albertville-Realschule belagert, auf der Jagd nach trauernden Schülern. Selbst das benachbarte Gymnasium musste sich verbarrikadieren. Lehrer bewachen den Eingang, der örtliche Bäcker bringt Bretzeln in die Schule, damit kein Schüler nach draussen muss, um etwas zu essen zu kaufen. Wo leben wir denn? Offenbar in einer Zeit, die keinen Raum für Trauer mehr lässt. Welche Schlussfolgerungen für sein Leben soll ein vierzehnjähriger Jugendlicher ziehen, den der Tod seiner Chemielehrerin zum Fernseh-, und Internetstar des Tages macht, mit der Schilderung der Hinrichtung? Die zwanghafte Art und Weise, wie das Unglück zerredet und vermarktet wird ist geradezu eine Einladung an alle, die sich auch nach ihrer Sekunde Weltberühmtheit sehnen. Es gibt sogar Journalisten, die diese Gefahr sehen, aber kaum zu formulieren wagen. Thomas Schmid hat es wenigstens versucht. Aber das ist schon alles, was man seinem unsäglichen Stück, „Die Unsterblichkeit des Amok-Täters“ zugute halten kann. Ausgerechnet im Kulturteil der WamS siniert Schmid darüber, dass der Täter wusste, dass er unmittelbar nach seiner Tat „auf immer in die Hall of Fame des Verbrechens“ eingehen würde. Mit seiner Tat hätte der Mörder, den Schmid Tim K. nennt, als wäre er der nette Nachbarjunge von nebenan, „ die große Erzählung vom Amok weitergesponnen.“
Wer so was schreibt, spinnt, oder hat nicht alle Tassen im Schrank. Die Wirklichkeit wird schon nicht mehr wahrgenommen, sie gerät zur Fiktion, in der jeder aufgefordert ist, weiterzuspinnen, an der „großen Erzählung“ Das Ganze ist auch noch versehen mit einem Foto des Killers als verträumtes Weichei, umgeben von romantischen Lichtblitzen. Schmid hat auch schon die eigentlich Schuldigen ausgemacht: die „mediale Demokratisierung“, aber nicht etwa die Medien, die den Killern zu ihrem Ruhm verhelfen, sondern „Krethi und Plethi, die das oft mit medialer Hilfestellung besorgen“ Wie das? Stehen Krethi und Plethi mit gezogener Pistole hinter unschuldigen Journalisten und zwingen sie, Kinder zu belästigen, um ihre Zeitungsseiten mit deren Statements zu füllen? Ganz bestimmt nicht. Das machen die Journalisten von ganz allein. Sie wollen aber keine Verantwortung für ihr Tun übernehmen.
So wie Die Eltern des Killers keinen Verantwortung übernehmen wollen. Statt wenigstens still zu sein, mieten sie sich einen Anwalt, um in der Öffentlichkeit einen würdelosen Kleinkrieg zu liefern. Nein, ihr Mörder-Sohn war nicht in psychiatrischer Behandlung, obwohl er mindestens fünf Mal in einer Sprechstunde war. Nein, er hat nicht am häuslichen Schießstand üben dürfen. Ein geübter Schütze war er jedenfalls. Ach, wir haben ihm doch jeden Wunsch von den Augen abgelesen und ihm immer gekauft, was er wollte.
Sie haben ihrem Sohn beigebracht, dass er alles haben kann, ohne es sich verdienen zu müssen. Nun hat er Menschenleben haben wollen und er hat sie sich einfach genommen.
Wenn der Mörder irgendwie auch ein Opfer ist, brauchen sich seine Eltern ja auch nicht die Frage zu stellen, wie es kam, dass sie ein tödliches Monster großgezogen haben.
Es gibt keine Botschaft, die von Winnenden ausgeht, außer der, dass die Unfähigkeit zu trauern, wenigstens in den Medien, eine schreckliche Gewissheit ist.

(Vera Lengsfeld)


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Kategorie(n): Inland 

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