Gastautor 12.03.2010 10:29 +Feedback
„Ich habe Havanna eröffnet“
Von Silvia Meixner
Fünf Tage im Jahr klappt in Berliner Hotels alles, wirklich alles: Wenn ITB ist, will sich kein Hauptstadt-Hotelier die Blöße geben, dass in seinem Haus irgendetwas nicht funktioniert. Die Häme der Mitbewerber wäre ihm gewiss. Fernab von den erhofften Millionengeschäften richten sich Tourismusexperten aus aller Welt eine lustige Parallelwelt ein und nichts ist vergnüglicher als sich über die Konkurrenten lustig zu machen. Da gehen - man glaubt es kaum- Manager nach einem anstrengenden Messe-Arbeitstag in Berliner Hotelzimmern noch auf die Knie und gucken kritisch unters Bett. Weil es eine Art ITB-Volkssport ist, stellen die Kollegen dort deshalb gern kleine Schilder auf: „Auch hier wurde gesaugt!“ Ätsch. 1:0 für das Hotel.
Abends laden Berliner Hoteliers zu unglaublichen Empfängen, im Adlon traten zum Beispiel als Überraschung „Boney M“ auf und nach dem ersten Schock- die meisten wunderten sich darüber, dass die 70er-Jahre-Band überhaupt noch existiert – tanzten und sangen alle. Als gäb’s kein morgen, als gäb’s keine Krise. Die Buffets biegen sich, die Speisen liegen unter wagemutigen Riesenskulpturen aus Eis, fünf Tage lang haben schnöde Berliner Spezialitäten wie Buletten Pause. Currywurst gibt es bestenfalls in homöopathischen Dosen auf kleinen Porzellantellerchen, das wiederum finden Touristen schick. Es gibt Hummer, Jobangebote, Branchenklatsch aus aller Welt, Sushi mit richtigem Fisch drauf (in Berlin eher eine Seltenheit), alles vom Feinsten und nie scheint etwas auszugehen. Berlin- ein Schlaraffenland statt ständig arm, aber sexy, wovon ja wirklich niemand satt werden kann (und auch auf T-Shirts gedruckt ist es mittlerweile langweilig). 11 127 Aussteller aus 187 Ländern wollen unterhalten werden. Die Branche ist, erraten, optimistisch, das ist nie nämlich immer und das macht sie sympathisch. Oder sind Sie das ewige Jammern der CeBIT-Aussteller nicht auch schon langsam leid? ITB-Hotelparties sind ein imposantes Schaulaufen der Kunst des Beherbergens. Hoteliers, die aus Aruba, Alaska oder der Monogolei anreisen und nicht im Luxussegment tätig sind, wähnen sich im Paradies- an den übrigen 360 Tagen im Jahr liegt es definitiv nicht in Berlin.
Nur dass es während der ITB immer so kalt ist- das müsste wirklich nicht sein, hat aber traditionell logistische Gründe, weil die Menschen schließlich um diese Jahreszeit sich erstmals um den Sommerurlaub Gedanken machen. Also bibbern Menschen aus der Karibik, die – leicht- und frohsinnig wie man in der Karibik nun mal eben ist- schon wieder keinen Wintermantel mitgenommen haben, fünf Tage um die Wette. Gut, dass jede bessere Berliner Bar einen ITB-Cocktail kreiert. Tanzen, Trinken, Lustigsein- so kommen Sie durch die Nacht: Die Gäste aus aller Welt wärmen sich gern beim Tanzen auf, unvergessen die ITB-Nacht vor ein paar Jahren, als rund hundert Menschen in der Lobby des Interconti unter der Anweisung eines griechischen Hotelkettenbesitzers Sirtaki lernten. Die Griechen haben derzeit ja nur wenig zu lachen, vielleicht sollten die Berliner einfach wieder ein wenig mit ihnen tanzen. Das sorgt für die Ausschüttung von Glückshormonen und lässt die Beleidigungen und Verletzungen der vergangenen Wochen vergessen. Und dann buchen wir gleich ein paar Wochen Griechenland-Urlaub, aus Solidarität, auch wenn in diesem Jahr die Türkei das Hauptland der ITB ist.
Im Gespräch mit Hoteldirektoren aus aller Welt ist Selbstbewusstsein wichtig. Nicht kleckern, klotzen! Egal, welchen Beruf Sie ausüben, sparen Sie nicht mit Eigenlob und lassen Sie sich nicht einschüchtern. So überleben Sie die ITB, auch wenn Ihre Eltern Ihnen jahrelang Bescheidenheit eingeschärft haben: Schon nach dem Duschen erinnern Sie sich mehrfach selbst daran, wie umwerfend Sie aussehen. Ihre Intelligenz ist beispiellos, die Kollegen sind Stümper und alle anderen ITB-Besucher Dilettanten. Da sich das morgens offenbar alle sagen, geht die Rechnung irgendwie auf. Wenn Ihr Gegenüber zum Beispiel erzählt: „Ich habe Havanna eröffnet“, hat das keinerlei politische Bedeutung, es heißt lediglich, dass er das neue Haus seiner Kette eröffnet hat. Die Botschaft: Ohne mich hätten die Knalltüten das nie geschafft. Danach musste er selbstverständlich gleich weiter, nach Shanghai, Hongkong und/oder Chennai. Zwischendurch hat er vielleicht auch noch eine Kreuzfahrtschiff-Taufe organisiert, aber das machen Profis quasi nebenher. Ist man erst mal drin, im internationalen Hoteliers-Karussell, sieht man die liebe Verwandtschaft bestenfalls noch via Skype.
Weit nach Mitternacht geben Hoteldirektoren dann ihre Schmonzetten zum Besten. Eine der lustigsten ist jene: Ein Direktor einer südfranzösischen Luxusherberge avancierte über Nacht zum Direktor eines 3-Sterne-Allinclusive-Hotels. Das Haus hatte, Schicksal, plötzlich den Besitzer gewechselt. Auch der Hoteldirektor war erst ein wenig geschockt, aber Profis sind flexibel. Die verwöhnten Gäste wurden über Nacht zu Normalo-Touristen degradiert. Statt Perlen und Champagner gab es plötzlich nur noch Allerweltswein und – huch!- die gelifteten, gebotoxten Damen sollten sich billige Plastikbändchen (Bunt! Ohne Brillis drauf!) umbinden, um am Buffet zugreifen zu können. Die meisten reisten natürlich gleich empört ab. Die Welt ist groß, da findet sich für jeden ein Urlaubs-Plätzchen.
Auch die Politiker versuchen sich auf der ITB in Humor, wobei man allerdings nicht immer genau weiß, ob man lachen oder weinen soll: „Wenn ich ehrlich bin, bin ich eigentlich nur Minister geworden, um das mal tun zu können“, erklärte Rainer Brüderle (FDP), immerhin Wirtschaftsminister, als er die Messe eröffnete. So hat halt jeder seine Träume. Nur: Was macht der Mann dann nächste Woche?
Silvia Meixner ist Journalistin und Herausgeberin von http://www.good-stories.de
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Kategorie(n): Bunte Welt


