Dr. Wolfram Weimer 24.12.2011 16:13 +Feedback
„Ich habe den Präsidenten nur gespielt“
Der Bundespräsident hat seine Entschuldigungsrede gehalten, in der Weihnachtsansprache will er zur Kreditaffäre nichts sagen. Ein Fehler, finde ich. Hier mein Entwurf einer Verteidigungsrede ganz anderer Art.
Liebe Landsleute,
Seit einigen Tagen diskutiert Deutschland die Frage, wie ich mein nun wahrlich bescheidenes Privathaus finanziert habe. Die Tatsache, dass mir ein väterlicher Freund dafür Geld geliehen hat, muss ich nicht verteidigen. Es gibt keine ernsten Vergehen. Weder juristische noch moralische. Jeder weiß, dass ich nicht bestechlich bin. Die Angriffe der Opposition auf mein Verhalten sind durchsichtige politische Manöver, kleinlich in ihrer Haltung und maßlos in ihrem Urteil. Sie treffen mich nicht.
Mich erschüttert etwas anderes. Es ist eine Selbsterkenntnis. Diese Affäre, die keine wirkliche Affäre ist, hat mir klar gemacht, dass ich bislang auch kein wirklicher Präsident gewesen bin.
Ich habe den Bundespräsidenten nur gespielt. Ich habe eine Rolle gesucht, als sei auch sie von einem Freund geliehen. Ich bekenne mich daher schuldig, ein billiger Urlaubsgast der politischen Korrektheit gewesen zu sein. Ich habe es bei keinem Thema bislang gewagt, Unbequemes zu sagen. Ich habe stets nach der konfliktlosen Massenmeinung Ausschau gehalten und mich zu allen anderen Gemeinplätze-Verwaltern auch noch auf den Quadratmillimeter Mitte gedrängt. Ich lebte nicht vom Kredit geliehenen Geldes, ich lebte vom Kredit geliehener Ansichten.
Ich fürchte, dass Deutschland nur deshalb so lange über eine private Finanzierung für mein Häuschen diskutiert, weil ich ansonsten keinen Anlass zu ernster Diskussion biete. Nur einmal habe ich etwas geäußert, was scheinbar mutig schien, als ich ausgerechnet zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit erklärte, der Islam gehöre zu Deutschland. Ich habe das nur getan, weil ich die Zustimmung des links-liberalen Milieus in Deutschland suchte. Sie sehnten sich nach Joachim Gauck, und ich wollte ihnen etwas bieten, was nach Haltung klang. In Wahrheit war das kein bisschen mutig. Mutig wäre es gewesen zu sagen, Deutschland sei eine christliche Nation, die gegenüber dem Islam tolerant sein wird. Das habe ich mich aber nicht getraut.
Auch in der Schuldenkrise habe ich lieber eine abgegriffene Bankenkritik vorgetragen, als der politischen Klasse die Leviten zu lesen, dass sie seit einer ganzen Generation keine ausgeglichenen Haushalte mehr zustande bringt. Dass wir in Libyen einen Tyrannen stürzen, einem unterdrückten Volk helfen oder wenigstens der Nato solidarisch sein sollten – auch dazu habe ich nichts gesagt. Mir ist auch kein symbolisches Handeln gelungen, dass man erinnern wird. Ob die sprunghafte Atompolitik oder eine Vision zum neuen Europa – ich habe lieber Belangloses geäußert als in die Kritik zu kommen.
Nun bin ich wegen privater Lässigkeit massiv in die Kritik geraten. Und da erkenne ich plötzlich mein eigentliches Versagen. Denn es hätte Dinge gegeben, die es wert gewesen wären, dafür Prügel zu beziehen.
Ich fühle mich bei meiner Feigheit ertappt. Darum erinnere ich in dieser für mich so unangenehmen Stunde an Joachim Gauck, der Mut und Haltung verkörpert. Machmal denke ich – er wäre der bessere Bundespräsident geworden, gerade weil er so authentisch sagt, was er denkt, weil er aus dem tiefen Brunnen einer echten Haltung schöpft, weil er gerade nicht gefallen will. Ich habe mich darum entschieden, ihm ab sofort nachzueifern. Ich will nicht enden wie Shakespears König Heinrich IV. und mir irgendwann eingestehen müssen: „Ich war eine Memme aus Instinkt.“
Sie werden darum in den kommenden Monaten einen anderen, einen zweiten Bundespräsident Christian Wulff erleben. Einen, der andere weder nach Krediten noch nach Urlaubsbehausungen noch nach Meinungstrends fragt. Einen, der nicht nach dem coolen Foto mit Frau Ausschau hält, sondern nach der Haltung im Mann. Einen, der aufhört im Nebel der Belanglosigkeiten herum zu stochern. Einen, der nicht mehr spricht wie Mehrheitsroboter sondern wie ein Mensch.
Und wenn ich das nicht schaffe, wie ich es Ihnen heute verspreche, dann werde ich vorzeitig zurücktreten und dafür eintreten, dass Joachim Gauck doch noch ins Amt kommt. Es wäre ein Rücktritt nicht wegen Gefälligkeiten, sondern wegen Gefallsucht.
Zuerst erschienen auf ‘Handelsblatt online’, 23.12.2011
http://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/weimers-woche/eine-ungehaltene-rede/5991372.html
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Kategorie(n): Satire


