19.08.2010   09:52   Leserkommentare (0)*

Ich bin dann mal weg

Heute erscheint im kleinen feinen Galiani-Verlag mein Amerikabuch. Es trägt den Titel: „Tschüß Deutschland! Aufzeichnungen eines Ausgewanderten“. Außer bei Amazon bekommen Sie das Werk natürlich bei jedem gut sortierten Buchhändler (etwa in der Buchhandlung Huismann: ?Nahestraße 1, ?53332 Bornheim).
In meinem Buch steht, warum Amerika zwar das Land der Freiheit ist, die amerikanische Bürokratie aber an das Osmanische Reich und manchmal auch fatal an die DDR erinnert; wieso Amerika ein furchtbar, will sagen: wunderbar altmodisches Land ist, in dem ganz normale Leute, also zum Beispiel auch ich, auf die Jagd gehen; wie es in Alaska zwischen Sarah Palins Gletschern aussah, als Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde; und weshalb, wenn Amerika eines Tages untergehen sollte, die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ die Essenz dieses Landes aufheben (konservieren, überwinden, vernichten) würde Außerdem erkläre ich, was es mit den Protokollen der Weisen von Greenwich auf sich hat – ja ja, es geht um SEHR sinistre Weltherrschaftspläne – und erzähle von einem Besuch bei meinen bosnischen Freunden in St. Louis, Missouri. Ich decke die Geheimgeschichte der demokratischen Partei in Amerika auf und unterhalte mich mit einem Experten über meinen Lieblingspräsidenten: den Republikaner Abraham Lincoln.  Am anderen Ufer war ich in San Francisco in einer Synagoge für Schwule, Lesben, Transsexuelle und fand das herrlich spießig. Am Schluss von „Tschüß Deutschland!“ dann die große Enthüllung: Alle, wirklich alle amerikafeindlichen Vorurteile sind wahr.
Eine kleine Kostprobe—exklusiv auf “Achgut”—im Anhang. Und jetzt wollen wir doch mal sehen, ob mein Buch ein Bestseller wird.

Ein paar Wochen, nachdem ich auf dem Deck der „USS Intrepid“ spazieren gegangen war, fuhr ich übers Wochenende nach Washington. Dort stiefelte ich ins Luft- und Raumfahrtmuseum und stand dann staunend vor zwei sehr besonderen Ausstellungsstücken: der „SS 20“ und der „Pershing II“. Diese beiden Raketen interessierten mich aus einem ganz persönlichen Grund. Die „SS 20“ hatte in den Achtzigerjahren unter vielen anderen Köpfen auch auf den meinen gezielt. Zweck der todernsten Übung: Einschüchterung, Drohung, Erpressung. Die Westeuropäer sollten bewogen werden, ihr Bündnis mit der amerikanischen Schutzmacht aufzukündigen. In Washington sah ich nun im Nachhinein: Die „SS 20“ war sozusagen der sowjetische Traktor unter den Massenvernichtungswaffen. Ein gedrungenes Riesending mit drei multiplen Atomsprengköpfen auf der Spitze. Die „Pershing II“ sah daneben wie ein eleganter amerikanischer Sportflitzer aus – im Vergleich mit ihrem sowjetischen Gegenpart wirkte sie beinahe zierlich. Besser hätten die Kuratoren des Museums den Gegensatz zwischen dem kommunistischen Ostblock und dem westlichen Bündnis gar nicht illustrieren können: links die bullige Drohung, rechts die tödliche Eleganz.
Die „SS 20“ und die „Pershing II“ waren gemeinsam der Albtraum meiner Jugendjahre. Der nächste Krieg, so glaubte ich damals, würde ungefähr fünf Minuten dauern. Ein Aufheulen der Sirenen, dann bliebe gerade noch genug Zeit, eine Sonnenbrille aufzusetzen, den Champagnerkelch zu füllen und den Deckstuhl so zu rücken, dass der große grelle Blitz im großen weißen Rauchpilz in Blickrichtung liegt. Die Herrscher der Sowjetunion stellten den Amerikanern in den Achtzigerjahren eine Frage, die so klar war wie geschmolzenes Glas. Wäret ihr im Falle eines Ernstfalles bereit, Chikago oder New York auf dem Altar eines weltweiten thermonuklearen Krieges zu opfern, wenn wir uns – nur so zum Beispiel – Hamburg schnappen? Oder Marseille? Die „Pershing II“ war die amerikanische Antwort. (Erteilt wurde sie von einem Präsidenten, den alle Welt für einen Blödmann hielt: Ronald Reagan.) Sie lautete: Nicht mit uns, Genossen! Ins pragmatisch-amerikanische Englisch übersetzt: Mr. Gorbachev, tear down this wall! Es war die letzte Runde im Rüstungswettlauf, danach griff die Sowjetunion sich an ihr bolschewistisches Maschinenherz und brach keuchend zusammen. Im Grunde handelte es sich bei der schlanken „Pershing“-Rakete um den Hebel, mit dem die Amerikaner jene kommunistische Käseglocke lüfteten, die schwer über Osteuropa lag. Nachdem sie ihre Funktion erfüllt hatte, landete sie genau wie die „SS 20“ auf dem Schrottplatz der Geschichte.
Wie gut, dachte ich jetzt in Washington, dass ich diese beiden Massenvernichtungswaffen im Museum bestaunen kann. Wie gut, dass die Berliner Mauer nicht mehr steht. Wie gut, dass der kluge und schwerhörige Reagan kein Ohr für Idioten wie mich hatte, die gegen ihn demonstriert haben. Ach ja: Und wie gut nebenbei, dass der Weltuntergang damals vertagt wurde.

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Kategorie(n): Hausnachrichten 

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