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  29.11.2008   14:10   +Feedback

Hurra, schon wieder eine neue Krankheit! (Update)

Am 1. Dezember tagt im niedersächsischen Buxtehude, wo der Hund mit dem Schwanz bellt, das erste „Deutsche Forum für hochsensible Menschen“. So genannte Hochsensible (Eigenbezeichnung: HS) pflegten wir früher, auf dem Schulhof oder so, als Mimosen zu bezeichnen. Wir rieten ihnen, sich gefälligst nicht so zickig anzustellen. Die meisten Mimosen kriegten sich dann auch bald wieder von alleine ein; schon deshalb, weil niemand mit Mimosen spielen mochte. So funktionierte sie, die normative Kraft des Didaktischen unter der Jugend…

Das geht heute natürlich gar nicht mehr, denn längst haben Psychologen und Verhaltenstherapeuten die Hochsensiblen als neue Leidensträger entdeckt. Michael J., 27, der irgendwas an der Uni macht, hält Lärm kaum aus, Chaos bringt ihn aus dem Gleichgewicht, Handyklingeln und unangenehme Gerüche im Bus bereiten ihm schwere Qualen. Weil ihm der Begriff hochsensibel nicht gefällt („klingt nach lebensunfähig“), nennt er seinen Zustand lieber eine „neurologische Besonderheit“. Und, schwupps, ist er in der Kategorie klinischer Fall gelandet. Michael ist somit einer, welcher der Therapie bedarf und keines Riemens, an dem er sich zu reißen hätte.

Durchs Internet hat er erfahren, dass es andere Hochsensible gibt, die auch von so gut wie allem genervt sind, was das Leben ihnen zumutet. Dass es aber auch Menschen gibt wie die Waldorf-Erzieherin Friderike Steinkopff und die Ärztin Dr. Uta Kettner, die den bedauernswerten Opfern des Lärm- und Chaosterrors ein Forum geben und sie, versteht sich, gehörig bearbeiten, coachen und nach Herzenslust durchtherapieren möchten. Doch wer soll das bezahlen? Natürlich die Solidargemeinschaft der Versicherten, hört man aus der Hochsensiblen-Szene unschwer heraus. Sie hat mal so aus der Lamäng geschätzt, dass 20 Prozent der Bevölkerung HS ist. 20 Prozent! Damit gäbe es mehr Hochsensible als Stotterer, Analphabeten oder Demenzkranke zusammen. Ergo müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn man für sie nicht Kohle locker machen könnte!

Wäre das verdammte HS-Ding doch bloß wissenschaftlich anerkannt! Und würde es nicht von den meisten Ärzten gemeinerweise als typisches Hirngespinst unserer Wohlstandsgesellschaft abgetan, in der Unpässlichkeiten und schräge Befindlichkeiten zu Volksleiden erhoben werden. An ihrem Opferstatus arbeitet die HS-Community fieberhaft, denn bis jetzt gründet das ganze HS-Gedöns auf nichts als auf den Büchern einer cleveren US-Psychologin namens Elaine Aron. Die Krankheiten-Kreative hatte ihrem zum Bestseller gewordenen Hauptwerk „Die hochsensible Person“ Follow-ups über HS-Liebende und HS-Kinder hinterher geschoben und damit richtig Geld gemacht. Aron hat zwar Adepten in Deutschland gefunden, die ebenfalls Ratgeber für Sensibelchen verfertigt haben. Trotzdem will keine Krankenkasse für die Behandlung der neu entdeckten Kalamität löhnen. Da muss wohl erst das Menschenrechtsgericht ein Machtwort sprechen.

Von Zuständen, die manchmal schwer auszuhalten sind, handelt ein hübscher Dialog aus einem alten „Tatort“ mit Manne Krug.

Psychiater zu Kommissar Stöver: „Der Täter wurde von einem krankhaften Verlangen verfolgt“.

Stöver: „Ich werde auch von einem krankhaften Verlangen verfolgt. Ich möchte noch heute jede 17jährige vögeln. Aber ich muss mich nun mal beherrschen“ („Parteifreunde“,1996).

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Kategorie(n): Wissen 

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