Vera Lengsfeld 25.08.2012 12:43 +Feedback
Hundertster Geburtstag eines Uneinsichtigen
Einmal bin ich Erich Honecker ganz nah gekommen. Es war Ende Juni 1979. Der Schriftsteller Klaus Schlesinger war gerade mit Stefan Heym und andern aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen worden wegen eines Offenen Briefes an den damaligen SED-Parteichef und Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, in dem sie die Zensurpraktiken im Arbeiter-, und Bauernstaat kritisierten. Bettina Wegner, die Frau von Klaus, hatte mich angerufen und gebeten, dass ich sofort zu ihnen kommen sollte. Fast alle Ausgeschlossenen Schriftsteller befanden sich bei Schlesingers, um zu beraten, wie es weiter gehen sollte. Ich koordinierte damals die Solidaritätsbekundungen der Leser mit den Geschassten.
Als ich mich dem Hauseingang in der Leipziger Straße näherte, fuhr eine schwarze Staatskarosse dicht an mir vorbei und hielt am Straßenrand vor Schlesingers Haus. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, dass Erich Honecker diesem Auto entstieg. Er war klein, grau. Hielt eine Tüte bunter Bonbon wie einen Fremdkörper am abgespreizten Arm und blickte sichtlich verunsichert die Fassade hoch. Ich war schockiert. Diese unsichere graue Maus war der absolute Herrscher über unser Schicksal?
Honeckers Auftauchen überraschte mich nicht. Ich wusste, dass nach der Biermann-Affäre er und andere Politbüromitglieder persönlich protestierende Schriftsteller wie Christa Wolf besucht und wieder auf Linie gebracht hatten.
Als wir uns im Fahrstuhl begegneten, fragte ich ihn :“Sie wollen doch auch zu Schlesingers?“ Er zuckte zusammen. „Nein, ich will meinen Enkel besuchen“.
Bei Schlesingers war die Aufregung groß, als ich erzählte, mit wem ich gerade Fahrstuhl gefahren war. Alles stürzte auf den Balkon, um die Staatskarosse zu sehen. Diesmal gab es keine persönlichen Besuche bei den aufmüpfigen Schriftstellern. Klaus Schlesinger verließ bald darauf die DDR in Richtung Westen, andere Unterzeichner ebenfalls. Das war das endgültige Ende der von Honecker eingeleiteten Liberalisierung der Kulturpolitik. Von nun an galt: wer sich nicht fügte, wurde ausgegrenzt.
Bei seiner „Einheit von Wirtschafts-, und Sozialpolitik“ hatte Honecker ebenso wenig Glück, wie mit den Kulturschaffenden. Er beendete die von seinem Vorgänger Walter Ulbricht eingeleitete „sozialistische Marktwirtschaft“, die es den Betrieben gestattete, einen Teil ihrer Gewinne zu behalten und nach eigenem Ermessen einzusetzen.
Dennoch wollte sich der neue Partei-, und Staatschef als Wohltäter des Volkes profilieren. Es begann eine Sozialpolitik auf Pump, die erst die volkswirtschaftlichen Reserven auffraß, dann dazu führte, das die DDR alles verkaufte, was sich im Westen zu Geld machen ließ: neben den Erzeugnissen aus der volkseigenen Produktion Kulturgüter aller Art bis hin zu historischem Baumaterial. Kleinere Haushaltslöcher wurden mit dem Verkauf von politischen Gefangenen gestopft, der je länger Honecker regierte, immer mehr in Schwung kam. Als die Konsumgüterproduktion nicht ausreichte, um den wachsenden Bedarf der Bevölkerung zu decken, wurde die Schwerindustrie verpflichtet, nebenbei Konsumgüter herzustellen. Heraus kamen so berüchtigte Produkte wie „Wofasept“ von Wolfen. Ein Reinigungsmittel, das tatsächlich stärker war als Meister Proper, aber so infernalisch stank, dass es nicht in Privathaushalten eingesetzt werden konnte.
Ein Problem, das die DDR nie löste, war die Wohnungsnot. Die Altstadtquartiere wurden dem Verfall überlassen, so die Besucher sich fragten, wie bewohnte Häuser in solch einen ruinösen Zustand geraten konnten, wie die Bruchbuden in der DDR. Honecker, der Dachdecker, hat es nie vermocht, für dichte Dächer in seinem Land zu sorgen. Über 30% der Altstadtdächer waren undicht. Honecker hat seine Dachdeckerlehre auch nie beendet, denn er wurde schon in früher Jugend Berufsfunktionär. Seine diesbezügliche Laufbahn krönte er mit dem Besuch der Leninschule in Moskau.
Während er Nazizeit wurde Honecker zweimal verhaftet, beim zweiten Mal zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Bei seinen Verhören lieferte er Material für die Verurteilung des KPD-Funktionärs Bruno Baum.
Im Zuchthaus Brandenburg saß er gemeinsam mit Robert Havemann, dem späteren bekanntesten Dissidenten der DDR. Während Havemann in seiner Todeszelle ein illegales Radio baute und seine Mithäftlinge mit Nachrichten aus London und Moskau versorgte, genoss Honecker das Vertrauen seiner Wärter. Er wurde einem Arbeitskommando in Berlin zugeteilt, floh, versteckte sich in der Wohnung einer Wärterin, kehrte aber nach ein paar Tagen ins Gefängnis zurück. Honeckers Liebe zum Gefängnispersonal war so groß, dass er seine Aufseherin nach dem Krieg heiratete. Zum Glück für Honeckers Karriere starb Ehefrau Nr. 1 schon 1947. Er kam mit einer strengen Rüge der Partei davon. Seine nächste Gefährtin war die Jugendfunktionärin Edith Baumann, die er nach ein paar Jahren gegen die jüngere Margot Feist eintauschte.
Honecker wurde der am längsten amtierende Partei-, und Staatschef der DDR. Sein größter Erfolg war zweifellos, dass es ihm gelang, die immer maroder werdende DDR nach außen als potente Industrienation zu verkaufen. Bis ins Jahr 1989 galt die DDR als zehntstärkste Industriemacht, eine Legende, die zusammenbrach sobald die Mauer fiel.
Honeckers Wunsch war es von Anfang an, eines Tages als gleichberechtigter Staatsmann überall im Westen empfangen zu werden. Aus diesem Grund lag ihm an der Anerkennung der Evangelischen Kirche. Mit dem Vertrag, ausgehandelt übrigens vom späteren Ministerpräsident von Brandenburg Manfred Stolpe, anerkannten die Lutheraner „Kirche im Sozialismus“ zu sein und bekamen garantiert, dass in kirchlichen Räumen staatliche Organe nicht intervenieren dürfen. Diesen Freiraum nutzte die Anfang der 80er Jahre entstandene Opposition, heute Bürgerrechtsbewegung genannt.
Aus dieser Bürgerrechtsbewegung ging die Herbstrevolution 1989 hervor, die zum Sturz Honeckers führte. Als disziplinierter Kommunist stimmte er bei der Politbürositzung am 17. Oktober 1989 für seine eigene Absetzung.
Von nun an war er ein Paria, auch für die eigenen Genossen, die ihn nur noch los werden wollten. Er musste Asyl in einem Pfarrhaus in Lobetal suchen, floh nach Moskau, wurde ausgeliefert, vor Gericht gestellt, aber wegen seiner Krankheit nicht verurteilt.
Schließlich konnte er nach Chile auswandern, wo seine Tochter Sonja inzwischen lebte. Er war zum Schluss ein tief verbitterter Mann, der unfähig war zu erkennen, wie sehr er das Land, in dem er geherrscht hatte, ruiniert hat. Honecker, dem gegen Ende seiner Laufbahn die roten Teppiche in Bonn und Paris ausgerollt worden waren, hat nie verstanden, warum er so schnell so tief fiel. Das ist die größte Tragik seines Lebens.
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Kategorie(n): Inland

