Michael Holmes 28.05.2007 17:08 +Feedback
Hüter des heiligen Grals
Ingo Way klagt über ganz besonders schlaue Kommunisten, die gegen die Pervertierung ihrer superinnovativen Idee durch die chinesischen Genossen, pardon: Abweichler demonstriert haben: Und wenn er’s doch ist?
“Die Veranstalter lassen wissen: “Imperialismus, Repression und Staatskapitalismus sind kein Kommunismus! Wir wollen die Idee der allgemeinen Emanzipation nicht länger mit solchen Erscheinungen assoziiert sehen!” Grund der Kundgebung ist mithin das Gefühl der Peinlichkeit, daß sich angesichts ideologischer Nähe einstellt. Wohlfeil wird sich vom schmuddeligen Bruder im Geiste, der sich blutige Hände geholt hat, distanziert, um weiter an der umbefleckten Utopie festhalten zu können. Es geht also darum, in gut deutscher Tradition die Idee gegen die Verschmutzung mit der schnöden Wirklichkeit zu retten. Jene will man nicht mit ihren realpolitischen Konsequenzen assoziiert sehen.”
Und so schaut dann die typische Reaktion auf seine Kritik aus:
“Dass das chinesische Regime und der Maoismus mit Kommunismus nicht allzu viel zu tun haben, darüber muss man denke ich nicht viel diskutieren. Sicher man kann Stalin, Pol Pot, Mao und all die anderen Mörder als Kommunisten bezeichnen, dann ist der Begriff nichts mehr wert. Kommunismus ist die Emazipation des Individdums von allen Naturzwängen und denen des Wertgesetztes. Kommunimsus ist die Vollendung menschlicher Freiheit. Kommunismus ist nicht die totale Verstaatlichung des gesellschaftlichen Lebens, sondern die Aufhebung des Staates.”
An dieser Stelle muss ich mal eine Trivialität loswerden: Es gab tatsächlich noch keinen Kommunismus. Marx hat den Kommunismus als den Verein freier Menschen definiert. Von diesem Verein sind die liberalen Demokratien zwar nicht allzu weit, aber eben doch entfernt. Was es gab waren unzählige Versuche, eben diesen Verein freier Menschen durch revolutionäre Umwälzungen herbeizuzaubern - und zwar so viele, dass man sich schon sehr angestrengt blöd stellen muss, um diesen simplen Zusammenhang nicht zu begreifen. Das Ergebnis waren schätzungsweise 154 Millionen Tote und kulturell wie ökonomisch verwüstete Gesellschaften. Das Problem der heutigen Neomarxisten ist, dass sie die Schriften von Lenin, Trotski, Stalin, Mao oder Guevara fast nicht mehr kennen. In ihrer Fantasie haben diese von Anfang an beabsichtigt, was sie später angerichtet haben. Und das ist Unsinn. Die meisten Menschen mussten gerade sterben, weil unsere glühenden jungen Revolutionäre seit der Revolution auf einer rastlosen Suche nach Sündenböcken für das allzu offensichtliche Scheitern ihrer Utopie waren.
Lenins “Staat und Revolution” erscheint nur zwei Monate vor dem Oktoberputsch. Es ist sein utopischstes Werk. Der Staat wird nach einer kurzen Interimsphase absterben, heißt es da. Alle Macht wird den Sowjets und damit dem Volk gehören. Politik wird nicht mehr von Nöten sein. Der Mensch wird im materiellen und geistigen Überfluss leben, im ‘Verein freier Menschen’, befreit von den Zwängen der ersten und zweiten Natur. Ja, ja, der Lenin - man höre und staune! - hat auch seinen Marx gelesen. Ja, er hat ihn sogar besser verstanden als die selbsternannte neue Orthodoxie. Denn die Notwendigkeit der alles neu machenden blutigen Revolution und der natürlich schnell vorübergehenden Diktatur des Proletariats, die hat auch Marx gesehen. Eines war der Meister nämlich nicht: naiv.
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Kategorie(n): Panoptikum

