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  16.01.2012   17:00   +Feedback

Hinterm Horizont

Es ist inzwischen das am längsten gespielte Musical in Berlin. „Hinterm Horizont“, Udo Lindenbergs Liebesgeschichte mit einem Mädchen aus Ostberlin. Anfangs waren alle skeptisch: die Produzenten, sogar der Drehbuchautor Thomas Brussig. Geben Udos Songs genug Stoff für ein Musical her? Interessiert sich überhaupt jemand für diese Geschichte? Werden die Darsteller, allesamt keine ausgebildeten Musical- Akteure, das alles bewältigen? Dreimal ja. Im Publikum sitzen jede Menge junge Leute, es kommen sogar ganze Schulklassen. Die Akteure sind unbekümmert und machen durch ihren vollen Einsatz kleinere Unregelmäßigkeiten wett. Wer es noch nicht gesehen hat, sollte unbedingt hingehen.
Die Geschichte beginnt mit Aufnahmen vom Mauerbau, die jeden Zuschauer in Bann schlagen. Spätere Einblendungen zeigen das ganze irrsinnige Ausmaß des Todesstreifens in der geteilten Stadt. Am Ende habe nicht nur ich Tränen in den Augen bei den Bildern vom Mauerfall. Dazwischen liegen drei unterhaltsame, bildende , kurzweilige Stunden. Das liegt vor allem am Können von Thomas Brussig, dem es gelingt, die Verhältnisse in der DDR, speziell die Staatssicherheit, als so gruselig zu vermitteln, wie sie wirklich waren, sich gleichzeitig aber darüber lustig zu machen und ihnen so das Dämonische zu nehmen. Die Stasi war tatsächlich eine absurde Veranstaltung mit den Sprachstörungen, die stellvertretend Stasichef Mielke zur allgemeinen Erheiterung auf der Bühne vorführt. Gleichzeitig hatte sie die Macht, Liebende zu trennen und einander zu entfremden. Glücklicherweise nicht für immer, denn es gibt heutzutage die Möglichkeit, die Stasimachenschaften aufzudecken.
Es war ein bemerkenswerter Zufall, dass der zwanzigste Jahrestag der Stasiaktenöffnung und der erste Geburtstag des Musicals zusammenfielen. Udo Lindenberg widmete seine Jubiläumsvorstellung den „ Kämpfern und Opfern für Frieden und Freiheit während der deutschen Teilung“ Einige wenige Bürgerrechtler waren als Ehrengäste eingeladen, was das ehemalige SED-Bezirksorgan „Berliner Zeitung“ Gift und Galle spucken ließ. Was hätten „Stasiaufklärer“ im Musical zu suchen und was hätten die mit Udo zu bereden?
Zum Beispiel, dass es Lindenberg gelingt, jungen Menschen ein Thema nahe zu bringen, das viel zu selten angesprochen wird und auch in den Schulen kaum vorkommt.
Oder, dass Udos Engagement für die Probleme der deutschen Teilung keineswegs neu ist.
Als ich im Musical saß, erinnerte ich mich an mein erstes Lindenberg-Konzert Ende Februar 1988 in Hamburg. Ich war wenige Tagen zuvor aus dem Stasigefängnis Hohenschönhausen in den Westen abgeschoben worden. Mit mir zehn andere Bürgerrechtler, die verhaftet worden waren, weil sie an einer von der SED organisierten Demonstration zu Ehren der ermordeten Arbeiterführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mit eigenen Plakaten teilnehmen wollten.
Auf offener Bühne solidarisierte sich Udo Lindenberg mit uns und verurteilte das Vorgehen des Honecker-Regimes. Das haben nur ganz wenige Kulturschaffende der alten BRD getan.
Danke Udo!

(Vera Lengsfeld)


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Kategorie(n): Kultur 

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