Hannes Stein 08.02.2007 10:38 +Feedback
Herbert Grönemeyer
Die gute Nachricht: Ich bin heute nicht mit einem Radiobeitrag über Al Dschasira aufgewacht, das angeblich eine supertolle Israelberichterstattung habe, oder mit mit einem CSU-Trottel, der im Interview erklärte, die Amerikaner begingen in Afghanistan einen Völkermord. Ich habe nämlich meinen Radioknopf verstellt. Ich dachte: Lieber saudummes Popgedudel am Morgen als sowas, ich bin zu jung für ein Magengeschwür.
Jetzt die schlechte Nachricht: Mich weckte heute früh ein Song von Herbert Grönemeyer. Ich will mich nicht bei Kleinigkeiten aufhalten (der Mann kann offenkundig nicht singen, seine Melodien sind fantasielos zusammengeklaubte Fetzen etc.). Aber die Pointe von dem Song! Nach minutenlangem ökologisch korrektem Genuschel hieß es da: “Die Erde ist freundlich / Warum wir eigentlich nicht”.
Das ist ja nun wohl Unsinn. Die Erde ist freundlich? Ich muss nicht auf Wirbelstürme, Erdbeben und Vulkanausbrüche hinweisen, um diese Aussage zu falsifizieren; es genügt der Verweis auf Samuel Becketts grandiosen Eröffnungssatz “The sun shone, as it had to, on nothing new” (ich zitiere aus dem Gedächtnis; philologische Treue kann nicht gewährleistet werden). Nein, die Erde ist NICHT freundlich, nicht einmal an einem warmen Frühlingstag; der Erde sind wir egal, so gleichgültig wie Mistkäfer, Ameisen und Spatzen. Wir können die Natur nur manhmal ganz angenehm finden, c´est tout.
Und nun der andere Vers: “Warum wir eigentlich nicht”. Tatsächlich sind wir Menschen die einzigen Wesen im bekannten Universum, die Begabung zur Freundlichkeit haben—viel interessanter aber die Beobachtung: dass wir tatsächlich so häufig freundlich SIND. Übrigens gerade nach Katastrophen. Es ist einfach nicht wahr, dass nach einem Inferno jedesmal die Zivilisation zusammenbricht, nach dem Motto: Rette sich, wer kann. Mindestens genauso häufig wie die Geschichten von brutalem Ellbogeneinsatz sind die Berichte von Leuten, die ihr letztes Hemd in Streifen reißen, um ihre Mitmenschen damit zu verbinden.
Der Refrain müsste also heißen: “Wir sind freundlich / Warum die Erde eigentlich nicht?” Das ist zwar immer noch Unsinn (es ist sinnlos, das Universum anzuheulen wie ein Wolf den Mond). Aber es könnte immerhin anfangen, ein Gedanke zu werden.
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Kategorie(n): Kultur

