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  15.06.2009   09:09   +Feedback

Hellsehen im Supermarkt

Als wohlerzogene Familienväter kommen wir nicht umhin, ab und zu im Supermarkt den Einkauf zu erledigen. Dabei ist uns in jüngster Zeit ein neues Phänomen aufgefallen. Der gehetzte Zeitgenosse mit straffem Zeitmanagement hat eine neue Form des kreativen Schlangestehens an der Kasse entwickelt. Er steht nämlich gar nicht Schlange, sondern lässt stehen. Das kann die Lebensgefährtin sein, die sich ohne Ware schon mal stellvertretend einreiht. Irgendwann kurz vor der Kasse kommt dann der Partner von hinten angerauscht und lässt die Einkäufe aufs Band purzeln. Manchmal kommt er auch nicht, dann schauen sich alle hilflos um, wann er denn endlich kommt. Schließlich kennt jeder das Spiel schon. Oder spielt es selbst.

Nun hat nicht jeder einen Partner, mit dem er arbeitsteilig zugleich Schlange stehen und einkaufen kann. Das macht aber nichts. Zur Not tut es auch ein Gebinde Mineralwasser oder ein fast leerer Einkaufswagen, der herrenlos in der Reihe wartet. Sein künftiger Besitzer setzt voraus, dass die übrigen Kunden den Platzhalter brav weiter nach vorne schieben, bis er mit den restlichen Waren eintrifft. Wird der Wagen einfach beiseitegeschoben, gibt es böse Blicke oder gar die vorwurfsvolle Frage: Warum drängeln Sie sich vor? Um solche Konflikte zu vermeiden, schlagen wir rollbare Pappkameraden vor, die man am Supermarkteingang in Empfang nimmt und sofort in die Kassenschlange einreiht, um danach in Ruhe einkaufen zu können.

Bis es so weit ist, vertreiben wir uns die Zeit mit Ratespielen: Wie wird wohl die Person aussehen, die zum einsamen Glas Bismarckhering auf dem Kassenband gehört? Die ergraute Dame hinten an der Käsetheke oder der Herr, der laut telefonierend durch die Regale eilt? Der Einkauf im Supermarkt schult ohnehin die hellseherischen Fähigkeiten. Etwa bei der Entscheidung: Reihe ich mich in die Schlange mit den drei hoch beladenen Einkaufswagen ein, oder geht’s nebenan schneller? Da, wo zwar mehr Leute warten, die aber weniger Waren aufs Band legen. Wissenschaftler haben herausgefunden: Wenige Leute mit viel Ware sind in der Regel schneller als viele Leute mit weniger Ware. Das Scannen der Ware geht flott, der Wurm steckt im Bezahlvorgang: Der eine kramt umständlich Kleingeld heraus, der andere will mit Kreditkarte bezahlen, der Nächste hat eine Reklamation.

Nun gibt es ein Wartesystem, das diese Unregelmäßigkeiten kompensiert. Es nennt sich das “amerikanische Wartesystem”, und man findet es immer öfter auf Flughäfen, bei Banken oder der Post. Es gibt nur eine Warteschlange, die in mehreren Schaltern aufgeht. Erscheinen viele Leute auf einmal, werden sie so gleichmäßig auf alle Schalter verteilt. Wer zuerst da war, kommt auch zuerst dran. Das ist ungemein förderlich für das seelische Gleichgewicht des Kunden.

Erschienen am 12.06.09 in DIE WELT

(Maxeiner und Miersch)


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Kategorie(n): Kultur 

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