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  04.07.2011   06:51   +Feedback

Helgoland 21. Eine Insel schafft sich ab

Waren Sie mal auf Helgoland? Wahrscheinlich nicht. Genau das ist das Problem von „Deutschlands einziger Hochseeinsel“ (Eigenwerbung), im Volksmund „Fuselfelsen“ genannt. Kamen in Spitzenjahren bis zu 850 000 Tagesgäste, welche die Alkohol- und Zigarettenläden leer kauften und alsbald wieder verschwanden, herrscht heute tote Hose. Nur noch 300 000 Besucher landen jährlich an. Die Einwohnerzahl hat sich in den letzten drei Jahrzehnten von 2500 auf unter 1300 halbiert. Die Insel stirbt aus.

Auch die alte, treue Klientel der länger bleibenden Gäste (Inselspott: „Witwenexpress“) hat größtenteils bereits den ewigen Urlaub angetreten. Hauptsächlich Allergiker und Ornithologen fühlen sich jetzt noch auf der pollenfreien, von Trottellummen umkreisten Insel wohl. Andere Dauergäste sind rar geworden. Mit Grund.

Helgoland wirkt auf den ersten Blick potthässlich. Und auf den dritten erst! Das Oberland mit seinen Antennentürmen, Radaranlagen und dem Tower der Bundesmarine: wie das Deck eines Flugzeugträgers. Der metallisch glänzende Wasserturm der Biologischen Anstalt am Südhafen: wie eine UFO-Attrappe aus einem Low budget-Film.

Der Klotz aus Buntsandstein, eine Laune der Erdgeschichte, wird von spinnenfingerigen Kaimauern und bröckelnden Schutzmolen verunstaltet. An vielen Stellen liegt noch Kriegsgeröll herum.  Hitlers “Seefestung” wurde in den letzten Kriegstagen von alliierten Bomberverbänden platt gemacht. Zwei Jahre später versuchten die Engländer sie in die Luft zu jagen, wovon die Eingesessenen bis heute mit perversem Stolz prahlen: “6700 Tonnen Sprengstoff! Die größte nichtnukleare Explosion aller Zeiten! Noch in Zürich schlugen die seismographischen Geräte aus!” Teile der Insel zerbarsten damals.

Die Touristen-Quartiere sind zum großen Teil ebenso überteuert wie heruntergekommen. Was auch an der Tatsache liegt, dass die Inselhäuser seit ihrem Bau Anfang der 1950-er Jahre unter Ensembleschutz stehen und durch diesen Irrsinn zu Tode geschützt werden. Der Autor Achim Szymanski lässt in seinem Kultkrimi „Helgoland oder 1000 Jahre ohne Hose“ einen nach Helgoland gekommenen Polizisten staunen: „Ich wusste nicht, dass so wenig Zivilisation überhaupt erlaubt ist.“

Helgoland, Deutschlands Schicksalsfelsen. Im 19. Jahrhundert Nobelkurort der Briten, 1890 gegen deutsche Gebietsansprüche in Sansibar eingetauscht, in beiden Weltkriegen Seefestung des Reiches, im Frieden Butterfahrtenziel. Immer zwischen Suff, Größenwahn und Pleite. Von Bomben und Granaten verwüstet. Auferstanden aus Ruinen. Hoffmann von Fallersleben textete hier 1844 das “Lied der Deutschen” (drei Strophen). Heine war da, Hitler, Ehrhard, Ute Lemper.

Was Helgoländer gar nicht schätzen: Wenn einer daherkommt - womöglich auch noch einer vom Festland - und sie auffordert, gegen ihre hauptsächlich selbstverschuldete Misere etwas zu unternehmen. Unternehmertum, das ist ihr Ding nun gar nicht. Pfründe und Monopole, wie das des zollfreien Warenverkaufs, oder wie das Privileg der Börtebootfahrer aufs Übersetzen der Butterdampferpassagiere („ausbooten“), so was schätzen sie. Sie hocken auch gerne in der Kneipe, tratschen über die Seitensprünge ihrer Mitinsulaner (jedwedes Fremdgehen macht ruckartig die Runde) und ziehen sich süßen Eiergrog rein. Ein Schluckspecht soll mal 14 Gläser vertilgt haben, das entspricht 56 Schnäpsen.

Nur nix tun, nix bewegen! Jeder Innovations-Ansatz sorgt sofort für Zoff. Ein Großprojekt auswärtiger Investoren scheiterte schon Anfang der Achtziger am Widerstand einheimischer Pfründehalter. Es gab fiese Intrigen, eingeschlagene Fensterscheiben, sogar Morddrohungen. Jeder Versuch, Helgoland touristisch zu reanimieren, stößt auf entschiedenen Widerstand.

Jetzt scheiterte, und zwar ganz basisdemokratisch, der Plan eines hamburgischen, zur Insel verwandtschaftliche Beziehungen unterhaltenden Bauunternehmers, die beiden Inselteile (1720 wurde Helgoland durch eine Sturmflut zerrissen) mittels Sandaufschüttungen wiederzuvereinigen, dadurch reichlich Neuland zu schaffen und dieses touristisch zu nutzen. Tourismus ist das einzige, womit sich neben Duty free-Shopping auf Helgoland Geld generieren lässt. Aber Geld ist den wackeren Halundern, wie sich die mit einem ausgeprägten Hang zum Volkstümelnden gesegneten Insulaner nennen, ziemlich schnurz. Jedenfalls dann, wenn sie dafür ackern müssten. 55 Prozent stimmten beim „Bürgerentscheid Landgewinnung“ gegen ein zukunftsfähiges Helgoland. 

Die Gegner behaupten, das Projekt sei viel zu teuer. Auch würden die Sandaufschüttungen Sturmfluten nicht standhalten. Gern als Munition verwendet werden ferner die üblichen Bedenken der Kegelrobbenschützer.  Wer aber die Helgoländer ein bisschen kennt, weiß, dass sie vor allem die jahrelangen Inkommoditäten fürchten, welche heftige Baumaßnahmen mit sich brächten. Den bräsigen alten Lebenstrott zu konservieren, das ist von jeher Key auf Helgoland. „Die Wirtschaft lacht über uns“, sagt der Bürgermeister, der für die Landgewinnung war. Derweil macht einer nach dem anderen von denen, die noch was vom Leben erwarten, dass er Land gewinnt. Und zwar Richtung Festland.

Der Rest macht es sich gemütlich. Ach wie schön ist Helgoland! Wenn abends der Eiergrog im Glas schäumt und der Shanty-Chor singt: Wir fahren durchs Weltmeer/und ham wir kein Geld mehr/wir bleiben doch munter und frisch.

So geht es in die Zukunft, beide voll voraus. Helgoland 21. Hoch im Norden, doch Stuttgart so nah.

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Kategorie(n): Wirtschaft 

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