Dr. Oliver Marc Hartwich 28.03.2008 17:27 +Feedback
Heathrow (mal wieder)
Wenn von mir hier in den letzten Wochen nichts zu lesen war, dann hatte das einen Grund. Ich war nämlich damit beschäftigt, meine Erfahrungen der letzten Jahre mit dem Leben in England einmal schriftlich zu verarbeiten. Das Ergebnis ist ein kleines Essay auf das Ende von “good old England”, das in ein paar Monaten erscheinen wird.
Aber eigentlich ist das Ende von “goold old England” keine kurze Geschichte, sondern ein Fortsetzungsroman. Man könnte nämlich beinahe täglich ein neues Kapitel hinzufügen. Dabei hatte ich sogar einige Abschnitte über den Verfall der englischen Infrastruktur geschrieben, aber kaum war ich damit fertig, eröffnete das neue Terminal von London Heathrow, von dem sich hartnäckig das Gerücht hält, es handele sich um einen Flughafen.
Was waren wir auf Terminal 5 gespannt! Es sollte die Vorhölle des internationalen Luftverkehrs in eine angenehme Erfahrung verwandeln. Man sollte an Heathrow so selbstverständlich einchecken, abfliegen und später auch wieder landen können, wie man das von anderen Flughäfen in der Welt schon lange kannte. Besonders stolz waren die Flughafenbetreiber und British Airways auf das neue Gepäcksystem. Damit sollten die Tage des verlorenen Koffer endgültig der Vergangenheit angehören. Monatelang seien die neuen Gepäckbänder unter härtesten Bedingungen gestestet worden. “Testing to destruction” heißt das auf Englisch, und leider haben sie es damit allzu wörtlich genommen. Am Ende war es nämlich kaputt, pünktlich zur Eröffnung des neuen Flughafen-Terminals.
So lief dann gestern nach den ersten paar Maschinenladungen Gepäck nichts mehr. Flüge verließen London ohne Gepäck - den Passagieren wurde das erst am Ziel mitgeteilt. Auf anderen Flügen wurde danach vorsorglich nur noch Handgepäck zugelassen. Wieder andere Flüge wurden ganz gestrichen. Ankommende Passagiere mussten bis zu vier Stunden auf ihre Koffer warten. Hunderte Reisende verpassten ihre Anschlussflüge und verbrachten die Nacht in den umliegenden Hotels, die zu Preisen von 200 Pfund das Geschäft ihres Lebens machten.
Aber auch im Terminal funktionierte nicht besonders viel. Aufzüge blieben stecken, Rolltreppen funktionierten nicht, die Automaten in den Parkhäusern verweigerten ihren Dienst ebenso. Mit anderen Worten: Es war Heathrow, wie man es schon immer kannte. Die Vorstellung, dass eine Investition von etwas über fünf Milliarden Euro aus einer Bruchbude einen international konkurrenzfähigen Airport machen würde, erwies sich als Illusion.
Heute sollte angeblich alles besser werden. Die ganze Nacht habe man sich darum bemüht, die Schwachstellen zu identifizieren und die Probleme zu beheben. Das Ergebnis: Es fielen noch mehr Flüge aus als gestern. Weitere Probleme werden auch für die nächsten Tage erwartet.
Ingesamt haben sich die Briten damit wieder einmal als unfähig erwiesen, ein Großprojekt ohne Schwierigkeiten zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Gerüchteweise soll man schon angefragt haben, ob man nicht die Olympischen Sommerspiele 2012 aus technischen Gründen auch im Jahr 2013 oder 2014 abhalten könnte.
Ich habe übrigens Glück gehabt, denn einmal im Leben hatte ich die richtige Vorahnung. Da ich am Sonntag von London nach Deutschland fliegen muss, hatte ich mich, als ich von der bevorstehenden Eröffnung von Terminal 5 erfuhr, entschieden, lieber vom Flughafen Gatwick abzufliegen. Sicher ist sicher. Wenigstens auf die Unzuverlässigkeit britischer Infrastruktur kann man sich verlassen.
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Kategorie(n): Ausland

