Maxeiner und Miersch 30.09.2012 11:00 +Feedback
Hauptstadt der Heuchler
Wo sich ganz besonders fromme Menschen zusammenfinden, ist meist die Heuchelei nicht fern. Den Angehörigen der traditionellen Religionen ist dies schon ziemlich lange klar, wie wir von einem jüdischen Gelehrten aus der Zeit Christi wissen. Der stellte fest, dass Jerusalem damals die Hauptstadt der Heuchelei war. Gemäß dieser historischen Einsicht muss das Berlin von heute eine ungeheuer fromme Stadt sein. Denn der Grad der Heuchelei markiert echtes Weltniveau. Wir wissen nur noch nicht genau, welche Religion es ist, die dieses Verhalten so befördert, schließlich handelt es sich bei Berlin eher um einen gottlosen Flecken, wo die Kirchen allenfalls von Touristen besucht werden.
Sehr beeindruckt hat uns beispielsweise die Piratinnen-Vorzeigefrau Julia Schramm, die geistiges Eigentum „ekelhaft“ findet und vergemeinschaften will. Nur ihr eigenes Copyright möchte sie anders behandelt sehen. Und deshalb ließ sie die Anwälte in Marsch setzen, als ihr neues Buch, für das sie angeblich ein Honorar von 100 000 Euro erhielt, als Raubkopie im Internet auftauchte. Die Religion der Frau Schramm hat irgendwas mit „Transparenz“, „Sharing“ und „Social Media“ zu tun, richtig verstanden haben wir es nicht. Vielleicht heißt sie aber auch nur „ICH“. Die Schlagersängerin Gitte hatte das schon in den 80er-Jahren auf den Punkt gebracht, nur ehrlicher: „Ich will mehr. Ich will mehr. Ich will alles. Nie mehr bescheiden und stumm. Nie mehr betrogen und dumm. Nein! Ich will alles. Ich will alles. Und zwar sofort.“
Eine starke Leistung boten auch Renate Künast und Jürgen Trittin. Bei der Herbstklausur der Grünenfraktion ließen sie sich demonstrativ ein Energiesparauto vorführen. Doch das Weitwinkel-Objektiv eines Fotografen war in der Lage, dies mitsamt ihrer um die Ecke geparkten schweren Dienstlimousinen abzubilden. Solch ein geradezu klassischer Fall von „Wasser predigen und Wein trinken“ fällt gewissermaßen in die katholische Heuchel-Tradition. Die grüne Weltanschauung ist zur Staatsreligion geworden.
In diese Kategorie fällt auch eine kürzlich veröffentlichte Liste von Unternehmen, die von der Ökostrom-Umlage befreit sind. Ganz vorne mit dabei sind ausgerechnet der Solarzellen-Riese „Solarworld“ und andere Anbieter von Ökoenergie-Technik, deren Geschäftsmodell darauf beruht, dass andere ihre Existenz per Öko-Zwangsumlage finanzieren. Deutschlands derzeit erfolgreichstes Geschäftsmodell heißt Doppelmoral.
Erschienen in DIE WELT am 28.09.2012

