01.06.2008   23:12   +Feedback

Hallo, wer hört mit?

Das Telefon ist ein Gerät, durch das die Überwachung und Bespitzelung der Menschen sehr vereinfacht wird. Bevor es das Telefon gab, mußte man Kuriere abfangen, Briefumschläge mit Wasserdampf öffnen oder mucksmäuschenstill unter fremden Betten liegen, um etwas zu erfahren, seit der Einführung des Telefons jedoch genügt es, die Leitung anzuzapfen. Denken wir ein bißchen dialektisch, dann erkennen wir: der Hauptzweck des Telefons liegt im Angezapftwerden, nur nebenbei dient es auch noch der Kommunikation.

Das ist übrigens der Grund, weshalb das Telefonsystem – zumindest in Europa – von Anfang an vom Staat betrieben wurde; diese gigantische Abhöranlage sollte einfach nicht in private Hände gelangen. Im Lauf der Zeit wurden die Menschen aber mißtrauisch auch gegenüber dem Staat. Deshalb hat man den sogenannten Datenschutz geschaffen; der soll verhindern, daß die Verwalter der Abhöranlage sie auch ständig benutzen.

Nun ist unsere Telekom bekanntlich nicht mehr staatlich, aber ganz unstaatlich ist sie auch nicht, weil der Staat immer noch Hauptaktionär ist. Wenn also der Innenminister den Telekom-Chef einbestellt, um ihn zu verpflichten, künftig auf die Einhaltung des Datenschutzes zu achten, dann ist das ungefähr so, wie wenn der Verteidigungsminister die Armee bittet, nicht ohne Befehl zu schießen. Dafür einen Extra-Artigkeits-Kodex einzuführen, wie es jetzt manche Politiker vorschlagen, dürfte wenig nützen. Schließlich waren die Verantwortlichen bereit, die bereits bestehenden Gesetze zu brechen.

Noch ist die große Frage, wer diese Verantwortlichen sind, keineswegs geklärt. Der Kreis derer, die sich in laufende Gespräche technisch einschalten können, ist immens. Aber diese Ausforschungen wurden offensichtlich von der Konzernleitung gewünscht, gefordert, angeordnet. Das widerspricht ein bißchen dem grandiosen Regelwerk, das sich die Telekom im Sinne moderner Corporate Governance gegeben hat. Dort heißt es unter der Überschrift „Integrität“: „Wir wissen um die hohe Sensibilität der Daten unserer Kunden, Aktionäre und Beschäftigten und schützen die Daten durch vertrauensvollen Umgang vor unberechtigter Verwendung.“

Gewiß, der Text wurde lange nach den Vorfällen, die jetzt ans Licht gekommen sind, verfaßt. Er klingt geradezu, als habe sein Verfasser irgendwelche düsteren Ahnungen einarbeiten wollen. Bloß was mit „vertrauensvollem Umgang“ gemeint ist, bleibt rätselhaft. Kann man dadurch Daten schützen? Die Formulierung ist so sinnlos wie die ganze Aufregung vergeblich. Denn der Grünen-Politiker Volker Beck hat gerade die Patentlösung verkündet: „Datenarmut ist der beste Datenschutz“, erklärte er. Deswegen wird das Telefon in Deutschland morgen abend um 18 Uhr endgültig abgeschaltet.


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Kategorie(n): Inland