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  26.04.2011   09:34   +Feedback

Gutmenschentum und Geschichte

Alexander Schertz

Gutmenschentum und historische Missverständnisse
Vor einem Jahr habe ich eine „Kleine Theorie des Gutmenschentums“ für die Achse des Guten verfasst ( HYPERLINK “http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/eine_kleine_theorie_des_gutmenschentums/” http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/eine_kleine_theorie_des_gutmenschentums/). In diesem Beitrag habe ich u. a. behauptet, dass das „Gutmenschentum“ (nach meinem Verständnis das Bestreben, moralischen Zielen auf allen Gebieten Priorität einzuräumen und für ihre Durchsetzung nur moralisch unangreifbare Mittel einzusetzen) eine Denkfalle ist, die eine freie und unvoreingenommene Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge verhindert, weil sie von vorneherein bestimmten Aspekten ein Übergewicht gibt und die Beschäftigung mit anderen Fragen moralisch fragwürdig erscheinen lässt. In dem folgenden Beitrag möchte ich nun zeigen, wie sich Gutmenschen-Motivation von Autoren und Filmemachern auf die gängigen Geschichtsvorstellungen auswirkt.

Moralische Auswahl historischer Themen
Das Gutmenschentum hat einen starken Einfluss auf die Themenwahl. Wenn eine Geschichtsdarstellung moralisch-pädagogischen Zwecken dient, sind bestimmte Themen erwünscht, andere noch zulässig, ein ganzes Spektrum ist fast tabu. Höchst erwünscht sind z. B. Themen, die ein einem schlechten Gewissen für deutsche und europäische Missetaten in der Vergangenheit förderlich sind. Der Nationalsozialismus ist deshalb in Deutschland eines der dominierenden Themen (Hitlers x, Hitlers y etc.) der populären Geschichtspräsentation. Aber auch Untaten des Westens allgemein sind sehr beliebt: die Sklaverei, die Auseinandersetzungen mit den Indianern Nordamerikas, der Imperialismus in Afrika, Kriege und Umweltzerstörung.

Das „interne“ Sündenregister kommt nicht zu kurz: die Benachteiligung der Frauen, die Inquisition, die Hexenverfolgungen, die Ausbeutung der Arbeiter usw. Aus Schuldgefühlen sollen kompensatorische Handlungen von Spenden für Unicef bis zur Unterstützung von Antidiskriminierungsgesetzen entstehen. Erwünscht sind auch Beispiele für die frühere Überlegenheit anderer Kulturen gegenüber dem Westen, etwa die maurische Kultur in Spanien (ihre Schattenseiten werden ausgespart, die verheerenden Auswirkungen der Einfälle islamischer Piraten in Südfrankreich sind kein Thema), die Pracht des Mogul-Reiches in Indien oder die Errungenschaften des Alten China. Manche anderen Themen sind zwar aus Gutmenschen-Sicht nicht besonders nützlich, aber doch zulässig, etwa die Kultur der Römer oder die Geschichte der Renaissance. Die Auseinandersetzung mit einem ganzen Spektrum an sich interessanter Fragen ist dagegen „nicht hilfreich“ und spielt darum nur eine minimale Rolle.

Systematisch zu kurz kommen vor allem Vergleiche, die ein westliches Überlegenheitsgefühl bestärken könnten. Alles, was die Schuldgefühle mindern (etwa Imperialismus und Sklaverei in anderen Kulturen) oder sogar westliche Überlegenheitsgefühle fördern könnte, fällt in diese Kategorie. Dazu bringe ich unten Beispiele.

Das heikelste Gebiet sind mögliche Zusammenhänge zwischen Natur- und Kulturgeschichte. Ob die Neigung zum Krieg etwas mit angeborener Aggression zu tun hat und die wiederum ein Ergebnis natürlicher Ausleseprozesse ist, ist schon ein höchst fragwürdiges Thema. Absolut tabu („Biologismus“, „Rassismus“) ist dagegen schon die Fragestellung, ob es zwischen verschiedenen Ethnien erbliche Unterschiede gibt, die einen Einfluss auf ihre historische Entwicklung genommen haben könnten. Beschwörend wird immer wieder versichert, dass alle angeborenen Unterschiede rein äußerlich sind, auch wenn man Pygmäen und Chinesen vergleicht.

Moralische Behandlung historischer Themen
Die Behandlung der gewählten Themen ist natürlich auch von den pädagogischen Absichten der Autoren geprägt. Tendenziell tritt alles in den Hintergrund, was die häufig dargestellten westlichen Übeltaten relativieren könnte, etwa die Gewalttaten der Indianer gegen europäische Siedler (siehe Beispiel 1), oder die Vorzüge anderer Kulturen in Frage stellen könnte, etwa das Massaker von Granada an 4000 Juden im Jahr 1066 unter der ach so toleranten maurischen Herrschaft auf der iberischen Halbinsel.

Fachidiotie hilft Gutmenschentum
In dieselbe Richtung wie das Gutmenschentum wirkt ein verbreiteter Mangel an vergleichenden Studien in der Geschichtswissenschaft. Ein Historiker spezialisiert sich in der Regel auf eine bestimmte Weltregion und einen bestimmten Zeitabschnitt, etwa Frankreich in der Frühen Neuzeit, und widmet diesem Gebiet sein gesamtes wissenschaftliches Leben. Nur wenige Forscher vergleichen die Entwicklungen an weit auseinander liegenden Orten zu ganz unterschiedlichen Zeiten, um herauszufinden, was überhaupt die Besonderheiten der einzelnen Kulturen und Epochen ausmacht und wie diese zu erklären sind. Dieser Mangel zeigt sich auch in populärwissenschaftlichen Darstellungen. In vielen Fällen ist schwer zu unterscheiden, ob die verengte Sicht moralisch-pädagogischen Absichten oder Unkenntnis geschuldet ist. Wie auch immer, Gutmenschentum und eine übermäßige wissenschaftliche Spezialisierung spielen sich gegenseitig in die Hände.

Beispiel 1: Indianer und Europäer
Die Indianer Nordamerikas als Opfer europäischer Land- und Goldgier, das ist eine fest etablierte, stereotype Vorstellung.  Scheinbar sind die Europäer rücksichtslos in eine mehr oder weniger friedliche Welt eingebrochen, haben die Indianer systematisch vertrieben und fast ausgerottet. Für sie gibt es heute keinerlei Verständnis, für den Widerstand der Indianer dagegen große Sympathie.

Bei nüchterner Betrachtung kommt man zu einem anderen Ergebnis. Um 1500 n. Chr. lag die Bevölkerungsdichte des heutigen Gebiets der USA bei 0,5 Menschen pro Quadratkilometer, in Europa bei 13. Auch wenn man berücksichtigt, dass ein erheblicher Teil der USA noch heute wegen der natürlichen Bedingungen für eine dichte Besiedlung ungeeignet ist, bleibt ein enormer Unterschied der Besiedlungsdichten wirtschaftlich nutzbaren Landes. Das liegt daran, dass die Ureinwohner in der Steinzeit stehengeblieben waren. Ein großer Teil von ihnen lebte noch vom Jagen und Sammeln. Eine plausible Ursache: in der Neuen Welt fehlten viele für die Landwirtschaft geeignete Arten von Wildpflanzen und Tieren, die etwa im Nahen Osten und in China eine steile kulturelle Entwicklung ermöglicht hatten (nachzulesen bei Jared Diamond, siehe Literaturhinweise). Als die Europäer kamen, brachten sie Pflanzen, Tiere und Technik mit, die eine Besiedlung durch sehr viel mehr Menschen als bisher ermöglichten. Das hätte ohne weiteres auch die ca. 5 Millionen Ureinwohner einschließen können.

Es gab jedoch zwei große Probleme, die einem friedlichen Zusammenleben von Indianern und Europäern in Nordamerika im Wege standen. Das größere Problem waren die von den Europäern unfreiwillig mitgebrachten Krankheitserreger, die zu einem regelrechten Holocaust an den Ureinwohnern führten. Wahrscheinlich sind über 90% (!) der Indianer daran zu Grunde gegangen. Der zweite Grund war der kulturelle Abstand zwischen Europäern und Indianern. Eine gemeinsame Zukunft setzte voraus, dass die Indianer das Land so intensiv nutzten wie die Europäer, also die Errungenschaften der Europäer zum großen Teil übernahmen.  Genau dieses Ziel haben die ersten europäischen Siedler auch angestrebt. Vor allem die Puritaner wollten auch eine Gesellschaft aufbauen, in der Indianer und Europäer dieselben Rechte haben sollten. Sie haben den Indianern Land nicht gestohlen, wie heute vielfach angenommen wird, sondern abgekauft. Es wurden Europäer verurteilt und hingerichtet, weil sie Indianer ermordet hatten.

Der Haken war nur, dass eine solche Entwicklung den Indianern einen kulturellen Sprung über Jahrtausende abverlangte. Ein erheblicher Teil von ihnen hat es trotzdem versucht. Schon im 17. Jahrhundert wurden Schulen für Indianer gebaut, Dutzende von speziellen Dörfern für christianisierte Indianer eingerichtet. Einige Ureinwohner gingen sogar auf das 1636 gebaute Harvard College. Ein erheblicher Teil der Indianer hielt aber an der alten Lebensweise fest und versuchte, die Weißen wieder zu vertreiben. So begann eine Serie von Konflikten und Kriegen, die sich über Jahrhunderte hinzog. Letzten Endes mussten sich die Indianer assimilieren. Heute leben in den USA wieder etwa halb so viele von ihnen (2,5 Millionen) wie vor der Ankunft der Europäer, die meisten nicht in Reservationen sondern in Städten.

Theoretisch hätten die Konflikte natürlich auch dadurch vermieden werden können, dass die Europäer auf die Besiedlung verzichtet und sich wieder auf den Alten Kontinent zurückgezogen oder zumindest der Besiedlung enge Grenzen gesetzt hätten. Die Briten, denen an Handel und nicht an Konflikten mit den Indianern gelegen war, wollten der Besiedlung in der Tat eine Grenze setzen (Proclamation of 1763). Mit den damaligen Mitteln waren sie dabei natürlich noch weniger erfolgreich als die heutigen USA bei ihren Bemühungen, die Mexikaner am Rio Grande aufzuhalten. Kann man den Siedlern, die auf der Suche nach einem besseren Leben damals kaum eine andere Chance hatten, aus heutiger Sicht dafür einen Vorwurf machen?

Die vorherrschende Sicht der Konflikte zwischen Siedlern und Indianern beruht auch auf idealisierten Vorstellungen von der indianischen Welt vor der Kolonisation. Der Krieg ist nicht durch die Europäer in die Welt der Indianer eingebrochen, er gehörte für fast alle Indianer zum Kernbestand ihrer Kultur, womit sich die Indianer übrigens nicht von den Ureinwohnern anderer Kontinente (also auch von unseren Vorfahren!) unterschieden. Von 157 in einer Studie betrachteten Stämmen waren 4,5% „friedlich“. Häufig gab es Kleinkriege, die mit nach heutigen Maßstäben unvorstellbarer Grausamkeit und Hinterlist geführt wurde. Dazu gehörten Vergewaltigung, Entführung, Skalpieren, Folterung bis zum Tode und Versklavung.

Es gab zahllose Erbfeindschaften und die Territorien der Gegner wurden keineswegs respektiert. Z. B. haben die Komantschen im 18. Jh. im Handumdrehen aus der „Apacheria“, dem Siedlungsgebiet der Apachen, eine Comancheria gemacht.  Vielfach haben Indianer die anfangs zahlenmäßig sehr schwachen europäischen Siedler am Leben gelassen, weil sie damit rechneten, sie zu nützlichen Verbündeten gegen ihre eigenen indianischen Feinde machen zu können. Mit den gleichen Methoden, die sie seit Jahrtausenden gegen indianische Feinde eingesetzt hatten, gingen Indianer später gegen Europäer und Amerikaner vor. Ein Lied davon konnten auch die Einwohner des nördlichen Mexiko singen, die alljährlich von Komantschen heimgesucht wurden, die über den berüchtigten „Comanche Plunder Trail“ von Texas dorthin zogen, um zu plündern, zu morden und Frauen und Kinder zu verschleppen ( HYPERLINK “http://de.wikipedia.org/wiki/Comanche_(Volk)” \l “Comanche-Raubz.C3.BCge_in_Mexiko)” http://de.wikipedia.org/wiki/Comanche_(Volk)#Comanche-Raubz.C3.BCge_in_Mexiko) .

Wer solche Fakten mit dem Hinweis abtut, dass die Kulturen der Indianer eben so gewesen seien und man dafür Verständnis haben sollte, muss sich fragen lassen, warum er den Europäern diesen mildernden Umstand, dass sie die heute gültigen Wertvorstellungen noch nicht ganz in Fleisch und Blut hatten, nicht zubilligen will.

Die Bilanz der Beziehungen zwischen Indianern und Europäern ist also gemischt, die Schuld an den Konflikten sollte man nicht nur den Europäern in die Schuhe schieben. Die größte Tragödie für die Indianer war biologischer Natur. Diese Realität unterscheidet sich erheblich vom heute gängigen Bild, das übrigens auf die Ostküste der USA im 19. Jahrhundert zurückgeht. Kaum waren die Indianer dort verschwunden, wurde die Erinnerung an die „Edlen Wilden“ zunehmend verklärt und die „Brutalität“ der Siedler im Westen des Landes angeprangert, durchaus mit politischem Erfolg. Nach dem Bürgerkrieg übertrug die Regierung Grant im Rahmen ihrer Friedenspolitik gegenüber den Indianern Quäkern und anderen religiösen Minderheiten die führenden Positionen der Indianeragentur. Mit ihren Grundsätzen absoluter Gewaltlosigkeit sind diese sehr schnell gescheitert.

Beispiel 2: Armut und Reichtum
„Nach der Vorlage des Buches “Arm und Reich” von Jared Diamond geht die dreiteilige Dokumentationsreihe den Fragen nach der ungleichen Verteilung der Reichtümer und Gesellschaftsformen auf den Grund und räumt ein- für allemal mit den rassischen und rassistischen Theorien auf. Sie zeigt, dass das Ungleichgewicht das logische Resultat von klimatischen und geografischen Unterschieden ist.“ ( HYPERLINK “http://www.arte.tv/de/woche/244,broadcastingNum=843665,day=4,week=16,year=2008.html” http://www.arte.tv/de/woche/244,broadcastingNum=843665,day=4,week=16,year=2008.html) ARTE machte in der Ankündigung dieser Senderreihe aus den pädagogischen Absichten kein Hehl. Diamonds Buch (siehe Literaturhinweise) ist wirklich interessant, kann aber bei weitem nicht alle Unterschiede erklären. Er zeigt nämlich nur, dass die natürlichen Bedingungen für die Entstehung der Landwirtschaft eine plausible Erklärung für die Entwicklungsunterschiede zwischen den Kontinenten der Welt darstellen.

Im Nahen Osten waren die Bedingungen vor etwa 10.000 Jahren für die Neolithische Revolution besonders günstig und die geographischen Bedingungen für die Ausbreitung von Ackerbau und Viehzucht auf dem eurasischen Kontinent waren besser als auf den anderen Kontinenten.  Die großen Entwicklungsunterschiede auf dem eurasischen Kontinent, den Vorsprung des Westens gegenüber anderen Kulturen des Kontinents lassen sich damit aber nicht erklären. Dazu muss man die kulturellen Unterschiede etwa zwischen christlichem Abendland, islamischer Welt, chinesischer und indischer Kultur betrachten. In unseren Medien werden zwar all diese Kulturen berücksichtigt. Es fehlt aber an vergleichenden Darstellungen, um Fragen wie diese zu beantworten, die für die Wohlstandsunterschiede relevant sind:

Warum ist Wissenschaft im eigentlichen Sinne erstmals in Griechenland und später wieder im christlichen Abendland entstanden? Andere Kulturen (Ägypten, China u. a.) haben bedeutende Entdeckungen gemacht, aber keine Theorien zur Erklärung geliefert, z. B. mathematische „Rezepte“ aber keine Beweise.

Warum wurden im Westen bedeutende technische Entwicklungen wie Drucktechnik und Schießpulver in großem Umfang genutzt, anders als etwa in China, wo die Ideen zuerst aufkamen?

Warum stand es in Europa besser als anderswo um Marktfreiheit und Rechtsstaatlichkeit, insbesondere den Schutz des Privateigentums?

Warum hat es auf lange Sicht in der westlichen Welt eine viel größere geistige Freiheit als etwa in China oder Russland gegeben?

Wie und warum unterscheidet sich der Westen von anderen Kulturen im Hinblick auf die Entwicklung der Arbeitsethik?

Die Antworten auf solche Fragen liegen nicht auf der Hand und sind selten eindeutig. Trotz seiner großen Bedeutung wird das Thema in der Geschichtswissenschaft wie in den Medien kaum behandelt. Folglich glauben gerade gebildete Menschen, dass die gewaltigen Wohlstandsunterschiede vor allem auf natürliche Bedingungen, die Kolonialzeit und ungerechte Marktverhältnisse zurückzuführen sind. Und das sollen sie ja auch glauben.  Schließlich sollen sie Fair-Trade-Blumen kaufen und die Ausweitung der Entwicklungshilfe befürworten.  Die simple Einsicht, dass ein Leben am Rand des Existenzminimums für die große Masse der Menschheit der Normalzustand war, bis die westliche Kultur die Mittel dafür hervorgebracht hat, die Armut überall zu überwinden, ist deshalb gerade im Westen selbst wenig verbreitet.

Beispiel 3: die Geschichte der Sklaverei
Kaum etwas steht zu den höchsten westlichen Werten so im Widerspruch wie die Sklaverei. Das Thema wird relativ häufig von der westlichen Geschichtswissenschaft und in den Medien behandelt. Dabei ist die Sklaverei in der europäischen Antike ein Thema. Meistens geht es aber um die Sklaverei, an der der Westen selbst beteiligt war, in erster Linie um die Verschleppung von etwa 11 Millionen Afrikanern durch europäische Sklavenhändler in die Neue Welt und die Sklaverei in den Südstaaten der USA und in europäischen Kolonien. Sklaverei in anderen Kulturen und zu anderen Zeiten kommt fast nie ins Blickfeld, ebenso wenig die Geschichte ihrer Abschaffung, abgesehen vom Amerikanischen Bürgerkrieg.

Äußerst selten wird erwähnt, dass schon Jäger und Sammler (z. B. nordamerikanische Indianer) Sklaven gehalten haben. Es handelte sich um eine der ältesten Institutionen der Menschheit, die weltweit verbreitet war, auch und gerade in Afrika, Jahrtausende vor der Ankunft des weißen Mannes. Der „Ruhm“, den umfangreichsten Sklavenhandel aller Zeiten betrieben zu haben, gebührt auch nicht dem christlichen Westen sondern der muslimischen Welt, deren Sklavenhandel im Lauf der Jahrhunderte etwa 17 Millionen Menschen betraf.

Der wirkliche Clou an der Geschichte ist aber, dass der breiten Öffentlichkeit im Westen so gut wie unbekannt ist, dass die weltweite Ächtung der Sklaverei in allererster Linie ein Ergebnis westlicher Bemühungen ist, und zwar nicht unter äußerem Druck, sondern aus freien Stücken. Die ersten Abolitionisten traten schon im 18. Jahrhundert in den britischen Kolonien in Amerika auf. Im 18. Jahrhundert organisierten sich die Sklaverei-Gegner in Großbritannien selbst. 1807 verbot das Vereinigte Königreich den Sklavenhandel. 1814 unterzeichnete jeder achte (!) Brite eine Petition an das britische Parlament, es solle sich für ein internationales Verbot des Sklavenhandels einsetzen. 1820 bis 1870 waren etwa 20 britische Schiffe vor allem vor der Küste Afrikas unterwegs, um den Sklavenhandel zu unterbinden. Insgesamt 150.000 versklavte Menschen wurden von ihnen befreit. Die Aktion kostete so viel, wie britische Sklavenhändler von 1760 bis 1807 an ihrem sauberen Geschäft verdient hatten. 1834 wurde die Sklaverei im Empire aufgehoben, Frankreich tat diesen Schritt 1848. Am Ende des 19. Jahrhunderts war die Sklaverei weltweit weitgehend abgeschafft. Nichts spricht dagegen, dass es sie ohne europäische Intervention heute noch gäbe.

Fazit
Moralische Zwecke tun dem historischen Verständnis nicht weniger Abbruch als z. B. nationalistische Ziele.  Die gut gemeinte Geschichtsvermittlung hat viel dazu beigetragen, dass gerade Bildungsbürger im Westen die Besonderheiten ihrer eigenen Kultur verkennen und nicht dazu in der Lage sind, die Errungenschaften vieler Jahrhunderte auch gegenüber Menschen nichtwestlicher Kulturen in der Welt überzeugend zu vertreten.

Literaturempfehlungen zu dem Thema:
Rudolf Oeser, Epidemien - das große Sterben der Indianer, Books on Demand GmbH, Norderstedt, 2008
Nathaniel Philbrick, Mayflower - Aufbruch in die Neue Welt, Blessing, 2006
Stephan Maninger, Die verlorene Wildnis, Verlag für Amerikanistik, Wyk auf Foehr, 2009
Thomas Goodrich, Scalp Dance – Indian Warfare on the High Plains, 1865-1879, Stackpole Books, Mechanicsburg, 1997
Azar Gat, War in Human Civilization, Oxford University Press, 2008
Jared Diamond, Arm und Reich – die Schicksale menschlicher Gesellschaften, Fischer, Frankfurt, 2006
David Landes, Wohlstand und Armut der Nationen – warum die einen reich und die anderen arm sind, Pantheon Verlag, München, 2009
Niall Ferguson, Civilization – the West and the Rest, Allen Lane, 2011
Toby E. Huff, Intellectual Curiosity and the Scientific Revolution – a Global Perspective, Cambridge University Press, 2011
Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, Beck, München, 2009

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Kategorie(n): Kultur  Wissen 

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