20.11.2012   20:01   Leserkommentare (0)*

Gute Besserung, Augstein!

Filipp Piatov

Ob der Waffenstillstand kommt oder nicht, ist nunmehr egal. Für die Hamas hat sich der Krieg jetzt schon gelohnt. Warum? Jakob Augstein hat sich endlich zu Israel geäußert. Es ist eine verstörende Wortmasse, die sich aus sämtlichen Körperöffnungen des Berufssohns aufs Papier ergossen hat. Nur ist Augstein leider zu jung, um davon auszugehen, es wäre seine letzte Tinte gewesen.

Manches aus seinem Artikel ist es schlicht nicht Wert, kommentiert zu werden, da es so offensichtlich falsch und dumm ist, dass das Gegenteil der Aussage nicht mal mehr ein Gegenteil besitzt. Eine Kostprobe:

„An Frieden haben beide Seiten kein Interesse. Im Nahen Osten gilt immer noch: Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“

Wie gesagt, kein Kommentar.

Auf der anderen Seite gibt es Aussagen, die so widerlich sind, dass man trotz großer Bemühungen nicht umhin kommt, sie auseinanderzunehmen.

„Den großen Angriff gegen Iran, für den Benjamin Netanjahu unablässig wirbt, haben die Amerikaner ihm verboten. Jetzt führt er den kleinen Krieg gegen die Hamas. Ein Stellvertreterkrieg, ein Funktionskrieg.“

Nicht nur, dass Augstein offenbar als einziger Journalist bei den Geheimkonferenzen zwischen Amis und Israelis dabei war und genau weiß, wer wem und vermutlich auch warum etwas verboten hat. Nein, er bezeichnet Israels Auseinandersetzung mit dem langen Arm der Hamas als Stellvertreterkrieg. Blöd, nur dass die Hamas zwar den Iran vertreten, aber Israel von niemand anderes als sich selbst vertreten wird. Dumm gelaufen, liebe Juden.

„Sie hatten gegen Netanjahus Sozial- und Wirtschaftspolitik protestiert. Es hatte solche Demonstrationen in Israel bislang nicht gegeben. Aber wenn Krieg ist, dann sammelt sich das Volk. Und die Opposition muss schweigen.“

Ich fasse diesen Cocktail geistiger Verwirrung mal zusammen: 2011(!) finden Massendemos gegen die soziale Situation in Tel Aviv statt. Netanyahu, der übrigens riesige Zustimmungswerte hat, reagiert auf diese Sozialproteste, in dem er auf den Beschuss Israels aus dem Gazastreifen antwortet. Liebe Leser, finden Sie den Fehler. Jakob Augstein schaffte es nicht.

„‘Tel Aviv ist Berlin’, schrieb die Bild am Sonntag, nachdem sich gezeigt hatte, dass die Raketen der Hamas inzwischen weiter reichen als früher: “Die gleiche Mode, die gleiche Musik, dieselben Wünsche und Werte.” Wirklich? In Israel gibt es Gegenden, da wird eine Frau als Hure beschimpft, wenn sie im Bus vorn bei den Männern sitzt. Und es…“

In Berlin werden Menschen verprügelt, weil sie eine Kippa tragen. Kinder werden bedroht, weil sie eine jüdische Schule besuchen. Ganze Gegenden werden gemieden, aus Angst vor rassistischen Übergriffen. Und verrückte Hetzer dürfen ihren Schmarrn auf SPON veröffentlichen.

„Ein 13-jähriger palästinensischer Junge soll vor einer Woche beim Fußballspielen von einem israelischen Helikopter aus erschossen worden sein. Ein geistig behinderter Mann soll vor zwei Wochen getötet worden sein, weil er auf Zuruf der Soldaten nicht stehengeblieben war.“

Das meiste, was Augstein als Tatsachen bezeichnet, ist ja schon Unsinn. Hier schreibt er nur von „soll“. Die einzigen „Belege“, die ich für diese Vorwürfe finde, sind Artikel pro-palästinensischer Blogs, Augsteins Szene also.

Israelische Zeitungen berichten über jede Schale Hummus, die in Palästina umfällt. Ich habe in letzter Zeit nichts Derartiges gelesen.

Aber dass ein palästinensischer Junge beim Fußballspielen von Israelis erschossen wurde, wäre in Israel ein Skandal gewesen. BBC, alles andere als israelfreundlich, beschreibt den Vorfall etwas anders, als Josef, äh, Jakob Augstein.

„The Palestinian boy was reportedly killed on Thursday during clashes which erupted when militants opened fire on Israeli forces which had entered Gaza.” BBC

Hört sich ganz danach an, als wäre der Junge von den Terroristen als menschliches Schutzschild missbraucht worden, in Gaza nichts Ungewöhnliches. Augstein verliert natürlich kein Wort über solche Untaten.

„Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus.“

Wenn man Hamas und Jihad schon Israel in die Schuhe schieben kann, wozu überweist der Iran dann überhaupt noch Geld nach Gaza?

Ja, Augstein bedient natürlich gerne alle Klischees. Gaza ist ein Gefängnis, zwar ein offenes, denn die Grenze nach Ägypten ist ja offen. Und mit Lager meint Augstein wohl „Verhältnisse wie im Warschauer Ghetto“, aber vom Übergewicht der Bevölkerung Gazas scheint er nicht viel zu wissen.

Kurz gesagt: Israel tötet Kinder und Behinderte, züchtet seine eigenen Feinde, betreibt Wahlkampf auf Kosten palästinensischer Zivilisten.

Und was macht Augstein? Er lügt, hetzt, verschweigt und macht aus Israel das, was er selbst nie werden konnte: Zur neuen SS.

Wir alle sind schlechte Berichterstattung gewohnt; furchtbare, unfaire Berichterstattung. Aber ist das noch menschlich, was Augstein uns zumutet? Kein Wort über die Leiden der Israelis, keine Silbe über den die innere und äußere Brutalität der Hamas. Nichts über Missbrauch von Zivilisten auf der einen Seite und den Versuch, ebendiese zu schützen, auf der anderen.

Gute Besserung, Herr Augstein. Ich kenne da einige Einrichtungen in Tel Aviv, nur leider ohne Meerblick.

Hier zum Nachlesen, Augsteins Artikel: http://www.spiegel.de/politik/ausland/jakob-augstein-ueber-israels-gaza-offensive-gesetz-der-rache-a-868015.html

Zuerst erschienen auf Filipp Piatovs Blog.

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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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